Emil Coué und die Angstbewältigung durch Autosuggestion

Emil Coué setzte das Unbewusste mit der Angst gleich, und beschrieb Jahrzehnte vor den modernen Neurowissenschaften die Funktionen, Eigenschaften und Mechanismen der biologischen Angst. Im Couéismus stellen Angstvorstellungen die entscheidende Ursache aller psychischen und der meisten physiologischen Krankheiten dar. Selbst „Angsterkrankungen“ sind ihm nach Produkte der eigenen Einbildungskraft. Mit seiner Methode der „Selbstbemeisterung“ hat Coué zu seiner Zeit Tausende von ihren Ängsten, Gebrechen und sonstigen Krankheiten kuriert.

 

Emil Coué und sein Zeitalter
Emil Coue

Abb. 1) Emil Coué.

Die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert markiert die Wirkungszeit Emil Coués. Sie kennzeichnet eine Zeit des Zwiespalts und Wandels, der sich in sämtlichen Lebens- und Glaubensbereichen bemerkbar machte und mit der Ablösung religiöser Traditionen, althergebrachter Autoritäten und Gesellschaftsstrukturen einherging. Der „Fortschritt“ boomte und verlangte nach einem neuen Mensch- und Weltbild. Doch der menschliche Geist fühlte sich angesichts der rasanten sozialen und technologischen Entwicklung schon bald überfordert. Das Thema „Angst“ beherrschte das Zeitalter sowohl im öffentlichen wie auch privaten Bereich.

Seit dem 19. Jahrhundert setzten sich unter anderem die Philosophen wieder intensiv mit dem Konzept der „Weltangst“ auseinander, da der Fortschritt sich von seiner negativen Seite zu präsentieren begann. Das sogenannte „Jahrhundert der Melancholie“ (18. Jahrhundert) wurde durch das der „Hysterie“ bzw. „Neurosen“ abgelöst. Vor allem aus der Existenz- und Tiefenphilosophie kamen neue Ideen und Impulse, die für die moderne Psychiatrie und klinische Angstforschung wichtig werden würden. Die Vertreter der Medizin und Biologie wandten sich ebenfalls der Angst zu. Der Chemiker K.L. Friedrich Stolz synthetisierte – als erstes Hormon überhaupt – das Hormon „Adrenalin“, das hauptverantwortlich für die körperlichen Angstreaktionen ist (1904). Der Physiologe Walter B. Cannon wiederum veröffentlichte seine bahnbrechende Studie über die Wesensgleichheit von Angst und Wut und führte erstmals den Begriff „Flucht-oder-Angriff Reaktion“ in die Wissenschaft ein (1915).

Beherrscht hat das Angst-Thema nicht nur die philosophische und biologische Forschung, sondern auch das politische, soziale und wirtschaftliche Leben. Die Zeit Coués war nämlich auch die Zeit eines europäischen Mächtekampfs um die Weltherrschaft, der letztlich im Ersten Weltkrieg mündete (1914-1918) und Europa seine Weltstellung kostete. Er schürte nicht nur zusätzlich die Furcht vor Tod, Hunger und Krankheit, sondern brachte auch unzählige „Kriegsneurotiker“ und „Kriegshysteriker“ hervor. Bereits während des Krieges und vor allem in der Nachkriegszeit versuchten alle europäischen Regierungen und Behörden das Problem mit den unzähligen „Neurasthenikern“, den „Nervenschwachen“ und „Zitterer“ (wie die damaligen Angsterkrankten unter anderem genannt wurden) in den Griff zu bekommen, doch erfolglos. Die bekannten Methoden und Therapien zeigten bei ihnen kaum oder keine Wirkung, was insbesondere die Ärzteschaft bis aufs Äusserste frustrierte (Siehe dazu auch den Beitrag „Invalidität und Kriegsneurosen“!).

Zu den ratlosen Ärzten zählte auch M. S. Monier-Williams, der als Facharzt an der Klinik für seelische Erziehung in Chelsea (London) tätig war und später selbst Coués Methode gelehrt hat. In einem Vortrag, den er 1924 in der englischen Hauptstadt hielt, fasste er die Angstproblematik seiner Zeit und die Bedeutung Emil Coués zusammen:

„Welches sind erstens die Krankheiten, welche der Menschheit das meiste Leid zufügen? Sind es der Krebs, die Tuberkulose oder die mannigfachen anderen Krankheiten, die ich Ihnen aufzählen könnte? Nein, es sind die Neurasthenie und der nervöse Zwangszustand, welchen man am besten als „die Angst, Angst zu haben“ bezeichnen kann. Diese Krankheiten werden besonders schrecklich, wenn sie mit Schlaflosigkeit verbunden sind, die einen bis zum Tagesanbruch wachhalten kann. Die schlaflosen Stunden sind schrecklich für diese Leute, welche sich immer wieder in ihren Kissen wälzen und unter allerhand Beklemmung, Angst und Trostlosigkeit dem Tag entgegenharren. Einige unter Ihnen mögen diesen Zustand aus eigener Erfahrung kennen. Als ich vor drei Jahren zum ersten Mal nach Nancy ging, um dort die Klinik und die Methode von Herrn Coué kennen zu lernen, war ich höchlich erstaunt zu sehen, wie diese Kranken, die den gewöhnlichen Arzt zur Verzweiflung bringen, sich täglich besserten.“

Der Franzose Emil Coué wusste die Wissenschaft mit seiner simplen Methode und seinem bis dahin unbekannten Heilungserfolg zu verblüffen. Er wurde am 26. Februar 1857 in eher ärmlichen Verhältnissen in Troyes (Region Grand Est) geboren und starb am 2. Juli 1926 in Nancy. Aufgrund seiner Herkunft blieb ihm ein Studium vorerst verwehrt, doch konnte er eine Ausbildung zum Apotheker machen. 1885 begann er sich mit den neuen Ideen der Psychoanalyse und Psychologie in einem Studium auseinanderzusetzen. Während diesem beschäftigte er sich besonders intensiv mit dem Fachgebiet „Hypnose“. Als der Rummel um seine Person aufkam, war er bereits als therapeutischer Hypnotiseur tätig und bediente die grosse Nachfrage der Bevölkerung nach geistigem Beistand.

Titanic

Abb. 2) Der Untergang der Titanic (1912) hat den Fortschrittsglauben der damaligen Zeitgenossen zutiefst erschüttert.

Ende des 19. Jahrhunderts stand der Welthandel auf einem nie gekannten Höhepunkt. Es war die Zeit der „zweiten industriellen Revolution“. Das Zeitalter von Stahl, Elektrizität, Öl und Chemieprodukten löste das vorangegangene von Kohle und Eisen ab. Der Zeitgeist wurde von der philosophischen Lehre des Materialismus‘ beherrscht, der in der Stofflichkeit die wahre Wirklichkeit sieht, die geistige Realität leugnet und geistiges Geschehen nach mechanischen Gesetzen erklärt. Seine Dominanz im Denken der Zeitgenossen spiegelt sich auch in Coués eigenem Vergleich des Menschen mit einem „Automobil“ wider, das sich aus einer Karosserie (Körper) und einem Motor (Geist) zusammensetzt. Herangezogen wurde der Vergleich besonders gerne, um die einseitige Behandlung der klassischen Heilkunde anzuprangern, die nur die „Karosserie“ pflegt, den „Motor“ jedoch völlig vernachlässigt.

Ausgewirkt hat sich der Materialismus auch auf die Ausbildungsstätten. Zur Zeit Coués bemühten sich die wissenschaftlichen Disziplinen an den Universitäten vor allem darum, sich voneinander abzugrenzen, um die eigene Lehrposition und Bedeutung für das „neue“ öffentliche Leben hervorzuheben. Im Verlaufe des kulturellen Wandels wurden alle zuvor errungenen Erkenntnisse der Geisteswissenschaften hinterfragt und erneut der Ratio unterworfen; alle zuvor gefällten Glaubens- und wissenschaftlichen Grundprinzipien wurden wieder kritisch beäugt und unbequeme Fakten oftmals als Absurditäten abgetan, die dem Aberglauben und Okkultismus entsprangen. Emil Coué konnte durch seine Beschäftigung mit dem „Hypnotismus“ und seine Praxiserfahrung diese Kluft schliessen.

Gleichzeitig war es Coué aber auch möglich, das immense gesellschaftliche Bedürfnis nach einem neuen, besseren Lebensgefühl zu befriedigen, das die geistige und metaphysische Welt wieder miteinbezog. Gemäss eines zeitgenössischen Artikels der „Times“ zeigte das damals sehr ausgeprägte Interesse an Coués Arbeit, „daβ die Menschen darauf vorbereitet waren, daβ sie ganz unbewuβt den Materialismus der letzten zwanzig Jahre verlassen hatten. Gesunde wie Kranke sehnen sich nach etwas besserem als der bloβen mechanischen und passiven Deutung der Lebensvorgänge.“

Der öffentliche Drang nach einer Veränderung, einem neuen Menschbild war sehr gross. Dies erklärt auch das ungeheuerliche Interesse an der dazumal aufkommenden Psychoanalyse durch Sigmund Freud (1856-1939). Mit ihr, so erhofften sich die Zeitgenossen, hatte man endlich das nötige Mittel gefunden, um in dieser modernen Welt seinen Seelenfrieden wieder herzustellen und das Selbstvertrauen zu stärken. Doch obwohl der Hype ungemein gross war, zeichnet sich Coués Zeit auch durch einen einsetzenden Überdruss am ständigen Analysieren des eigenen Unbewusstseins aus, das in erster Linie als “Feind“ betrachtet wurde. Zu oft mündete die psychoanalytische Selbstreflexion am Ende in neuen Ängsten, in neuen Schuld- und Schamgefühlen. Ein Hauptverdienst Coués sah der Mediziner Monier-Williams daher am Ende vor allem auch darin …

„ … daβ er uns zum Studium des Bewuβten zurückgeführt hat. In den letzten Jahren war das Unbewuβte in der Mode. Keine Woche verging, ohne daβ ein neues Buch erschien über den unbewuβten Geist (mit seinen Abteilungen: vorbewuβt, unbewuβt, wirklich unbewuβt usw.), so daβ man glauben konnte, es gebe keinen anderen Geist. Heutzutage scheinen die Leute wirklich von ihrem Unbewuβten besessen zu sein. Eine Dame, die letzten Sommer gleichzeitig mit mir in Nancy war, sagte zu Herrn Coué ‚Meine Krankheit besteht darin, daβ ich mir meines Unterbewuβten zu sehr bewuβt bin‘.“

Coué, der die Wissenschaft und Öffentlichkeit mit einer uralten Idee begeistern konnte, war vor allem Praktiker. Seinen Wissensschatz bezog er weniger aus Lehrbüchern als vielmehr aus seiner Erfahrung mit Patienten in seiner Tätigkeit als Apotheker, Hypnotiseur und Heiler. Seine Methode zog nicht nur grosses wissenschaftliches, sondern auch mediales Interesse auf sich. Von 1912 an bis zu seinem Tode hielt Coué in vollen Sälen in Europa und den USA Vorträge über seine Methode, die vor allem eine Behandlungstherapie darstellt.

 

„Die heutzutage so weit verbreitete Neurasthenie wird durch oftmalige, im Sinn meiner Anweisungen vorgenommene Suggestionsbehandlung in der Regel geheilt. Ich hatte die Freude, zur Heilung zahlreicher Neurastheniker beitragen zu können, bei denen jede andere Behandlung versagt hatte.“

 

 

Hypnose und Suggestion

Emil Coués Wirkungsort war Nancy, Hauptort des Grand Est (ehemals Lothringen), das als traditionelle Heimat des Hypnotismus bekannt war. Die wissenschaftliche Dogmatisierung der Hypnose und ihre Einführung als Therapiemittel nahmen hier mit der sogenannten Schule von Nancy ihren Anfang. Geprägt wurde die Schule in erster Linie durch den Landarzt August Ambrois Liebéault (1823-1904) und den Mediziner Hippolyte Bernheim (1837-1919), der später als „Vater der Suggestion“ in die Geschichte einging. Liebéault behandelte zahlreiche Patienten unterschiedlichster Erkrankungen mit Hypnose; Bernheim wiederum interessierte sich für sie im Rahmen seiner Professur für Innere Medizin in Nancy. Beide waren im Verlaufe ihrer Tätigkeit zu zweierlei Schlüssen gelangt: 1) jeder Mensch ist hypnotisierbar und 2) ein hypnotischer Zustand kann ausschliesslich durch die Suggestion hervorgerufen werden.

Der Begriff „Suggestion“ steht einerseits für einen kommunikativen Akt und andererseits für die Form einer Botschaft. Definiert wird er als eine „Übertragung von Affekten“ und „willkürliche Beeinflussung zur Ausbildung von Vorstellungen mit ungewöhnlicher psychischer Wirkung“. In seiner wichtigsten Schrift „Die Selbstbemeisterung durch bewuβte Autosuggestion“ (1920) legte Emil Coué seine Methode dar. Hier stellte er entgegen dem Mainstream die kühne These auf, dass es sich bei der „Suggestion“ immer um eine „Autosuggestion“ handle und daher beide gleichzusetzen seien.

Im Verlaufe seiner Tätigkeit war Coué nämlich zu der Überzeugung gelangt, dass eine Suggestion (Beeinflussung) nur kurzfristig hilft, wenn der Patient aus ihr nicht selber eine bewusste Autosuggestion (Selbstbeeinflussung) macht. Die Suggestion ist seiner grundlegenden Idee nach daher im Grunde auch immer eine Autosuggestion. Dazu Coué:

„Was versteht man unter Suggestion? Da wäre folgende Definition möglich: ‚Ein Vorgang, der darin besteht, daβ ein Gedanke dem Gehirn eines anderen Menschen aufgedrängt wird.‘ Gibt es dergleichen? Eigentlich nicht. Als selbständiges Geschehen kommt die Suggestion gar nicht vor; ihre notwendige Vorbedingung ist, daβ sie sich bei der zu beeinflussenden Person in Autosuggestion verwandelt. Diesen Begriff aber definieren wir folgendermaβen: ‚Durch uns selbst bewirken, daβ ein Gedanke in uns selber Wurzel faβt.‘ Man kann jemanden etwas suggerieren; wenn jedoch dessen Unbewuβtes diese Suggestion nicht angenommen, sie gewissermaβen nicht verdaut hat, wobei sie sich in Autosuggestion verwandelt, bleibt die Suggestion völlig wirkungslos.“

Hypnose Eichberg 1919

Abb. 3) Hypnose und Suggestion waren bereits in den ersten Stummfilmen das Haupt- und Leitthema. Hier ein Bild aus dem deutschen Film „Hypnose“ (1920) von Richard Eichberg.

Coué setzte am Ende aber nicht nur Suggestion und Autosuggestion gleich. Er kam auch zu der Überzeugung, dass der hypnotische Trancezustand für eine Behandlung unnötig sei und eine Suggestion ebenso gut im Wachzustand durchgeführt werden könne. Daher verwarf er letztlich die Hypnose als Therapiemittel und verzichteten fortan fast völlig auf ihren Einsatz. Natürlich führten diese Veränderungen zu Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Disziplin. Aus der Debatte hervor ging die Neue Schule von Nancy.

Gespalten waren auch die Meinungen unter den Ärzten und angehenden Psychologen. Die Psychoanalytiker waren davon überzeugt, die Suggestion (und dazu zählten sie auch die Autosuggestion) könne zwar die Symptome einer Krankheit verändern und sich anhand neuer zeigen, sie könne Erkrankungen aber nicht heilen. Dass die Suggestion/Autosuggestion wiederum bei körperlichen Leiden erfolgreich angewendet werden kann, hat viele Mediziner sehr befremdet. Coué konnte jedoch den Nachweis erbringen, dass dem Unbewussten beim Verlaufe organischer Krankheitsfälle eine wichtige Rolle zukommt und jede Krankheit immer einen physiologischen und einen psychischen Aspekt besitzt.

Die Suggestion-Methode schaffte ihren Durchbruch in der Wissenschaftswelt erst, als die Hypnose aus ihrem Konzept beseitigt wurde. Kein Wunder, hatte die traditionelle Angst vor der Hypnose und dem Hypnotiseur das Patient-Therapeuten Verhältnis sehr stark belastet. Der Trancezustand wurde dazumal noch immer mit dem nicht lange zurückliegenden (und in weiten Teilen noch immer herrschenden) Glauben an das Okkulte, an Magie, Zauberei und religiösen Mystizismus in Verbindung gebracht. Unter den Philosophen, Medizinern, Neurologen und Psychoanalytikern betrachtete man die Hypnose und die Suggestion daher auch mit Skepsis und stufte sie im Allgemeinen als gefährlich ein.

Viele hielten Coué vor, dass die Suggestion/Autosuggestion ein uraltes Mittel der Medizin aber auch der Religion darstelle. Natürlich wusste er das ebenfalls und ging in seinem Werk ausführlich darauf ein. Der Vorwurf, seine Methode einspringe der okkulten Wissenschaft, machte ebenfalls keinen Eindruck auf ihn. In seinem Werk schrieb er freimütig: „Das Verfahren der Wunderdoktoren läβt sich immer auf Autosuggestion zurückführen; ihr Hokuspokus von Worten, Beschwörungen, Gebärden, theatralischen Effekten zielt nur darauf ab, beim Kranken die heilwirkende Autosuggestion in Gang zu bringen.“ Der englische Arzt Monier-Williams sah in Coués Widerspruch zur allgemeinen Sichtweise letztlich einen seiner grössten Verdienste:

„Herr Coué (hat) die Menschheit gelehrt, die Suggestion nicht mehr zu fürchten. Zu allen Zeiten hat man den Schaden erkannt, den eine schlechte Suggestion anzustiften vermag. Man hat sich von jeher gehütet, einem Patienten zu sagen: „Sie sehen recht schlecht aus heute“; aber der guten Wirkung einer guten Suggestion hat man immer den Arzt vorgezogen, der Mittel verschreibt und den Patienten versichert, sie täten ihm gut. Man misstraute immer ein wenig dem Arzte, der neben den Mitteln, die er verschrieb, auch noch etwas Suggestion trieb und man fürchtete direkt denjenigen, welcher kurzerhand ganz ohne Mittel eine Kur unternahm, indem er den Patienten bat die Augen zu schliessen und sich möglichst gehen zu lassen, während er ihm in befehlendem Ton sagte: „Sie sind geheilt“. Hatte er damit kein Glück, so hielt man ihn für einen Quacksalber, gelang es ihm, so betrachtete man ihn als einen gefährlichen Menschen, der auf den Willen der Kranken eine Art mysteriösen hypnotischen Zaubers ausübte.“

 

 

Das bewusste und das unbewusste Ich
Hitchcock Rebecca 1940

Abb. 4) Der Tonfilm führte die Tradition fort. Vor allem Alfred Hitchcock hat der Suggestion ein filmisches Denkmal gesetzt. Hier ein Bild aus dem Film „Rebecca“ (1940).

Zur Zeit Coués stand die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten im Zentrum der Wissenschaften. Mit ihr wurde eine Jahrhunderte lange Debatte weitergeführt, die sich mit der Frage beschäftigt: besitzt der Mensch einen „freien Willen“ oder nicht? Mit ihr einher geht traditionell die Frage, welchen Einfluss die Angst auf sein Denken und Verhalten nimmt. Denn seit jeher wird sie als DAS entscheidende Argument aufgeführt, das gegen einen freien Willen spricht. Das Dilemma spiegelt sich auch in Monier-Williams‘ Äusserung über seine Zeitgenossen wider: „Die Leute sind … heutzutage gar zu gern geneigt, ihr Unbewuβtes als den Urheber ihrer schlechten Gedanken (und bloβ der schlechten) zu betrachten und auf diese Art mit einer gewissen Feigheit jegliche bewuβte Verantwortlichkeit für diese schlechten Gedanken von sich zu schieben.“

Emil Coués Methode gründete auf einer neuen Sichtweise des Unbewussten und des freien Willens. Über den „Willen“ schrieb er: „Wenn wir in einem Wörterbuch die Bedeutung des Wortes ‚Wille‘ suchen, finden wir ungefähr folgende Definition: ‚Fähigkeit, sich frei zu gewissen Handlungen zu entscheiden‘. Wir nehmen diese Definition als richtig und unanfechtbar hin. Aber nichts ist falscher als das! Denn dieser Wille, dessen wir uns so stolz rühmen, unterliegt nämlich stets, wenn er mit der Vorstellungskraft in Widerstreit gerät. Dies ist ein Gesetz, das keine Ausnahme kennt.“

Coué setzte das Bewusstsein mit dem „Willen“ und das Unbewusstsein mit der „Einbildungskraft“ gleich. Für ihn ist das menschliche Vorstellungsvermögen eine Lebenskraft, die nie schläft und nie vergisst. Sie ist die Quelle der bewussten Gedanken wie der nächtlichen Träume. Im Gegensatz zum damaligen Mainstream vertrat Coué aber auch die revolutionäre Meinung, dass die Einbildungskraft sämtliche Funktionen des menschlichen Körpers steuert. Daher nimmt sie nicht nur einen besonderen Einfluss auf die Physionomie und die organischen Krankheiten des Menschen, sondern bestimmt darüber hinaus auch sein Verhalten. Dazu Coué:

„Das Unbewusste bestimmt nicht nur die Funktionen unseres Organismus, sondern auch den Ablauf aller unserer Handlungen, welcher Art sie auch immer sein mögen. Das, was wir Einbildungs- oder Vorstellungskraft nennen, bestimmt – wie ich im Gegensatz zur herkömmlichen Auffassung behaupte – alle unsere Handlungen, sogar, ja vor allem solche gegen unseren Willen, wenn diese beiden Kräfte (Vorstellung und Wille) miteinander konkurrieren. …Ich will nicht behaupten, daβ nicht auch der Wille eine Kraft sei. Im Gegenteil, er ist eine groβe Kraft; aber diese kehrt sich fast immer gegen uns.“

 

 

Autosuggestion

Emil Coué teilte die Autosuggestionen in ‚gute‘ und ‚schlechte‘ ein. Er vertrat die Meinung, dass zahlreiche Krankheiten und krankhafte Symptome durch „schlechte, unbewusste Autosuggestion“ entstehen oder sich verschlimmern. Im anhaltenden Gedanken an die Krankheit und in der Befürchtung, dass sich diese unter ganz bestimmten Umständen zeigen müsse, sah er daher auch den Ursprung aller psychischer und der meisten physiologischen Erkrankungen. Seine Methode zielte darauf ab, die „schlechten, unbewussten“ durch ‚ „gute, bewusste“ Autosuggestionen zu ersetzen. Am Anfang jeder schlechten, unbewussten Autosuggestionen steht die Angstphantasie. Die Angst als Hauptverursacherin negativer Autosuggestionen führte Coué gleich zu Beginn seiner Hauptschrift ein und zwar mit folgendem Beispiel:

„Nehmen wir einmal an, wir legen ein 10 m langes und 25 cm breites Brett auf den Boden. Selbstverständlich wird jedermann von einem Ende zum anderen gehen können, ohne daneben zu treten. Nun wollen wir uns aber den gleichen Versuch unter anderen Bedingungen angestellt denken: dasselbe Brett verbinde als Steg die zwei Türme eines Domes. Wer wird noch imstande sein, auf solchem Stege auch nur einen Meter zurückzulegen? … Keine zwei Schritte könnten Sie tun, ohne dass Sie ein Zittern befallen würde. Trotz der stärksten Anspannung der Willenskraft würden Sie unfehlbar abstürzen. Wieso fällt man nicht, wenn das Brett auf der Erde aufliegt, und warum würde man fallen, wenn es hoch oben angebracht wäre? Weil man sich im ersten Falle einfach vorstellt, es sein keine Kunst, bis ans Ende des Brettes zu gehen, während man sich im zweiten Falle vorstellt, man könne es nicht. Beachten Sie: Man will zwar unbedingt vorwärts gehen, aber die blosse Vorstellung, man könne es nicht, erweist sich als unübersteigliches Hindernis. Dachdecker und Zimmerleute bringen jenes Schreiten auf schmalen Planken nur darum zuwege, weil sie sich eben vorstellen, es zu können.“

Die älteste und wohl geheimnisumwittertste Angst, mit der sich der Mensch seit Jahrtausenden auseinandersetzt, ist die Angst vor der Angst. Jemand, der an seiner Angst erkrankt, ist Coués Meinung nach schlichtweg einer schlechten, unbewussten Autosuggestion erlegen, die durch eine Angstvorstellung seines Unbewusstseins hervorgerufen wurde. Wie aber bewerkstelligt man eine gute, bewusste Autosuggestion?

Hitchcock Spellbound 1945

Abb. 5) Auf der Suche nach dem zweiten Ich: Hitchcocks “Spellbound” (1945).

Wer Selbstgespräche führt oder als Erwachsener „Baby Talk“ praktiziert, wird normalerweise schief angesehen und als verrückt abgestempelt. Doch genau auf diesem Prinzip baut die Couésche Methode auf. Coué selbst betonte in seinem Hauptwerk immer wieder, dass die Botschaft, die dem Unbewusstsein suggeriert werden soll, unbedingt in „kindlicher Form“ gehalten werden müsse. Ausserdem sei vor allem eine allgemein gehaltene Suggestion von Vorteil, da diese sich immer wirksamer zeige, als eine, die sich auf spezielle Beschwerden konzentriere. Im Fall einer speziellen Symptomatik rät Coué, seine Hand auf die betroffene Stelle des Körpers zu legen oder sie zu streicheln (im Falle einer psychischen Erkrankung ist es die Stirn), während man seine Botschaft an das Unbewusste aufsagt. Seine bekannteste Suggestionsbotschaft ist: „Es geht mir von Tag zu Tag und in jeder Hinsicht immer besser und besser“ (Tous les jours à tous points de vue je vais de mieux en mieux).

Coué war der Meinung, dass eine schlechte, unbewusste Autosuggestion einfach durch eine gute, bewusste getilgt werden könne. Am besten abends vor dem Einschlafen und morgens beim Erwachen, wenn der Körper noch vor sich hindämmert und der Wille schwach ist, soll der Patient einfach zwanzig Mal seine Suggestion leise aufsagen, so dass die Nachricht über das Gehör im Unbewussten gefestigt wird – und schon beginnt die Heilwirkung der Autosuggestion. Natürlich ist die Methode aber zu jeder Tages- und Nachtzeit durchführbar. Dazu Coué:

„Man ziehe sich in ein Zimmer zurück, in dem man vor Störung sicher ist, setze sich in einen Lehnstuhl, schlieβe die Augen, um durch nichts abgelenkt zu werden, und denke dann eine kleine Weile nur: ‚Dies oder das schwindet, dies oder jenes tritt in Erscheinung‘. Wenn es dabei nun wirklich zu einer Autosuggestion kommt, das heiβt, wenn das Unbewuβte die dargebotene Vorstellung sich zu eigen gemacht hat, so wird sich das Gedachte in der erstaunlichsten Art und Weise verwirklichen. (Es ist eine wesentliche Eigenschaft der auf dem Wege der Autosuggestion beigebrachten Gedanken, daβ sie jenseits unseres Bewuβtseins in uns leben und daβ sie uns dieses ihr Dasein eben nur durch die Wirkungen kundgeben, die sie hervorbringen.).“

Wer oder was die ‚schlechte, unbewusste Autosuggestion‘ ausgelöst hat, ist nach Coué unwesentlich, um eine Erkrankung heilen zu können. Nur das Wissen um der Wirkung, der Symptome ist entscheidend. Coué interessierte sich daher auch nicht für den Ursprung einer Krankheit und hielt eine psychologische Analyse des Patienten für unnötig: „Kümmert euch nicht um die Ursache des Leidens, stellt einfach die Wirkung fest und lasset sie verschwinden. Nach und nach wird euer Unbewuβtes auch die Ursache zum Schwinden bringen, wenn dies möglich ist.“

Viele Wissenschaftler haben sich aufgrund der wachsenden Zahl an sogenannten „Neurotikern“ und „Hysterikern“ natürlich vor allem für die psychischen Aspekte der Angst interessiert, und auch Coué selbst betonte: „Entgegen der landläufigen Meinung sind körperliche Krankheiten im allgemeinen viel leichter zu heilen als seelische.“ Der englische Arzt Monier-Williams, der selbst viele von ihnen behandelt hat, war derselben Meinung. Er beschreibt seine praktischen Erfahrungen unter anderem mit den Worten:

„In der kleinen unentgeltlichen Klinik von King’s Road in Chelsea, wo ich Coué’s Methode der bewuβten Autosuggestion lehre, gebe ich für gewöhnlich folgende Erklärung: „Es ist unnütz zu versuchen, einen Gedanken nicht zu denken, so lange Sie an ihn glauben“. Wenn in ihrem Unbewuβten ein wirkungsstarkes Bild der Angst existiert, ein Bild vieler schrecklicher Einzelheiten, die einer falschen Ueberzeugung entspringen, so ist es ganz überflüssig zu versuchen, dies Bild zu tilgen. Das wird Ihnen nie gelingen; das Bild wird nur desto lebendiger werden. Schaffe man lieber statt dessen mittels der aufbauenden Einbildungskraft ein anderes besseres Bild, ein Bild des Mutes und des Vertrauens und man wird dieses Bild mittels des täglich wachsenden Glaubens immer deutlicher vor sich stehen haben, dagegen das alte Bild der Angst mehr und mehr verblassen sehen, bis es ohne die geringste Anstrengung vollständig verschwindet.“

 

„Wieviel grundlose Angstzustände oder ‚instinktive Abneigungen‘ jeden Grades (manchmal sind sie kaum mehr wahrnehmbar) werden auf diesem Wege in den breiten Massen ausgelöst; welche überflüssigen Leiden fügen wir alle uns selbst auf allen Lebensgebieten zu, nur weil wir nicht immer sofort unsere ‚bösartigen unbewussten Autosuggestionen‘ durch ‚wohltätige bewusste Autosuggestionen’ überwinden und uns so von allem unnötigen Leid befreien.“

 

 

Anstrengung und Zielsicherheit
Hitchcock Gaslight 1944

Abb. 6) Von der Suggestion zur Autosuggestion: In den frühen Tonfilmen standen vor allem Frauen im Mittelpunkt, die von ihren Ehemännern manipuliert werden. Hier ein Bild aus Alfred Hitchcocks „Gaslight“ (1944).

Für Emil Coué stand fest: „Nicht der Wille ist der Antrieb unseres Handelns, sondern die Vorstellungskraft.“ Denn, wenn der Wille und die Einbildungskraft nicht dasselbe Ziel anpeilten, geraten sie in einen Widerstreit, aus dem die Vorstellungskraft immer als Siegerin hervorgeht. Der elementarste Grundsatz des Couéismus‘ definierte Coué daher auch mit den Worten: „Krankheit fürchten heiβt, sie verursachen“. Aus dieser Überzeugung hervor gingen auch zwei wichtige, allgemein anerkannte Gesetze der Suggestion: die verwandelte Anstrengung und die unbewusste Zielsicherheit.

Das Gesetz der „verwandelten Anstrengung“ besagt: Wenn eine Vorstellung den Geist so gefangen genommen hat, dass sie eine Autosuggestion auslöst, so werden alle bewussten Anstrengungen (Willensäusserungen) eines Individuums, um dieser Suggestion zu widerstehen, sie nur umso wirksamer machen. Dazu Coué:

„Eine Vorschrift aber ist von ungeheurer, entscheidender Bedeutung: die Ausübung der Autosuggestion muβ ohne jede Einmischung des Willens erfolgen. Denn wenn der Wille mit der Vorstellung in Widerstreit gerät, wenn man etwa denkt: ‚Ich will, daβ dieses oder jenes eintrete‘, so braucht nur die Vorstellungskraft einzuwenden: ‚Du willst es wohl, aber es wird doch nicht geschehen‘, und man wird nicht nur das Erstrebte nicht erlangen, sondern es tritt sein genaues Gegenteil ein. Diese Beobachtung ist von grundlegender Wichtigkeit. Durch sie wird die Tatsache verständlich, warum man bei der ärztlichen Behandlung seelischer Krankheiten mit allen Versuchen, den Willen der Patienten neu zu erziehen, so klägliche Erfolge erzielt. Man muβ sich vielmehr auf die Erziehung ihrer Vorstellungskraft verlegen.“

Das Gesetz der „unbewussten Zielsicherheit“ wiederum lehrt, dass bei jeder Autosuggestion, wenn man einmal an das Ziel gedacht und sich die Angstphantasie somit in einer konkreten Vorstellung manifestiert hat, das Unbewusste immer die nötigen Mittel und Wege sucht, um genau dieses Ziel zu erreichen und das Verhalten des Menschen in diese Richtung zu lenken. Dabei zeigt die Einbildungskraft eine sehr grosse Kreativität auf, um die verinnerlichte Angstvorstellung auch tatsächlich zu verwirklichen und „wahr werden“ zu lassen. (Zur Kreativität siehe auch den Beitrag „Angstphysik“!)

 

„Während man nun gewöhnlich unbewuβte Autosuggestion übt, braucht man nur einfach bewuβte Autosuggestion zu treiben. Dabei verfährt man in folgender Weise: Zunächst erwägt man sorgfältig, ob irgendeine Sache Gegenstand der vorzunehmenden Autosuggestion werden soll oder nicht; je nachdem diese vernunftgemäβe Überlegung ausfällt. Dann wiederholt man bei sich mehrere Male, ohne an anderes zu denken: ‚Dies oder jenes wird eintreten oder geschehen; das und das wird sein oder wird nicht sein‘ usw. Hat das Unbewuβte eine solche Suggestion angenommen, das heisst in eine Autosuggestion umgewandelt, so wird sich das suggestiv Vorgestellte Punkt für Punkt verwirklichen. In dieser Auslegung fällt die Autosuggestion einfach mit dem zusammen, was ich unter Hypnotismus versehe; ich definiere diesen mit den schlichten Worten: Einwirkung der Vorstellungskraft auf das Seelische und auf das Körperliche im Menschen.“

 

 

Coué und die Moderne

Coués neue Ansichten über das Bewusste/Unbewusste und die zwei von ihm aufgestellten Gesetze der Suggestion waren für die Wissenschaft von grosser Bedeutung. Emil Coué konnte schliesslich dank seiner Arbeit auch empirisch belegen, dass das Unbewusste nicht als blinder Automatismus wirkt, sondern immer ein Endziel anstrebt. In seinem Konzept ist weder das Unbewusste noch sein Angstgedanke ein Chaot, der blind um sich schlägt, sondern immer ein Architekt, der nach vollkommener Struktur strebt. Dazu Coué:

Man kann zur selben Zeit immer nur an eine Sache denken, d.h. zwei Gedanken können in unserem Geiste wohl dicht aufeinanderfolgen, sich darin aber nicht im selben Augenblicke wirklich durchdringen. Jeder Gedanke, der unseren Geist ausschlieβlich beherrscht, wird für uns zur Wahrheit und drängt darauf, Wirklichkeit zu werden. Gelingt es also, einen Kranken den Gedanken fassen zu lassen, sein Leiden sei im Schwinden, so wird es wirklich schwinden“.

Nationalsozialisten

Abb. 7) Suggestivkraft: Unbewusst wirkende Botschaften werden nicht nur durch Worte, sondern auch mit Hilfe von Symbolen und anderen visuellen Elementen vermittelt.

Ein weiterer wichtiger Aspekt für die spätere Gehirnforschung war seine Ansicht, dass das Unbewusste das „Magazin des Gedächtnisses“ darstellt: „Vergleichen wir nun das Bewuβte mit dem Unbewuβten, so finden wir, daβ das Bewuβte oft ein ganz schlechtes, unzuverlässiges Gedächtnis hat, hingegen das Unbewuβte mit wunderbarem, untrüglichem Gedächtnis ohne unser Wissen die geringfügigsten Ereignisse und Tatsachen unseres Lebens genau registriert. Andererseits ist es leichtgläubig und nimmt alles ohne langes Überlegen hin, was man ihm sagt.“ Für Coué ist das Unbewusste der Ort, wo alle bewusst und unbewusst gehegten Gedanken und die sie begleitenden Gefühle archiviert werden, wobei die Emotionen selbst wieder ein bisschen aktive Lebenskraft und ein Stückchen Persönlichkeit hinterlassen.

Dem Couéismus zufolge besitzt die „Einbildungskraft“ die Fähigkeit, die natürlichen, dem Menschen angeborenen Abwehr– und Wiederaufbaukräfte freizusetzen. Sie kann nach Belieben Gedankenbilder wach rufen, um sie dem bewussten Ich zur Verfügung zu stellen. Daher besteht der Heilungsvorgang auch darin, bewusst nach guten Gedanken, nach positiven „Gefühlserinnerungen“ (wie die Zeitgenossen sie bereits nannten) zu suchen, die einem gut tun und an die sich das Unbewusste erinnern darf, ohne dass die Angst sie überschattet.

Coués „unbewusstes Ich“ wacht jederzeit über den Menschen, es koordiniert die Funktionen seines Organismus‘, bestimmt sein Denken und Verhalten und stellt sein Gedächtnis dar. Am Beispiel des Unbewussten beschrieb er bereits lange vor den modernen Neurowissenschaftlern die Funktionen, Eigenschaften und Mechanismen der biologischen Angst, deren Herzstück die Amygdala ist – die übrigens ebenfalls im 19. Jahrhundert durch den deutschen Anatom Karl Friedrich Burdach entdeckt wurde. Sie ist im evolutionsgeschichtlich ältesten Gehirnteil beheimatet, im Gegensatz zu unserem Bewusstsein, das in der jüngeren Grosshirnrinde angelegt ist. Liegen sie im Widerstreit, kommt es auf biochemischer Ebene tatsächlich zu einem Kampf, der das menschliche Angstsystem erschüttert und aus dem die Amygdala letztlich immer als Gewinnerin hervorgeht. Das „Magazin des Gedächtnisses“ wiederum, das sie verwaltet, wird heute im Allgemeinen als „emotionales Gedächtnis“ bezeichnet. (Siehe dazu unter anderem auch die Beiträge „Amygdala“, „Angstphysik“ und „Mutter der Emotionen“!)

 

 

Nach- und Nebenwirkungen
Obama yes we can

Abb. 8) Politische Suggestion: Obamas Slogan „Yes we can“ nutzten in den 1920/30er Jahren bereits die US-Arbeiterorganisationen, um die Arbeiterschaft zum sozialen Kampf zu mobilisieren.

Die Liste an Krankheiten, die mit der Couéschen Methode kuriert werden können, ist sehr lange. In den zeitgenössischen Quellen werden unter anderem aufgeführt: Angstzustände, Schreckempfindungen, Unwillen, Nervenschwäche, Schlaflosigkeit, Zitteranfälle, Blutungen, Verstopfung, Lähmungserscheinungen, Gicht, tuberkulöse oder krebsbedingte Veränderungen, offenen Krampfadern, Zahnbluten, Asthma, Darmreizung, Magenübersäuerung, Geschwülste, Entzündungen und so weiter und so fort. Ausserdem soll sie Schlafwandlern, Alkoholikern, Tobsüchtigen, Ungehorsamen und Mordlustigen helfen, sich von ihren Leiden, Lastern und Lüsten zu befreien.

Obwohl Coué mit seinem Behandlungserfolg die Wissenschaftswelt in Erstaunen versetzen konnte, hielten die Zeitgenossen letzten Endes doch an ihrem „freien Willen“ fest und ergaben sich der „Angst vor der Angst“. Und sie geht für gewöhnlich mit der Suche nach „Schuld“ und „Schuldigem“ einher. Dies zeigt sich auch an der anwachsenden Frustration der europäischen Regierungen und wissenschaftlichen Autoritäten, die auf die damalige Krisenzeit mit einem extrem radikalen Kranken- und Krankheitsbild reagiert haben. Der Zweifel an der „Echtheit“ von körperlichen und seelischen Beschwerden, also die Befürchtung, die Patienten könnten ihre Erkrankung nur simulieren, blieb auch zukünftig oberstes Prinzip bei ihrer Behandlung. (Siehe dazu den Beitrag „1. Weltkrieg“!).

Zu dieser Entwicklung beigetragen hat in gewisser Weise auch Emil Coué. Dem politisch-wirtschaftlichen Zeitgeist entsprochen hat er vor allem, indem er erneut den Fokus auf die Betroffenen, das “Problem“ gelenkt und Kranke in die Verantwortung gezogen hat. Im Couéismus stellt die „Einbildungskraft“ des Patienten schliesslich nicht nur die Hauptursache von Krankheiten dar. Es ist auch nur der Erkrankte selbst, der sich wieder gesund machen kann, womit die Krankenpflege zur Aufgabe des Patienten wird.

Coués Grundanschauung galt vielen am Ende wieder als Bestätigung ihrer althergebrachten Überzeugungen und legitimierte den öffentlichen Druck, dem kranke Menschen schon immer ausgesetzt waren. Um das Vorgehen auch moralisch abzustützen, wurden auch die Grundsätze und Definitionen des Couéismus‘ schon bald verwässert, umgedeutet und verfälscht. Der Antagonismus zwischen Einbildungs- und Willenskraft, der Coué lehrte, wurde in allen Wissenschaften letztlich durch den Glauben an den „stärkeren“ Willen wieder aufgehoben. Sogar Coués Anhänger Dr. Monier-Williams deutete am Ende dessen Grundüberzeugung um, sah er doch einen grossen Verdienst Coués darin, dass er „die Welt wieder daran erinnert, wie man nützlicherweise sich seines Willens bedienen kann. … „Glaubt, und lasset nachher den Willen kommen“, sagt er, „die Autosuggestion wirkt nicht ohne Glauben“. Warum? Weil, wenn der Glaube fehlt, der Wille fehlt.“

Bei Coués Methode geht es nicht um „heilen wollen“, sondern darum, „denken zu lernen, dass man geheilt werde“. Der Glaube an die eigene Furchtlosigkeit und das „positive Denken“ werden zur Pflicht. Emil Coué selbst betonte: „wo Zweifel herrscht, gibt es keinen Erfolg.Man darf von der Suggestion nicht mehr erwarten, als was sie normalerweise leisten kann, d.h. eine allmähliche Besserung, die nach und nach zu völliger Genesung wird, wo eine solche möglich ist.“ Seine Methode nütze nur dem, der wirklich an seine Gesundung glauben will. „Feste Überzeugung braucht sowohl der Suggerierende wie auch die Person, der suggeriert wird.“

Die Erziehung zur Angstlosigkeit stand natürlich ebenfalls bei Coué im Mittelpunkt. Zur seiner Zeit wurden Ängste und andere psychologische Auffälligkeiten für gewöhnlich als Folge der Unsittlichkeit, des Unwillens und der Charakterschwäche eingestuft und mit Hilfe von (oft gewaltsamen) Erziehungsmassnahmen zu bekämpfen versucht. Coué selbst betrachtete seine Methode daher auch nicht nur als Heil-, sondern auch als Erziehungsmittel, das „sittlich Entgleiste“ auf die rechte Bahn zurückbringt. Er vertrat jedoch die Meinung, mit Kindern und Jugendlichen dürfe man nicht allzu rau umgehen, denn so läuft man Gefahr, bei ihnen eine von Haβ begleitete Autosuggestion der Furcht auszulösen.“

Die „erzieherische Beeinflussung“, wie Coué es nannte, nimmt in seinem Werk eine besonders wichtige Stellung ein. Bereits auf der ersten Seite seines Hauptwerkes führte er auf, dass die Kenntnis seiner Methode geradezu unentbehrlich sei für Ärzte, Richter, Anwälte und Erzieher junger Menschen. Zwar setzte Coué die Suggestion der Autosuggestion gleich, womit er die „Kommunikation“ auf das Selbstgespräch beschränkte. Nichtsdestotrotz wurde die Stellung des „Suggerierenden“, also die des ehemaligen „Hypnotiseurs“ und späteren Therapeuten, niemals aus seinem Konzept entfernt. Seiner Meinung nach braucht es immer einen „Vermittler“, jemanden, der die Suggestion quasi initiiert.

 

 

Phänomen Coué

Coué war nicht an den Ursachen einer Erkrankung interessiert, hat niemals irgendwelche Patienten psychologisch analysiert und stellte auch niemals eine Diagnose auf. Seine Patienten hat er niemals einzeln empfangen, seine Sitzungen – während denen er bekanntlich eine Zigarette nach der anderen rollte und rauchte – wurden immer in Gruppen durchgeführt. Und Emil Coué liess sich niemals für seinen Dienst bezahlen.

Seinem Zeitgenossen Dr. Georg Draper zufolge war Coué ein Mann, der besonders durch seine Fröhlichkeit, seinen Scharfsinn und seine Wortgewandtheit beeindruckte. Seiner Ansicht nach hilft Coués Methode „der Menschheit ihre Leiden tragen. Er schafft bei den Leuten einen Seelenzustand, der die Angst vor dem Uebel sehr verringert … Er versetzt diejenigen, welche zu ihm kommen, in einen Seelenzustand, der die Angst vor der Krankheit kaum mehr kennt.“ Dr. Monier-Williams glaubte ebenfalls, dass Coués Erfolg „zum größten Teil seiner magnetischen Persönlichkeit“ zu verdanken sei, die sich durch Einfachheit, Bescheidenheit und uneigennützigen Eifer auszeichne.

Im Verlaufe eines Jahres, so heisst es, hat Emil Coué über einen Zeitraum von über zwanzig Jahren alljährlich 15‘000 Kranke empfangen und die allermeisten von ihnen erfolgreich behandelt. Ein Grossteil der Leute, die Coué in seiner Klinik aufsuchten, waren einfache, arme Arbeiter. Als der englische Arzt Monier-Williams nach einem Besuch bei Coué beschloss, in London eine ähnliche unentgeltliche Klinik zu eröffnen, musste er feststellen, dass sich das Proletariat hier nicht von der Couéschen Methode überzeugen liess, wenn nicht mindestens ein Medikament mitgegeben wurde. Ausserdem gehörten die meisten seiner Patienten der Mittelschicht und gehobenen Arbeiterklasse an. Doch auch hier war die Nachfrage sehr gross und ebenso der Heilungserfolg.

Emil Coué transportierte mit seiner Arbeit im Bereich „Hypnose“ und „Suggestion“ uraltes Gedankengut in die Moderne, und auch heute ist es Teil des Kollektiv- und Kulturgedächtnisses. In seinem Hauptwerk, das sich stellenweise wie ein modernes „Selbsthilfe“-Buch liest, lassen sich immer wieder Aussagen finden, die man schon tausendmal gehört oder gelesen zu haben glaubt – und das hat man mit Gewissheit auch. An einer Stelle beispielsweise schreibt Coué:

„Wenn Sie also etwas Vernunftgemäβes unternehmen wollen oder einer Ihrer Pflichten nachzukommen haben, denken Sie stets, daβ die Sache ganz leicht ist. Die Ausdrücke schwierig, unmöglich, es geht nicht, ich kann nicht an dagegen, ich kann nicht anders, sind ein für allemal aus Ihrem Wörterbuche zu streichen: es sind schwächliche, zaghafte Worte. Ihr Vokabular muβ heiβen: ‚es ist leicht, ich kann es‘.“

Emil Coué gilt nicht nur als „Vater“ der wissenschaftlichen Autosuggestion, er ist auch der „Begründer“ einer neuen Geistesströmung, die sich ein Think positiv auf ihre Fahnen schrieb. Vielleicht war es die Euphorie über seinen Heilerfolg, dass ein Punkt seiner Methode, der häufig von ihm angesprochen wird, weder bei den Zeitgenossen noch den Nachfolgegenerationen die nötige Beachtung fand, obwohl er von ganz entscheidender Bedeutung ist. Am Beispiel des „Vernunftgemässen“ machte Coué nämlich sehr deutlich klar, dass seine Methode kein Allheilmittel ist und ihre Grenzen hat. Alle menschlichen Forderungen und Wünsche erfüllen, kann sie nicht.

 

„Nicht zu mir sollen Sie Vertrauen haben, sondern zu sich selber, denn in Ihnen allein schlummert die Kraft, die Sie heilen wird. Meine Rolle beschränkt sich einzig darauf, Sie zu lehren, wie Sie jene Kraft gebrauchen sollen.“

 

Der Mensch hat sich eine Welt geschaffen, die unaufhörlich neue Ängste produziert. Schliesslich ist er schon vor sehr langer Zeit der Autosuggestion erlegen, das Zeug zum „Übermensch“ zu haben. Versucht er sein heissgeliebtes Selbstbild umzusetzen, scheitert er jedoch nicht selten kläglich. Kaum erstaunlich, wird sich das „unbewusste Ich“ doch niemals dem „Willen“ beugen – auch nicht dem öffentlichen. Muss sich unser Unbewusstes zwischen Niederlage und Tod entscheiden, zieht es Letzteres vor. (Zum Thema siehe auch den Beitrag über Coués Zeitgenossen „Erich Fromm und die Angst vor sozialer Isolierung“!)

Die „Einbildungskraft“ vermag zwar nachweislich vieles, sogar den Menschen von seinen psychischen und physischen Krankheiten zu heilen. Es liegt aber nicht in ihrem Ermessen, ihm Eigenschaften und Fähigkeiten angedeihen zu lassen, die nicht seiner biologisch-genetischen oder auch moralischen Veranlagung entsprechen. Eine der wichtigsten Lektionen, die der Franzose Emil Coué die Menschen daher auch gelehrt hat, war, dass jede Krankheit immer ein körperliches und ein psychisches Element besitzt. Wo Geist und Körper nicht als Einheit wirken können und zwangsläufig im Widerstreit stehen, da ist auch Krankheit und Tod vorprogrammiert. Eine Versöhnung zwischen ihnen ist jedoch möglich. Ein klärendes „Selbstgespräch“, das von Respekt und gegenseitiger Anerkennung zeugt, kann nämlich in diesem Fall tatsächlich oftmals ein Wunder bewirken.

 

Der „Wille“ befiehlt den Glauben, die „Einbildungskraft“ verführt zum Glauben. Coués Zeitgenosse und Landsmann Camille Saint-Saëns (1835-1921) verarbeitete das Angst-Thema musikalisch. In seinem Orchesterwerk „Danse macabre“ hat er den Kampf zwischen „Wille“ und „Einbildungskraft“ in Noten beschrieben und ihm Leben eingehaucht. Ein Reinhören lohnt sich!

 

 

Literatur: Ash, Mitchel G. und Geuter, Ulfried (Hg.): Geschichte der deutschen Psychologie im 20. Jahrhundert. Ein Überblick, in: WV-Studium, Bd. 128, Opladen 1985; Coué, Emil: Die Selbstbemeisterung durch bewuβte Autosuggestion, Basel 1920; Ders.: Was ich tat. Urteile über mein Werk, Basel 1925; Ders.: Was ich sage. Auszug aus meinen Vorträgen, 5. Auflage, Basel 1977; Hofer, Hans-Georg: »Nervöse Zitterer«. Psychiatrie und Krieg, in: Krieg, Medizin und Politik. Der Erste Weltkrieg und die österreichische Moderne, hg. v. Helmut Konrad, Studien zur Moderne 10, Wien 2000, S. 15-134; Ders.: Nervenschwäche und Krieg. Modernitätskritik und Krisenbewältigung in der österreichischen Psychiatrie (1880-1920), Wien/Köln/Weimar 2004; Porter, Roy: Die Kunst des Heilens. Eine medizinische Geschichte der Menschheit von der Antike bis heute, Heidelberg/Berlin 2000; Shepard, Ben: A War of Nerves. Soldiers and Psychiatrists in the Twentieth Century, Cambridge/Mass, 2001.

Bildernachweise: Titelbild) Aluministries.com, Abb. 1) Coue.ch, Abb. 2) Ahilia.de, Abb. 3) Beladaculalugosi.com, Abb. 4) Scalar.usc.edu, Abb. 5,8) Pinterest.co.uk, Abb. 6) Qwipster.net, Abb. 7) Br.de.

By |2020-02-15T15:45:57+00:00Februar 14th, 2020|AnGSt|0 Comments