Jack the Ripper und die unbewältigte Angst von 1888

Die Angst hat nicht nur ein Janusgesicht, sie ist auch ihr eigenes Antidot. Besonders gut aufzeigen lässt sich dies am Beispiel von Jack the Ripper, dem bekanntesten Serienmörder Grossbritanniens. Sein Fall wurde zwar 1892 ungelöst zu den Akten gelegt. Doch bis heute wird nach der wahren Identität des Mörders gesucht und das unsägliche Grauen nachgestellt, das er im Herbst 1888 in London verbreitet hat. Seine grausamen Taten haben die Zeitgenossen und späteren Generationen schliesslich gleichermassen traumatisiert wie auch in ihren Bann gezogen.

 

Kapitel: Offene Fragen – Sündenpfuhl „East End“ – Whitechapel Morde – Angstgeplagte Polizei und Presse – Kreis der Verdächtigen – Männlich oder weiblich? – Urbild des Bösen

 

Offene Fragen
Jack the Ripper

Abb. 1) Jack the Ripper war der erste Serienmörder, der weltweit durch die Presse vermarktet wurde.

Das Grauen geht nicht selten mit der Faszination einher. Kein Wunder, ist die Angst einerseits das „freudige Aufgeregtsein“ oder „drängende Verlangen“ nach etwas oder jemandem, andererseits das „beunruhigende Aufgeregtsein“ oder „zwanghafte Bedürfen“, das den stets drohenden Tod erahnen lässt. Beiden voraus geht die Neugier, die mit dem Angsterleben einsetzt und die Aufmerksamkeit steuert. – Schliesslich muss zuerst einmal festgestellt werden, ob ein Angstauslöser tatsächlich eine Gefahr oder einen Nutzen für das Überleben darstellt. Sie gibt die eigentlichen Grundfragen vor: Wer? Wo? Wen? Wann? Wie? Warum?

Im Fall von Jack the Ripper gibt es auf diese Fragen kaum Antworten. Wer er war, ist bis heute ungeklärt – oder zumindest umstritten. Der Name „Jack the Ripper“ selbst ist ein Pseudonym. Die Presse, die mit seinem Fall einen eher unrühmlichen Wandel in der britischen Berichterstattung einläutete, verpasste dem unbekannten Serienmörder aber noch weitere reisserische Spitznamen, wie unter anderem „Madman“ (Geisteskranker, Irrer), „Whitechapel Butcher“ (Metzger von Whitechapel) oder „Leather Apron“ (Lederschürze).

Die Frage nach dem Wo kann beantwortet werden: Londons Distrikt „East End“, in Whitechapel sowie seinen angrenzenden Stadteilen Spitalfields, Poplar und City of London. Die Fragen nach dem Wen und Wann wiederum sind ebenfalls nicht eindeutig geklärt. Zwischen dem 3. April 1888 und 13. Februar 1891 wurden in und um Whitechapel nachweislich elf Frauen ermordet. Ihre Tötung wies zwar jeweils eine besondere Brutalität auf, doch ob die Ermordeten vor dem 31. August 1888 tatsächlich zu den Ripper-Opfern zu zählen sind, ist gleichfalls umstritten. Zu den unsicheren Fällen zählt unter anderem der von Martha Tabram, die man am 7. August 1888 mit fast 40 Messerstichen ermordet auffand. Die Zeitungen jedenfalls behaupteten dazumal, der Mord an ihr sowie weitere bis zum 10. September verübte Morde, seien von besagtem „Leather Apron“ begangen worden.

Jack the Ripper verübte im November 1888 seinen letzten Mord. Warum das sadistische Töten ein so plötzliches Ende nahm, bleibt ein Mysterium. Entscheidend war der Umstand letztlich vor allem, um die Täterschaft eines Verdächtigen zu bestimmen. Genauso dubios wie sein Verschwinden ist auch die Antwort auf die Frage nach dem Wie. Die Finder der Getöteten stolperten nicht nur sprichwörtlich über die Leichen seiner Opfer. Bis heute weiss niemand, wie der Ripper sie angelockt hat, wieso die Frauen keine Abwehrspuren und die Tatorte keinerlei Anzeichen eines Kampfes aufwiesen und warum nie irgendwelche Hilfeschreie zu hören waren. Die Frage nach dem Warum wiederum wird zweifellos unbeantwortet bleiben – auch wenn es natürlich an Spekulationen nicht fehlt.

 

 

Sündenpfuhl „East End“
London East End

Abb. 2) Das Londoner East End im 19. Jahrhundert.

Das alte East End in London war zur Zeit der Ripper-Morde ein berüchtigtes Elends- und Vergnügungsviertel. Es zeichnete sich durch enge und verwinkelte Gassen, dunkle Hinterhöfe und zahlreiche schmuddelige Etablissements aus. Radau, Schlägereien und Kriminalität waren hier an der Tagesordnung. Kein Wunder, genoss das East End einen schlechten Ruf und wurde von den “anständigen“ Bürgern und Bürgerinnen wann immer möglich gemieden.

Als die Mordserie ihren Anfang nahm, zählte die Hauptstadt Englands noch immer weltweit die meisten Einwohner. Die Bevölkerungsdichte in Whitechapel lag Schätzungen zufolge bei ungefähr zwei Millionen Menschen. Sie lebten unter den ärmlichsten und unhygienischsten Bedingungen, die man sich nur vorstellen kann. Das East End mit seinem Hafenviertel war aber nicht nur ein Auffangbecken für die Ärmsten, sondern auch für die zahlreichen und zumeist ebenso mittellosen Immigranten. In den späten 1880er Jahren handelte es sich bei ihnen vor allem um Juden aus Osteuropa (insb. Russland).

Sehr viele Frauen und alleinerziehende Mütter waren auch dazumal gezwungen, sich ihren Lebensunterhalt durch die Prostitution zu verdienen. Sie war in Grossbritannien zu Rippers Zeiten nicht illegal, jedenfalls so lange nicht, wie sie nicht in einer öffentlichen Störung ausartete. Da die Freudenmädchen jedoch nicht in den Strassen stehenbleiben durften, wollten sie denn nicht wegen dem Anwerben von Freiern (soliciting) angezeigt werden, zogen sie auf der Suche nach Kundschaft jeden Abend von einer Kneipe zur nächsten.

Den offiziellen Angaben der Polizei nach waren Morde im East End eher selten. Laut der Historikerin Sabine Freitag hatte der zuständige „Metropolitan Police Service“ (auch bekannt als Scotland Yard) vor und nach dem Auftauchen von Jack the Ripper nur 1-2 Morde pro Jahr aufzuklären. Die Misshandlung oder der gewaltsame Tod einer Prostituierten wiederum wurden nur sehr selten den Behörden gemeldet oder von der Polizei näher untersucht. Die Presse griff das Thema für gewöhnlich ebenfalls nicht auf – gehörten die Freier und Vergnügungssüchtigen im East End doch zumeist der besserbetuchten Mittel- und Oberschicht an.

Die meisten Forscher und Forscherinnen sind heute davon überzeugt, dass fünf der elf Frauenmorde mit Sicherheit einem Täter zugeordnet werden können („Kanonische Fünf“). Sie wurden zwischen dem 31. August und 9. November 1888 verübt. Bei den Opfern handelte es sich vermutlich bei allen um Prostituierte, die auch als starke Trinkerinnen bekannt waren. Bis auf das letzte Opfer waren sie alle in ihren Vierzigern. Gemeinsam war ihnen auch, dass sie nicht nur arm waren, sondern auch gerade eine persönliche Krise durchmachten (Tod des Ehemanns, Scheidung oder Trennung usw.).

 

 

Whitechapel Morde
Mary Ann Nicholls

Abb. 3) Mary Ann Nicholls.

Das blutige Ereignis, das Jack the Ripper den Londonern bescherte, wurde von den Zeitgenossen im Nachhinein als „Autumn of Terror“ (Herbst des Terrors) betitelt. Der erste offiziell-anerkannte Mord von ihm wird auf den 31. August 1888 datiert. Der Name seines ersten Opfers: Mary Ann Nicholls (Nichols). Ihr lebloser Körper wurde in den frühen Morgenstunden, kurz nach 3.30 Uhr, von zwei Arbeitern in der Buck’s Row (heute: Durward Street) entdeckt.

Die Polizisten Charles Cross und Robert Paul, die gerade ihre Runde machten, waren als erste am Tatort. Da sie unsicher waren, ob es sich bei der am Boden liegenden Frau nicht nur um eine Betrunkene handle, liessen sie nach einem Constable rufen. Er sollte die Lage checken und ein weiteres Vorgehen autorisieren. Police Constable John Neil fand sich als erster ein. Gemeinsam mit den anderen Polizisten stellte er mit Grauen fest, dass das Gesicht der Frau zahlreiche Verstümmelungen aufwies und ihr die Kehle bis auf die Halswirbel durchtrennt worden war.

Anni Chapman

Abb. 4) Anni Chapman.

Mary Ann war eine 43jährige Prostituierte mit dem Spitznamen „Polly“. Ihr Alkoholismus hatte gerade erst ihre Ehe zerstört und sie das Recht auf ihre fünf Kinder gekostet. Zuletzt gesehen wurden sie in einer Kneipe namens „Frying Pan“. Von hier aus hatte sie sich auf den Weg zu einem nahe gelegenen Lodging House (öffentliches Schlafhaus) gemacht, um ein Bett für die Nacht zu finden. Da ihr jedoch das nötige Geld fehlte, ging sie wieder auf die Strasse anschaffen. In ihren letzten Minuten soll sie gut gelaunt gewesen sein. Sie hatte sich gerade erst einen neuen Hut geleistet und wähnte sich besonders attraktiv. Selbstbewusst soll sie dem Betreiber des Lodgings noch ihre baldige Rückkehr verkündet haben.

Nur wenige Stunden später lag Mary Ann auf dem Seziertisch des verantwortlichen Leichenbeschauers. Mit Entsetzen stellte der bei der Obduktion fest, dass der Mörder ihr nicht nur den halben Kopf abgetrennt, sondern auch mehrfach wahllos in ihren gesamten Bauchraum eingestochen hatte und ihr Körper zahlreiche Hämatome aufwies. Niemand sei jemals grausamer ermordet worden als Mary Ann Nicholls, schrieb am nächsten Morgen die Zeitschrift „The Star“.

Elisabeth Stride

Abb. 5) Elisabeth Stride.

Die Polizei stand vor einem Rätsel. Von einem Verdächtigen fehlte jede Spur, und auch ein Tatmotiv war nicht zu ermitteln. Da Nicholls mit hochgeschlagenen Röcken und gespreizten Beine aufgefunden worden war, glaubte sie zuerst an eine Vergewaltigung mit Todesfolge. Spekuliert wurde auch, ob sie vielleicht das Opfer einer der vielen Banden geworden war, die tagtäglich die Prostituierten terrorisierten und ihnen ihr Geld abnahmen. Doch die Grausamkeit, mit der die Tat verübt worden war, sprach dagegen.

Der zweite Mord, der eindeutig Jack the Ripper zugeschrieben werden kann, geschah am 8. September. Am frühen Morgen entdeckte Albert Cadoche im Hinterhof der Hunbury Street 29, ganz in der Nähe von Buck’s Row, die Leiche von Annie Chapman. Sie hatte der Mörder ebenfalls fürchterlich zugerichtet und verstümmelt. Ihr Bauch war aufgeschlitzt und einige Organe waren präzise entnommen worden. Die Gebärmutter von Annie sowie ein Teil ihrer Bauchdecke wurden nie wieder aufgefunden.

Nach dem Mord an Annie kam die Polizei zu der Überzeugung, der Mörder müsse ein krankhafter Frauenhasser sein und sehr wahrscheinlich anatomische Kenntnisse besitzen. Den Kreis der Verdächtigen einschränken konnten die beiden Vermutungen jedoch nicht. Die Frage nach der Herkunft und Klassenzugehörigkeit des Rippers konnte durch sie jedenfalls nicht beantwortet werden. Vom Schlachter bis zum hochdekorierten Arzt kam jeder in Frage. Nun wurde das „Criminal Investigation Departement“ von Scotland Yard eingeschaltet und die Polizeipräsenz verstärkt. Die aufgebrachten Bürger und Bürgerinnen ihrerseits gründeten sogenannte Wachsamkeitskomitees, die jede Nacht durch die Gassen von Whitechapel patrouillierten.

Chatherine Eddowes

Abb. 6) Catherine Eddowes.

Die nächsten beiden Morde beging der Serienmörder am 30. September. Sie werden auch als „Double-Event“ bezeichnet. Die Kaltblütigkeit und Brutalität, mit der Jack the Ripper in dieser Nacht vorging, hat nicht nur breites Entsetzen unter der britischen Bevölkerung ausgelöst, sondern auch den Ripper zur Legende werden lassen. Denn in dieser Nacht offenbarte sich, dass sein Blutdurst und Tötungsdrang keine Grenzen kannten.

Das erste Opfer dieser Nacht war die schwedische Prostituierte Elisabeth Stride, die auch „Long Liz“ genannt wurde und in einem Lodging Hous in der Dean Street (wo sie zu dieser Zeit wohnte) auch als Zimmermädchen beschäftigt war. Sie wurde um 1 Uhr früh von dem Fuhrmann Louis Diemschutz entdeckt, der gerade seinen Ponywagen in den Duffield’s Yard hinter der Berner Street 40 (heute: Henriques Street) einstellen wollte. Als die Polizisten am Tatort eintrafen, stellten sie fest, dass die Leiche noch warm war. Auch war ihr “nur“ die Kehle durchgeschnitten worden, warum man später davon ausging, dass Diemschutz den Mörder bei seiner Tat gestört habe.

Nicht einmal eine Stunde später geschah das Unfassbare: der nächste Leichenfund – nur etwa zehn Minuten Fussweg von der Berner Street entfernt. Hier in Mitre Square (Algate) wurde um ungefähr 1.45 Uhr der tote Körper von Catherine Eddowes aufgefunden. Sie hatte die erste Hälfte der Nacht in der Ausnüchterungszelle der lokalen Polizeistation verbracht und war gleich nach ihrer Entlassung auf die Suche nach Kundschaft gegangen. Als man sie auffand, war ihr Gesicht kaum mehr zu erkennen. Auch ihr hatte der Ripper den Bauch aufgeschnitten und einige Organe mit geschickter Hand herausgetrennt. Ein Teil der Gebärmutter und die linke Niere fehlten. Ein Fetzen ihrer Schürze entdeckte man später in der Goulston Street, warum die Polizei auch annahm, dass der Ripper nach dem ersten Mord wieder nach Whitechapel geflüchtet sei und dazu diese Strasse genommen hätte.

Mary Jane Kelly (Tatortaufnahme)

Abb. 7) Mary Jane Kelly (Tatortaufnahme).

Die Angst in der Bevölkerung war gross. Fast noch beunruhigender aber war, dass nach dem zweifachen „Event“ das Morden plötzlich aufhörte. Ein Teil der Einwohner und der Verantwortlichen fragte sich angespannt, wann der Ripper wieder zuschlagen würde; der andere Teil hoffte verzweifelt, das Morden habe endlich ein Ende genommen. Doch dann schlug der Serienmörder wieder zu. Dieses Mal traf es Mary Jane Kelly, eine 25jährige Prostituierte aus Irland. Ihre Leiche wurde am 9. November in ihrem Zimmer im Miller’s Court Nr. 13 in der Dorset Street entdeckt. Mary Jane war nicht nur das jüngste Opfer des Rippers und das einzige, das nicht auf der Strasse ermordet wurde. Am Zustand ihrer Leiche war auch der Grad an Sadismus und Grausamkeit abzulesen, zu denen Jack the Ripper tatsächlich im Stande war.

Mary Jane war derart schrecklich zugerichtet, dass man sie zuerst nicht identifizieren konnte. Die Haut war ihr mit einem scharfen Gegenstand präzise von Gesicht und Oberschenkeln abgetrennt sowie beide Brüste abgeschnitten worden. Sie hatte der Mörder jeweils auf dem Tisch und unter dem Kopf der Leiche drapiert. Die Bauchdecke war ebenfalls wieder geöffnet, die Eingeweide und Gebärmutter samt Eierstöcken entnommen und neben den Körper gelegt worden. Das Herz fehlte.

Spätestens der Mord an Mary Jane manifestierte die grauenerregenden Geschehnisse dieses Herbstes für immer im britischen Kollektivgedächtnis. Kelly selbst ging als „Black Mary“ (Schwarze Mary) in die Kriminalgeschichte ein. Bevölkerung und Kriminologen standen nach der Tat an ihr gleichermassen unter Schock. Ihm folgte die hilflose Verleugnung. Der Mord an Kelly war so unfassbar, dass sich die Polizei in die Überzeugung flüchtete, der Tötungsdrang des Rippers sei nach dem blutigen Gemetzel endgültig befriedigt worden. Und tatsächlich wurde die hilflose Theorie durch die Zukunft bestätigt, verschwand Jack the Ripper doch spurlos … und für immer.

 

 

Angstgeplagte Polizei und Presse
Jack the Ripper - Dear Boss Letter

Abb. 8) Die angebliche Unterschrift von Jack the Ripper (Dear-Boss-Brief).

Dass die Verantwortlichen von Regierung, Behörden und auch Presseagenturen in Krisenzeiten von ganz anderen Ängsten geplagt werden als der Rest der Bevölkerung, zeigt sich auch am Fall des Rippers. Vor allem die britische Polizei bekleckerte sich im „Herbst des Terrors“ nicht mit Ruhm. Ein besonders bizarrer Vorfall ereignete sich nach dem Fund von Cathrine Eddowes. Gleich neben ihrer Leiche war ein blutgetränkter Schal gefunden worden. Ein Acting Sergeant mit Namen Amos Simpson, den offensichtlich vor allem die Nutzangst quälte, fragt doch tatsächlich bei seinem Chef nach, ob er ihn nach Hause nehmen und seiner Frau schenken dürfe – und der hatte nichts dagegen.

In der Nacht des zweifachen Mordes wiederum entdeckte man auch eine mysteriöse Nachricht, die mit Kreide auf die Wand eines Hauseingangs in der Goulston Street (nahe Mitre Square) geschrieben worden war: „The Juwes are the men That Will not be Blamed for nothing“ (Die Juden sind diejenigen, denen man nicht umsonst die Schuld geben wird). Ebenfalls hier gefunden wurde das blutverschmierte Stück einer Lederschürze – warum der Ripper von der Presse auch „Leather Apron“ genannt wurde. Was hatte es damit auf sich? Keiner wusste es. War die Nachricht ein Geständnis? Oder handelte es sich hier vielmehr um einen Immigrantenhasser, der die Situation ausnutzen und andere aufwiegeln wollte?

Der verantwortliche Inspektor Frederick George Abberline von Scotland Yard, der sich diese Fragen stellte, fand in Sir Charles Warren, dem Chef der Metropolitan Police, keine grosse Hilfe. Sobald Warren der Wand ansichtig wurde, befahl er die sofortige Entfernung der Botschaft, und dies, bevor Polizeifotos gemacht werden konnten. Als Grund gab er später an, er hätte damit antisemitischen Ausschreitungen vorbeugen wollen. Sie waren in den vergangenen Jahren im East End häufiger vorgekommen, da seit Jahren der Zustrom osteuropäischer Juden anhielt. Eine Schreibprobe, die vielleicht einen der Bekennerbriefe als authentisch hätte identifizieren können, war so verunmöglicht worden.

Die Presse betrachtete den Auslöser der Angst vor allem als einen Nutzen. Befürchtet hat sie in erster Linie sinkende Verkaufszahlen. Der Name „Jack the Ripper“, der bis heute Schlagzeilen macht, etablierte sich erst nach dem Doppelmord vom 30. September für den unbekannten Mörder. Er geht auf die Unterschrift eines Bekennerbriefes zurück, der zwei Tage zuvor bei der „Central News Agency“ eingegangen und auf den 25. des Monats datiert war. Der anonyme Absender bekannte sich in diesem zu den ersten beiden Morden und kündigte weitere an. Der Brief, den man später als „Dear-Boss-Brief“ betitelte, wurde jedoch erst am 29. September an die Londoner Metropolitan Police weitergeleitet. Sie selbst hielt ihn erst nach den Vorfällen vom 30. September für echt, da im Brief Fakten genannt wurden, die nur die Polizei und der Mörder wissen konnten.

Für die Zeitungsverlage des britischen Königreichs bedeutete die Mordserie einen Wendepunkt, hatten sie doch auch gerade erst von staatlicher Seite die Erlaubnis für eine höhere Druckauflage erhalten. Jack the Ripper war zwar nicht der erste Serienmörder, doch der erste, der durch die Presse vermarktet wurde, um die Absatzzahlen der Zeitungen zu steigern. Die Belegung grausamer aber unbekannter Straftäter mit reisserischen Spitznamen für die Headline nahm ebenfalls mit ihm ihren Anfang. Jedes Detail zu seinen Morden wurde von ihnen aufgegriffen, jede neue Story ausgeschlachtet oder aber neue erfunden. Das Ende der Morde wiederum bedeutete für die Presseagenturen zwar erneut finanzielle Einbussen, doch zeigte sich auch zukünftig, dass der Ripper-Fall immer wieder eine Schlagzeile wert ist.

Jack the Ripper hinterliess keine Spuren, nur Leichen. Die wenigen Beweise, die vielen Falschinformationen und oftmals falschen Zeugenaussagen führten zu unrühmlichen Situationen für die Gesetzeshüter von Scotland Yard. Sie hätten den Fall am liebsten für immer vergessen und unter den Teppich gekehrt. Über 120 Jahre nach den Ripper-Morden machte dementsprechend ein ganz anderer Fall Schlagzeilen. 2011 berichtete „ABC News“, dass dem britischen Detectiv und Hobbyhistoriker Trevor Marriott trotz Ablauf der Schutzfrist der Zugang zu den unzensierten Akten über die Ripper-Mordfälle von der Metropolitan Police verweigert worden war. Die Begründung: der Schutz der damaligen Polizeiinformanten und die Befürchtung, die Veröffentlichung der Daten hätte einen negativen Einfluss auf die Aussagen heutiger Informanten.

 

Jack the Ripper

Abb. 9) Zeitungsdarstellung: Die allgemeine Überzeugung, dass der Ripper der Unterschicht angehöre, kommt auch in diesem Bild zum Ausdruck. Das damals allgemein verbreitete Vorurteil, dass die Armen schon alleine aufgrund ihrer Lebensumstände böse, kriminell, geistig beschränkt und hässlich seien, wird ebenfalls angedeutet, indem die Autoritäten (links oben) in seriöser Pose den entarteten Anwohnern des East End (rechts unten) gegenüber gestellt werden.

 

 

Kreis der Verdächtigen

Die ungerichtete Angst zerstreut sich und trifft nicht selten Unschuldige. Chaotisch ist daher auch die Auswahl der Verdächtigen und die ihnen nachgesagten Motive. Zwar wurde der Ripper-Fall 1892 offiziell zu einem „cold case“ (ungelöstem Fall) erklärt, doch in der Öffentlichkeit, in den Medien wie auch in Kriminalkreisen ging natürlich das Raten, Recherchieren und Rekonstruieren weiter. Laut den Historikern und Historikerinnen wurden seit 1888 über 100 Leute verdächtigt, der „wahre“ Jack the Ripper zu sein – gemäss der Presse sind es bereits über 300.

Während die “bessere“ Gesellschaft und die Verantwortlichen der Polizei dazumal davon ausgingen, dass der Serienmörder der Unterschicht angehöre, war die einfache Bevölkerung oftmals davon überzeugt, es müsse sich bei ihm um einen vermögenden und mächtigen Mann handeln. Eine der spektakulärsten Theorien ging von der Schuld von Prinz Albert Victor aus, dem Herzog von Clarence, Enkel der Königin Viktoria und Sohn von König Edward VII. Er soll sich bei einer Prostituierten mit Syphilis angesteckt haben, was ihn verrückt werden liess und wofür er sich rächen wollte. Da sich der Prinz jedoch zur Zeit der Zweifachmorde in Schottland aufhielt, kam eine neue These auf: Sir William Gull, sein Leibarzt, habe Kelly und alle anderen umgebracht, weil Mary versucht habe, den königlichen Hof zu erpressen. Sie sei Zeugin der Eheschliessung zwischen dem Prinzen und Annie Crook gewesen, seiner schwangeren Mätresse aus dem East End.

Zu den Ripper-Verdächtigen zählte auch der verantwortliche Chef der Metropolitan Police, Sir Charles Warren, der die rätselhafte Botschaft unrechtmässig von der Wand hatte entfernen lassen. Viele Leute waren davon überzeugt, dass er durch die Aktion etwas habe vertuschen wollen. Die Schreibweise des Wortes „Juwes“ (Juden) jedenfalls deutete auf einen gebildeten Mann oder sogar ein Mitglied der Freimaurer hin. Spekuliert wurde daher auch, ob Warren selbst Mitglied dieser Gesellschaft war. Der Verdacht gegen ihn liess sich nie ganz entkräften.

Ebenfalls zu den populären Verdächtigen zählten oder zählen auch Randolph Churchill (Vater von Winston Churchill), Lewis Carroll, der Erfinder von „Alice im Wunderland“, oder aber der berühmte Viktorianische Maler Walter Sickert, der ursprünglich aus Deutschland kam. Schon seinen Zeitgenossen soll aufgefallen sein, dass Sickert vom Fall des Rippers ungewöhnlich stark fasziniert war. Auch malte er eine ganze Bilderserie, die ausschliesslich nackte Prostituierte darstellt. Offiziell in den Kreis der Verdächtigen aufgenommen wurde er jedoch erst 2002 durch Patricia Cornwell, eine amerikanische Krimiautorin.

 

Jack the Ripper - Zeitung

Abb. 10) Die Presse liess es sich nicht nehmen, dem gesichtslosen Jack the Ripper ein Gesicht zu geben und die Leute mit unterschwelligen Botschaften gegen die jüdischen Einwanderer aufzuwiegeln. Dargestellt wurde der Ripper (Bild rechts/unten) von ihr schliesslich nicht nur als „dunkler“ Mann, der sich hinter einem Bart und einem Hut versteckt. Das Phantombild von ihm wurde auch mit einer grossen, deformierten Nase versehen, die seit jeher als Merkmal der Juden gilt. Um auf sie hinzuweisen, wurde der Täter auf den Phantombilden auch immer im Profil gezeigt.

 

Nebst der Theorie gibt es aber natürlich auch die Praxis. Sie zeigt für gewöhnlich auf, wen die Autoritäten und Presseorgane tatsächlich als besondere Bedrohung eingestuft und der Bevölkerung als kollektiven Angstauslöser präsentiert haben. Schliesslich geben die Ersteren traditionsgemäss vor, wovor sich die Letztere zu fürchten hat. Dass in den damaligen Berichten der Polizeibehörden kaum Namen von Verdächtigen genannt werden, die Bekanntheitsgrad besassen, erstaunt daher kaum. Ihre Verdächtigen zeichneten sich fast durchwegs durch zweierlei Merkmale aus: entweder sie waren bereits wegen anderer Delikte oder ihrer Verhaltensweisen auffällig geworden und/oder es handelte sich bei ihnen um zugewanderte Ausländer.

Zu den damaligen Hauptverdächtigen zählte beispielsweise George Chapman, ein polnischer Betrüger und ehemaliger Medizinstudent, der 1887 nach London kam, sowie der deutsche Seemann Carl Feigenbaum. Ein weiterer Verdächtiger war der jüdische Schuhmacher John Pizer. Er war bei einem Streit mit einem der Ripper-Opfer beobachtet worden. Das Misstrauen gegen ihn verstärkt hat der Umstand, dass er bei seiner Arbeit oft mit Lederschurz und scharfen Messern herumlief. Der Anwalt Montague John Druitt wiederum war 1894, zwei Jahre nach der offiziellen Einstellung des Falls, einer der Lieblingskandidaten von Detectiv Melville Leslie Macnaghten. Kaum verwunderlich, hatte der von persönlichen Krisen erschütterte und daraufhin depressive gewordene Druitt doch sieben Wochen nach dem letzten Ripper-Mord Suizid begangen.

Dass die Massnahmen, die Regierungen in Krisenzeiten ergreifen und mittels Recht, Polizei und Medien durchzusetzen versuchen, naturgemäss sehr viel mehr Angst und Schrecken verbreiten als die reale Bedrohung selbst, zeigt sich ebenfalls am Beispiel des Ripper-Falls von 1888. Die Londoner Metropolitan Police nahm im Verlaufe der Zeit nämlich eine ganze Reihe von verdächtigen Leuten fest, und dies sehr oft nur auf der Grundlage böswilliger Verleumdungen, fadenscheiniger Indizien und so manch absurder Vermutung. Viele von den Festgenommenen wurden zwar wenig später wieder freigelassen, doch nicht wenige von ihnen wies man ohne Prozess und aufgrund willkürlicher Entscheidungen kurzerhand in ein Arbeitshaus oder in die Irrenanstalt ein. (Mehr Infos zum Thema Massnahmen und Angstverbreitung in den Beiträgen „Spionenjagd“ und „Die Grosse Furcht“!)

 

 

Männlich oder weiblich?

Abb. 11) Lizzi Williams wird seit 2012 als Verdächtige gehandelt, davor war es ihr Ehemann, der Arzt Sir John William (2005).

Die meisten Experten gehen davon aus, dass der Ripper mindestens die fünf Morde zwischen August und November verübt hat, weisen die wenigen vorhandenen Beweise auf die Tat eines Täters hin. Was aber, wenn er eine Komplizin hatte? Auf diese Idee kam der australische Wissenschaftler Dr. Ian Findlay zwar ebenfalls nicht, doch als er 2006 die DNA von den Bekennerbriefen extrahierte und untersuchte, kam er zu dem Ergebnis: Jack the Ripper war gar kein „Er“, sondern eine „Sie“.

Tatsächlich gab es schon unter den Zeitgenossen Anhänger der Theorie, dass es sich bei Jack the Ripper auch um eine Frau handeln könnte. Eine Augenzeugin hatte nämlich ausgesagt, sie hätte das fünfte Opfer, Mary Jane Kelly, Stunden später nach ihrer Ermordung noch gesehen. Der zuständige Chief Inspector kam daher auch zu der Überzeugung, es könnte sich um eine weibliche Mörderin handeln, die in den Kleidern ihres Opfers geflüchtet sei.

Der angeblich unbekannten Serienmörderin verpasste die Presse ebenfalls ein reisserisches Pseudonym: „Jill the Ripper“. Weibliche Hauptverdächtige gab es ebenfalls, darunter die Prostituierte Mary Pearcey. Sie ermordete die Ehefrau und das Kind ihres Geliebten und wurde 1890 dafür gehängt. Bei den allermeisten zeitgenössischen wie auch späteren Verdächtigen handelt es sich aber um Vertreter des männlichen Geschlechts, zeichneten sich die Morde doch vor allem durch Gewalt und Brutalität aus.

Zu den Hauptverdächtigen der Polizei gehörte daher auch Aaron Kosminski, der als Frauen- und Prostituiertenhasser bekannt war. Er wurde 1865 in Klodawa (Polen) geboren, dass dazumal von Russland beherrscht wurde. Als der Vater starb, flüchtete die jüdische Familie vor den Pogromen und immigrierte 1881 nach England. In Londons Whitechapel arbeitete er als Barbier. Kosminski wurde 1891 nicht zum ersten aber letzten Mal in eine Irrenanstalt eingewiesen, nachdem er seine Schwester mit einem Messer bedroht hatte. Mitte der 1890er Jahre sagte ein Zeuge aus, er habe gesehen, wie Kosminski eines der Ripper-Opfer attackiert habe. Eine offizielle Stellungnahme bei der Polizei abgeben wollte er jedoch nicht.

Abb. 12) Aaron Kosminski.

Aaron Kosminski, der bis zu seinem Tod im Jahre 1919 institutionalisiert blieb, gilt heute für viele als der „wahre“ Jack the Ripper. Er soll die fünf (oder auch mehr) Morde in und um Whitechapel verübt haben. Um seine Schuld zu beweisen, war ausgerechnet Acting Sergeant Amos Simpsons sensationslüsternes und berufsschädigendes Verhalten ausschlaggebend. Denn seine Ehefrau, so heisst es, soll sich über den blutgetränkten Schal nicht besonders gefreut und schnellstens in einer Schachtel weggepackt haben. Sie wurde von einer Generation an die nächste weitergereicht und 2007 versteigert.

Das Beweisstück gekauft hat Russell Edwards, ein englischer Geschäftsmann und Ripper-Fan. Er liess es auf DNA-Spuren testen. Die genetische Untersuchung des Schals wurde 2011 von dem Forensiker Dr. Jari Louhelainen an der „Liverpool John Moores University“ durchgeführt. Verglichen wurden die von ihm gewonnenen DNA-Proben mit dem Blut von Eddowes’ und Kosminskis Nachkommen. Die Ergebnisse waren laut Louhelainen eindeutig: Aaron Kosminski war Jack the Ripper.

Den Beweis untermauert hat auch die stoffliche Beschaffenheit des Schals, der vermutlich gar nicht (wie dazumal angenommen) dem Opfer gehört hat. Einerseits handelt es sich bei ihm um ein viel zu edles Stück Seide, das sich eine Prostituierte wie Eddowes gar nicht hätte leisten können, und andererseits wurde er laut Dr. Fyaz Ismail (von derselben Universität) in der Nähe von St. Petersburg Russland hergestellt, woher Kosminski eingewandert war.

 

 

Urbild des Bösen
H.H. Holmes (Herman Webster Mudgett)

Abb. 13) Der vermögende H.H. Holmes erbaute ein Hotel, um ungestört seine Gäste ermorden zu können. Auf der Ripper-Verdächtigenliste steht er seit 2003.

Den Detektiv Sherlock Holmes und seinen Freund Doktor Watson kennt die ganze Welt. Erfunden hat die Figuren der Schotte Sir Arthur Conan Doyle (1859-1930). Ihre allererste Geschichte (A Study in Scarlet) wurde 1887 veröffentlicht, ein Jahr vor den Ripper-Morden. Den Namen H.H. Holmes hingegen kennen auf unserer Seite des Teichs wohl die Allerwenigsten. Dabei zählt er heute zu einer der ersten Serienmörder der USA.

H.H. Holmes (eigentlich Herman W. Mudgett) wurde 1896 hingerichtet und später ebenfalls zu den Verdächtigen im Ripper-Fall gezählt. Wie viele Menschen er innerhalb und ausserhalb der amerikanischen Staaten umgebracht hat, ist unbekannt. Die Schätzungen liegen zwischen 27 (die er eingestand) und mindestens 200 Opfern. Nichtsdestotrotz haben die fünf Morde, die Jack the Ripper zugerechnet werden, weltweit einen grösseren Impakt auf das globale Angst- und Kollektivgedächtnis ausgeübt, als diejenigen von Holmes. Verwunderlich ist dieser Umstand nicht. Schliesslich kannte am Ende doch jeder sein Gesicht. Jack the Ripper aber blieb gesichtslos.

Um die Angst bewältigen zu können, muss sie zuerst einmal materialisiert werden. Der Mensch kann schliesslich nichts bekämpfen und auch nicht vor etwas flüchten, das er nicht sieht. Politik und Presse rückten während des Terror-Herbstes 1888 vor allem die einheimischen Kriminellen und Armen und/oder die Juden und Immigranten in den öffentlichen Fokus. Sie kanalisierten die Angst der empörten Bevölkerung und lenkten ihre Energie geschickt auf ganz bestimmte Personengruppen ab, die bereits als soziale und politische Störenfriede eingestuft wurden. In den Zeitungen und in ihren unzähligen Bildartikeln fand in erster Linie die Vorstellung vom „Dunklen Mann“ Verbreitung, der jüdische Merkmale aufweist.

Ob der Barbier und Jude Kosminski tatsächlich der „wahre“ Jack the Ripper war, bleibt umstritten. Die Vorstellung vom Ripper lässt sich schliesslich nicht nur für die allgemeine Propaganda missbrauchen, sie bietet sich auch als Projektionsfläche für die eigene unbewältigte Angst an. Besonders anschaulich zeigt sich dies an den „Ripperologisten“ selbst, wie sich unzählige wissenschaftliche Experten und Kriminologen wie auch Laiendetektive und Ripper-Fans selbst bezeichnen. Sie wehren sich seit jeher (einem Mordopfer gleich) gegen jede Auflösung des Ripper-Rätsels. Jeder neue Hinweis auf die Identität des Serienmörders scheint ihnen unwillkommen zu sein – solange er nicht das eigene Ripper-Bild bestätigt. Jedes neu aufgetauchte Dokument, jede Zeugenaussage, jeder DNA-Test und jede Theorie wird kategorisch hinterfragt, als „Meinung“ abgetan und verworfen; immer wieder werden neue Verdächtige genannt, nur weil sie ins persönliche Vorstellungsschema passen. Die Angst ist halt immer ein individuelles Erlebnis, auch wenn sie im Kollektiv erlebt werden kann.

Abb. 14) Offizielles Phantombild des Rippers.

Jack the Ripper ist der wahrhaftig gewordene „Schlitzteufel“, der an die Urängste des Menschen vor dem „bösen Feind“ und dem „Tod“ appelliert. Der Ripper steht zwar für ein moderndes Feindbild, seine Anschauung jedoch geht auf uralte Überzeugungen zurück. Er ist das fleischgewordene Böse, das die Grossstädte heimsucht und jedem überall und jederzeit den gewaltsamen Tod bringen kann. Sein dämonischer Charakter lässt sich auch an seiner Benennung ablesen, werden im Englischen doch auch der „Teufel“ und der „Schwarze Mann“ als „Jack“ bezeichnet. Die dazumal populärste Vorstellung vom Serienmörder Jack the Ripper ging davon aus, dass es sich bei ihm um einen Mann zwischen 30 und 40 Jahren handeln müsse, der ein „dunkles“ und „grimmiges“ Gesicht besitzt.

Bis heute wird dem Schrecken, den die Greultaten des Rippers ausgelöst haben, immer wieder zu einem neuen Ausdruck verholfen, und dies nicht nur in der Presse. Mittels Literatur, Theater, Film oder Computerspielen, dem Besuch von Ripper-Museen oder Besichtigungstouren zu den damaligen Tatorten wird die unbewältigte Angst von 1888 fortlaufend nachempfunden und auf neue Art konserviert, muss doch die nächste Generation sie ebenfalls zuerst einmal „verdauen“ und „verarbeiten“. Der Konsum solcher Produkte oder Dienstleistungen erzeugt schliesslich naturgemäss selbst wieder Angst, versetzt die Leute in Erregung und macht sie aktionsbereit.

Die Ripper-Fans und Gruselfreunde würden diese Angst als „freudiges Aufgeregtsein“ beschreiben, andere hingegen als ein „beunruhigendes Aufgeregtsein“, das einem die eigene Sterblichkeit vor Augen führt. Egal aber, für welche Variante sich die eigene Angst dann auch entscheiden mag, die Urängste vor dem „Tod“ und „bösen Feind“ kann keine Reaktion jemals vollständig bewältigen. Daher wird auch die Geschichte von Jack the Ripper immer wieder aufs Neue „verpackt“ und (wie der blutgetränkte Schal im Eddowes-Fall) weitergereicht, damit auch der Nächste „das Fürchten lernt“ vor dem Teufel in Menschengestalt, der einem überall im Strassenlabyrinth des Grossstadtdschungels auflauern kann.

 

 

Literatur: Begg, Paul: Jack the Ripper. The Facts, London 2006; Ders. (u.a. Hg.): The Complete Jack the Ripper A To Z, London 2010; Curtis, Lewis-Perry: Jack the Ripper & The London Press, Yale (University Press) 2001; Evans, Stewart P. und Rumbelow, Donald: Jack the Ripper. Scotland Yard Investigates, Stroud 2006; Evans, Stewart P. und Skinner, Keith: The Ultimate Jack the Ripper Sourcebook. An Illustrated Encyclopedia, London 2002; Freitag, Sabine: Mord im East End, in: Damals (9/2002), Stuttgart 2002, S. 14-19; Püstow, Hendrik und Schachner, Thomas: Jack the Ripper. Anatomie einer Legende, Leipzig 2006; Rubenhold, Hallie: The Five. Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden, Zürich 2020; Sugden, Philip: The Complete History of Jack the Ripper, London 2002; Werner, Alex (Hg.): Jack the Ripper and the East End London, London 2008.

Bildernachweise: Titelbild, Abb.) 3-5, 7) Jack-the-ripper.org; Abb. 1) Mentalfloss.com; Abb. 2) Welt.de; Abb. 6) Common.wikimedia.com; Abb. 8) Science20.com (Fiona Hanson/PA Archive); Abb. 9) Kurier.at; Abb. 10) Itv.com; Abb. 11) Livescience.com (Seren); Abb. 12) Dailymail.co.uk; Abb. 13) Whitechapeljack.com; Abb. 14) Pinterest.com.

 

By |2021-06-06T18:22:46+00:00Februar 6th, 2021|AnGSt|0 Comments