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Hexenangst (5/5) – Saturns Kinder

Der Planet Saturn ging als Patron der Hexen aber auch der Melancholiker und Faulpelze in die Geschichte ein. Seine Deutung beeinflusste nicht nur das Hexenbild, sondern definierte auch, welchem “Menschenschlag” die Hexe angehörte. Die „Kinder des Saturn“, wie sie bereits die Zeitgenossen nannten, waren sozial Auffällige oder Geächtete, die dem Glauben nach vom „Melancholieteufel“ beherrscht werden und daher zur Kriminalität, Depression, Wahnsinn und Selbstmord neigen. Die Vorstellungen von ihnen stellen das Fundament dar, auf dem die heutigen Vorstellungen von Verbrechern, Armen und an der Angst Erkrankten aufbauen.

 

Magische Kräfte und Fähigkeiten
Sternendeuter

Abb. 1) Das Bild stammte aus dem Werk „Deutsches Losbuch in Reimpaaren“ und zeigt zwölf heidnische Astrologen (darunter Aristoteles, Seneca und Vergil), die in die Deutung der Gestirne vertieft sind (14. Jahrhundert).

Der Glaube an die Magie und die Zauberfähigkeit sind dem Totenkult entsprungen und gehören zur frühsten Form der Angstbewältigung. Der ursprüngliche Magieglaube fundiert auf der Überzeugung, dass die Elemente von göttlichen Wesen beherrscht werden, deren Existenz sich jedoch nur in ihrem Wirken zeigt. Der Zauberglaube wiederum geht von der Auffassung aus, dass sich durch die Anwendung spezieller Rituale und Beschwörungen die Kräfte solcher übernatürlicher Wesen auf eine Person übertragen lassen.

Die Tierverwandlung, der Flug durch die Luft, das Verspeisen von Kindern und die Schadenzauberei gehören zu den ältesten Hexenmerkmalen. Die Vorstellung von der Verwandlungsfähigkeit, nach der der Mensch mit Hilfe von magischen Worten, Zaubermitteln und rituellen Handlungen eine andere Gestalt annehmen kann, ist uralt. Schon immer war der Mensch davon überzeugt, durch Kannibalismus, Nachahmung sowie durch Verkleidung und Maskierung übernatürliche Kräfte und Fähigkeiten auf sich übertragen zu können. Sie alle spielen bereits im frühen Totenkult eine ganz bedeutende Rolle und prägten vor allem die religiös-rituellen Darbietungen zu Ehren der Götter, aus denen letztlich das Theater hervorging.

Die ältesten Berichte über den Zauber- und Hexenglauben bezeichnen die Hexen nicht nur als Menschenfresser, sondern auch als Künstler oder Schauspieler. Bereits zur vorchristlichen Zeit wurde das Kostümieren, das Tragen von Masken und der Tanz mit der Zauberei und Wahrsagerei in Verbindung gebracht. Von der Kirche wurden sie seit der Spätantike und auch noch während der Frühen Neuzeit immer wieder auf Beschlüsse verschiedener Kirchensynoden hin unter Strafe gestellt. Die Behörden konnten die Verbote jedoch nur mit grösster Mühe durchsetzen.

Einfluss auf die Kräfte und Fähigkeiten des Menschen nehmen konnten dem Glauben nach nicht nur der Verzehr spezieller Menschen oder die Nachahmung eines als göttlich verehrten Tieres, sondern auch die Konstellationen der Gestirne bei seiner Geburt. Seit jeher wird den Himmelskörpern nachgesagt, den Menschen zu beeinflussen und für seine individuellen Eigenschaften und Schicksale verantwortlich zu sein. Schon immer gingen die Menschen auch davon aus, dass sich weltbedeutende Ereignisse durch spezielle Himmelserscheinungen ankündigen würden. Natürlich war man auch davon überzeugt, die Geburt eines magischen Kindes müsse mit einem solchen Zeichen einhergehen.

Der Magieglaube schrieb den Kindern unter sieben Jahren besondere Zauberkräfte zu. Als am stärksten galten ihre übernatürlichen Kräfte während der Zeit ihrer Geburt und ihrem zweiten Geburtstag. Von Kindern über sieben Jahren hiess es wiederum, sie seien nun zu alt, um die Hexerei noch erlernen zu können. Das „magische Kind“, das seine übermenschlichen Fähigkeiten nicht mit Erreichen der Adoleszenz verliert, sondern als Erwachsener die Welt verändert, stellt eines der bedeutendsten Motive der Religionsgeschichte dar.

Das wohl berühmteste „Wunderkind“ des Christentums ist Jesus, dessen Geburt bekanntlich ebenfalls durch ein Himmelszeichen angekündigt wurde. Richtig stehen mussten die Sterne aber auch bei der Zeugung eines „Schadenkinds“. Im „Malleus maleficarum“ (1487) heisst es über die Zeugung von Hexenkindern durch den Teufel: „So hat man sich den Vorgang zu denken: ein Sukkubus nimmt den Samen von einem verbrecherischen Mann; wenn er nicht selber als Inkubus den Samen an eine Hexe weitergeben will, überlässt er ihn einem Dämon, der einer Frau zugeordnet ist; dieser beschläft sie damit, sobald die Sterne richtig stehen, und zeugt so ein zur Hexerei geeignetes Kind.“

 

 

Saturn, der Kinderfresser
Saturns Kinder

Abb. 2) Saturn und seine Kinder, italienischer Kupferstich aus dem 15. Jahrhundert.

Der Nahe Osten ist nicht nur die Geburtsstätte der Weltangst-Vorstellung (Gnostizismus und frühes Christentum) und des christlichen Teufelglaubens, sondern auch der Saturnvorstellung, die letztlich die Neuzeit bestimmen sollte. Hervor ging sie aus der arabischen Astrologie des 9. Jahrhunderts, welche die Auffassungen vom uralten lateinischen Flurgott „Saturnus“ und den griechischen Gottheiten „Kronos“ sowie „Chronos“ (der schon im Altertum mit den anderen beiden gleichgesetzt wurde) vereinte. Ihre Vertreter fassten erstmals alle Erkenntnisse zu Saturn aus den Mythologien, der Astronomie, Astrologie und Mystik zusammen und rückten erneut die medizinisch-philosophische Frage nach seinem Einfluss auf den mentalen Zustand des Menschen (Zurechnungsfähigkeit) und seine unglücklichen Eigenschaften und Schicksale in den Mittelpunkt.

Sinnbilder vermitteln Botschaften. Saturn ging als Planet der Hexen, der Melancholie und Melancholiker sowie der Faul- und Trägheit in die Geschichte ein. Seit jeher wird sein Einfluss auf die Menschen negativ gedeutet, die ihm zugeschriebenen Merkmale zur Erklärung und Begründung ihrer Schwächen und schlechten Lebensumstände herangezogen. Benannt wurde der Krisenplanet nach dem römischen Gott Saturn, dessen Mythos auf den altgriechischen Gott Kronos zurückgeht.

Kronos gilt als jüngster Sohn von Gaia (Erde) und Uranos (Himmel). Der Sage nach verbannte Uranos seine ihm verhassten Kinder in den Tartaros (Unterwelt), woraufhin Gaia ihren Sohn Kronos dazu anstiftete, seinen Vater mit einer Sichel zu entmannen. Nachdem er die Regierungsmacht seines Erzeugers an sich gerissen, seine Schwester Rhea zur Frau genommen und mit ihr Kinder gezeugt hatte, überkam ihn die Angst, selbst von seiner Nachkommenschaft entmachtet zu werden. Um dies zu verhindern, frass er alle seine Kinder auf. Nur sein jüngster Sohn Zeus konnte durch eine List entkommen. Er kehrte im Erwachsenenalter zurück und übte Rache an seinem Vater.

In den Mythologien wird Kronos/Saturn als Vater der Götter und Menschen beschrieben, aber auch als ein Kinderfresser, der Menschenopfer verlangt. Er gilt als Herr über das Erd- und Totenreich und wird als ein trauriger, einsamer, entthronter und gefangengesetzter Gott dargestellt, der am Ende der Welt oder in der tiefsten Unterwelt zu hausen gezwungen ist. Seit jeher wird er für das Alter, den Verfall und den Tod wie auch für Seuchen- und Unwetterkatastrophen verantwortlich gemacht. Bereits während der Antike galt er als Sinnbild für die „tiefste Armut“, für den „Betrug“, die „Verbannung“ sowie für spezielle „Gewerbe“, deren Ausübung eine “religiöse Verunreinigung“ des Arbeiters nach sich zog und später als „unehrlich“ bezeichnet wurden. (Siehe dazu auch den Beitrag „Angstmann“!)

Die Angst besitzt ein Janusgesicht, ist sie mal Gefahren- mal Verzichtangst. Die Götter, Weltvorstellungen und Symbole, die ihr entsprangen, zeichnen sich ebenfalls durch eine Doppeldeutigkeit aus. Auch Kronos/Saturn besitzt ein Doppelgesicht. Im altgriechischen Mythos ist er sowohl Toten- als auch Fruchtbarkeitsgott. Er ist auch nicht nur Gott des „niedrigen Volkes“, des „Betrugs“ und des „Wahnsinns“, sondern auch Patron der „Herrscher“ und „Denker“, der „Wahrhaftigkeit“ und des „Genies“. Darüber hinaus ist Saturn auch nicht nur Schirmherr der „tiefsten Armut“, sondern genauso des „grössten Reichtums“ und Bringer des „Goldenen Zeitalters“, das durch den Städtebau und materiellen Überfluss geprägt ist.

Saturn als Geldzaehler

Abb. 3) Saturn als Geldzähler (1444), Biblioteca Vaticana.

Als Letzterer haben ihn vor allem die Römer verehrt, die den Grossteil der griechischen Götter neu benannten und in ihr Pantheon aufnahmen. Während in der urtümlichen Gestalt des Kronos‘ vor allem die Angst vor den Naturgewalten sowie die Angst des Mannes vor Machtverlust, Ehrbeschmutzung und Verdrängung durch die eigene Nachkommenschaft ihren Ausdruck fanden, hoben die Römer in ihrer Saturnvorstellung vor allem seine wirtschaftliche Bedeutung hervor, um Macht, Ehre und Status zu erlangen und zu festigen. Hier dominiert er als „Hüter des Reichtums“, als „Aufseher des Zahlungssystems“, als „Erfinder der Münzprägung“ und „Vater der Stadtgründung“. Für die römischen Gelehrten war Saturn neu aber auch der Gott der wirtschaftspolitischen „Flüchtlinge“.

Im Verlaufe des Mittelalters und der Frühen Neuzeit wurden die „Saturnkinder“, wie sie bereits die Zeitgenossen nannten, immer häufiger als sozial Geächtete und Angehörige unehrlicher Berufe beschrieben, als Sklaven, Eunuchen, Kriminelle, Gefangene, Schauspieler oder sonstige Ehrlose. Im 15. Jahrhundert fasste man unter Saturns Banner zuerst Ackerbauern und Handwerker (Bäcker und Schlachter), später auch andere spezielle Menschen- und Berufsgruppen zusammen (u.a. Scharfrichter, Bettler, Krüppel, Betrüger, Spielleute). Sie alle galten aufgrund der Saturnvorstellung als dazu prädestiniert, ängstlich, melancholisch, betrügerisch und boshaft zu sein. Dass vor allem sie mit dem Teufel einen Bund einzugehen und die Hexerei zu erlernen wünschten, um ihr Schicksal ändern und ihre charakteristischen Mängel beseitigen zu können, davon waren nicht nur die Theologen, Juristen und Ärzte überzeugt, sondern auch die einfache Bevölkerung.

 

 

Sünde und Krankheit
Saturn Kalender

Abb. 4) Saturn-Kalender (354 n.Chr.), Bibliotec Vaticana.

Saturns Attribut ist die Sichel, mit der er laut Mythos seinen Vater kastrierte. Sie ist ein Sinnbild für die Fruchtbarkeit des Menschen und seiner Felder und zeichnete ihn als Erdgott aus. Da die Sichel auch ein Werkzeug der Ernte ist, ist sie aber auch ein Attribut der Bauern, denen die Gelehrten seit jeher „saturnische“ Merkmale zuschreiben.

Bereits während der Antike herrschte unter den Philosophen und Herrschern die traditionelle Auffassung vor, dass Angst, Feigheit und Unmoral Charakteristiken der „niedrig Geborenen“, der Bauern und Armen seien. Ihr Untertanen- und Abhängigkeitsverhältnis zum Adel, der stets angstlos, mutig und tugendhaft dargestellt wird, betrachtete man als ein gottgewolltes Schicksal. Natürlich hielt auch das Christentum an der Anschauung fest. In der Heiligen Schrift wird ausdrücklich betont, dass die Herrschaft der Aristokraten und Obrigkeiten über die einfache Bevölkerung dem Willen Gottes entspreche.

Mit Aufkommen des Christentums wurde das Angstgefühl und körperbedingte Angstreaktionen besonders stark dämonisiert und der Gottesfurcht gegenübergestellt. Die Kirchenlehre verbot den Gläubigen, Angstgefühle und Verzweiflung zu empfinden und zu zeigen. Gottes Zorn sollten sie fürchten, den Widrigkeiten des Lebens hingegen mit Angstlosigkeit, Ehrfurcht, Demut und Frömmigkeit begegnen. Nicht nur die Katholiken, sondern auch die Reformierten stuften die Angst als Sünde ein und deuteten angstbedingte Körperreaktionen (Schwitzen, Zittern, Stottern, Alpträume usw.) als Indiz für eine Dämonen- oder Teufelsbesessenheit.

Nachdem das Christentum im 4. Jahrhundert zur römischen Staatsreligion erhoben wurde, geriet der ganze Zweig der antiken Medizin unter den Einfluss der christlichen Lehre, des Mystizismus, der Astrologie und des Magieglaubens. Dies hatte natürlich auch Auswirkungen auf die Beurteilung der Kranken und Krankheiten. Die Kirche verteidigte über Jahrhunderte hinweg vehement die Überzeugung, dass es sich bei den Erkrankungen um eine metaphysische Angelegenheit handle und nur die Beichte der Sünden und der Exorzismus (Dämonenaustreibung) eine Heilung bringen könnten.

Taufe

Abb. 5) Exorzismus-Ritual “Taufe”: Augustinus betrachtete die Taufe als einen Akt der Kraftübertragung, die durch das Handauflegen des Exorzisten vollzogen wird. Der Holzschnitt stammte aus Martin Luthers „Enchiridion“ (1576).

Zur Zeit der Hexenprozesse, als Religion und Medizin noch eine Einheit darstellten, wurden Religionsverbrecher als „krank“, als „vergiftet“ durch das Böse eingestuft. Bereits die frühen Kirchenväter betonten, dass die Vorstellungen von Heilsbringer und Arzt, Sünder und Patient, Sünde und Krankheit sowie Busse und Arznei gleichzusetzen seien. Als sich im Mittelalter das Mönchstum auszubreiten begann, übernahmen die Ordensbrüder die Pflicht der Krankenpflege. Sie priesen sich als Nachfolger Jesus Christus‘ an und propagierten die Einzigen zu sein, die über die nötigen übernatürlichen Kräfte verfügten, um Kranke heilen und Besessene von den Dämonen und Teufel befreien zu können.

Anfänglich stellten die katholischen Geistlichen die Autoritäten der Theologie, Medizin und Jurisdiktion. Mit Aufkommen der Universitäten vor allem im Verlaufe des Spätmittelalters fand jedoch eine Spezialisierung und erneute Abgrenzung der Wissenschaften statt, wodurch sich auch neue Berufsfelder eröffneten. Zwar arbeiteten viele Exorzisten und angehende Ärzte zu Beginn eng zusammen. Besonders in den Städten verloren die Priester jedoch, falls keine zentrale Inquisitionsstelle existierte, zusehends an Ansehen und wurden durch die „Götter in Weiss“ verdrängt.

Die Zeit der Hexenverfolgung (ca. 15.-18. Jahrhundert) war aufgrund der unterschiedlichen Bewertung von Schuld und Geisteszustand der angeklagten Hexen durch eine heftige Auseinandersetzung zwischen Theologen, Juristen und Medizinern geprägt. Mit Aufkommen der Reformation im 16. Jahrhundert, welche die Erziehung und Bildung in den Mittelpunkt stellte, wandelte sich auch das Bild von der Hexe und anderen Straftätern, die immer seltener nach religiösen und immer öfter nach medizinisch-juristischen Aspekten beurteilt wurden.

Den Angeklagten in den Hexenprozessen wurde im Verlaufe der Zeit immer häufiger eine Unzurechnungsfähigkeit bescheinigt, die entweder aus einer Krankheit oder einer schlechten Erziehung resultierte. Aufgrund dieses Anschauungswandels versuchten die Behörden zunehmend die angeblichen Hexen und von Dämonen und bösen Geistern Besessenen als Betrüger zu entlarven und sie in die verschiedenen Arbeits-, Kranken- und Zuchthäuser einzuweisen. Hier sollten sie, isoliert von der Gesellschaft, durch christliche Unterweisung und harte Arbeit geläutert werden. Der Anschauungswandel zeigt sich auch an den Hexenurteilen. Die katholischen Gebiete zeichnen sich durch viele Hexenhinrichtungen aus, die Reformierten hingegen reagierten weit häufiger mit Erziehungsmassnahmen und Isolationshaft. Auch der in Einsiedeln geborene Arzt und Philosoph Paracelsus (1493-1541) forderte, dass vor allem Hexen und Kinder religiösen Unterricht erhalten müssten und ihre völlige Anpassung an die gesellschaftlichen Normen unumgänglich sei.

 

 

Reiz und Saat des Bösen
Duerer Melencolia

Abb. 6) Die geflügelte (!) Melancholie: Albrecht Dürers, „Melencolia I“ (1514).

Als Patron der Hexen beeinflusste Saturn nicht nur das Bild von ihnen, sondern definierte auch, welchem “Menschenschlag” die Hexen und Dämonenbesessenen angehörten. Das Feindbild “Hexe”, das problemlos auf jeden Gegner projiziert werden kann, steht in erster Linie für das, was der Mensch fürchtet, was ihn aggressiv und depressiv zugleich macht. Die Männer, Frauen und Kinder, die wegen Hexerei angeklagt und hingerichtet wurden, waren Personen, die ihre Familienangehörigen oder andere Mitmenschen zu ängstigen und zu erregen wussten. Manchmal gewollt, indem sie damit prahlten, zaubern zu können, manchmal ungewollt, indem sie ihre Verzweiflung und Traurigkeit öffentlich zur Schau stellten. Ihre Geschichten und Gerichtsfälle sind letztlich so individuell, wie es die Angst ist.

Die Wörter „Zauber“ und „Zauberei“ umschreiben aus etymologischer Sicht nicht nur eine Zauberhandlung an sich, sondern auch die spezielle Reizwirkung eines Wesens oder Menschen. Zur Zeit der Hexenprozesse wurde ein auffälliges oder ungewöhnliches Verhalten ganz im Sinne der christlichen Dämonologie gedeutet und mit der christlichen Sündenlehre in Verbindung gebracht. Anfänglich galten die Besessenen als unschuldig und die Hexen als selbst schuld an ihrem verhexten oder dämonenbesetzen Zustand. Doch die Unterscheidung verwischte mit Zunahme der Fälle immer mehr zu Ungunsten der Betroffenen, denen letztlich nur noch Gottlosigkeit und moralische Schwäche vorgeworfen wurden.

Die Hexe in den Gerichtsakten ist keine Person, die vor Gericht ihre Zaubereikünste zum Besten gibt. Bei ihr handelt es sich vielmehr um jemanden, der durch sein Gerede, sein Verhalten oder alleinige Existenz die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen zu erregen wusste, Angst erzeugte und als das personifizierte Böse stigmatisiert wurde. Auch der zeitgenössische Begriff „Hexenkind“ war ursprünglich ein Schimpfname. Die Hexen, die zur Zeit der Hexenprozesse vor den Richtern standen, zeichneten sich vor allem durch zweierlei aus: ihren rechtlosen Stand und ihre ärmliche Herkunft. Dass sie nicht nur Angst und Hoffnungslosigkeit mit sich bringen, sondern auch die Kriminalitäts- und Selbstmordraten ansteigen lassen, war bereits den damaligen Zeitgenossen bewusst.

Die Hexerei wurde von Beginn an als ein Akt der Angst und Verzweiflung betrachtet, mit dem sich die Hexe aus ihrem Zustand der Machtlosigkeit befreien oder sich zumindest für ihn rächen wollte. Die Bedeutungsinhalte der Saturnvorstellung wiederum lieferten eine Erklärung für die Eigenschaften, Fähigkeiten und Schicksale der „Abgestürzten“ und „Gefallenen“, die sich dem Bösen hingaben, um ihre von Gott auferlegten Lebensumstände zu ändern. Sie legitimierten und festigten erneut die Auffassung von den „niedrig Geborenen“, die sich durch ein ängstliches, melancholisches, feiges, träges, boshaftes und betrügerisches Denken und Verhalten auszeichnen.

Die Weltangst war von der Grundvorstellung geprägt, der Mensch würde Zeit seines Lebens vom Bösen und Feindlichen bedrängt und zur Sünde verleitet werden. Der Saturnglaube jedoch lieferte neue Argumente und unterstützte die Überzeugung, dass es sich bei der Bosheit um eine Veranlagung handle. Schon bald gingen die Gelehrten nicht mehr nur von der Vorstellung aus, dass das Böse von aussen auf den Christen einwirke, sondern auch von der Auffassung, dem Angeklagten sei sein böses Wesen angeboren.

 

 

Machtansprüche

In den Hexenprozessen waren die Indizien von allergrösster Bedeutung. Sie legitimierten schliesslich von rechtswegen die Folterung der Verdächtigen, um ihnen ein Geständnis zu entlocken. Der eindeutigste Hinweis lag für die Juristen dann vor, wenn die Angeklagten einer Verwandtschaft angehörten, innerhalb der jemand bereits in Verdacht der Hexerei stand oder wegen ihr hingerichtet worden war. Als weiteres Hauptindiz angesehen wurde die Bezichtigung der Komplizenschaft. Vor allem die Angabe der Angeklagten, auf dem Hexensabbat gewesen zu sein, führte immer wieder zu einer ganzen Reihe an Verhaftungen. Als weiteres wichtiges Indiz galt ein übler Leumund.

Unter den Gelehrten des 16. und 17. Jahrhunderts war die Frage umstritten, ob ein schlechter Ruf, Beschuldigungen und Gerüchte ausreichende Beweise seien, um Verhaftungen und Folterungen zu legitimieren. Nichtsdestotrotz bewerteten die Gerichte sie immer als entscheidende Hinweise im Hexenverfahren. Auf die oftmals komplexen Hexenvorstellungen der Dämonologen und Juristen reagierte die Bevölkerung jedoch oft mit Unverständnis. Obwohl sich die Hexenvorstellung des Volkes von der der Päpste, Theologen und Juristen unterschied, standen jedoch bei beiden zweierlei Vergehen im Mittelpunkt: der Schadenzauber und das Stelldichein mit Gleichgesinnten auf dem Hexensabbat.

Sansculottes

Abb. 7) „Die Revolution ist wie Saturn: sie frisst ihre eigenen Kinder“ hiess es Ende des 18. Jahrhunderts, als die Hexenprozesse eingestellt wurden und sich die Französische Revolution zur „Schreckensherrschaft“ wandelte. Die Karikatur stammte von James Gillray (1792) und zeigt eine Familie der Sans-Culottes beim Nachtessen.

Die Zeit der Hexenverfolgung war auch die Zeit des „fahrenden Volkes“, das als ausgesprochene Landplage galt und unzählige Kollektivverbrechen beging. Seit dem 16. und vor allem im 17. Jahrhundert zogen aufgrund der schlechten Wirtschaftslage immer mehr Arbeitslose, Bettler, Heimatlose und sonstige gescheiterte Existenzen auf der Suche nach Nahrung und Arbeit durch die Lande. Wo sie auftauchten, nahmen Diebstähle, Raubüberfälle, Morde, Glücksspiel und Prostitution zu. Als Reaktion darauf ordneten die Obrigkeiten vielerorts Jagden auf sie an. Solche Menschenjagden wurden bis weit ins 18. Jahrhundert durchgeführt und waren oft die Initialzündung für eine neue Reihe von Hexenprozessen.

Die Kirche nutzte den Hexen- und Teufelsglauben, um ihre Machtansprüche durchzusetzen. Nicht wenige ihrer Schäfchen hingegen bedienten sich seiner, um Komplizen anzuwerben und Verbrechen zu begehen. In unzähligen zeitgenössischen Berichten wurde der Hexensabbat als ein diabolisches Fest beschrieben, auf dem Landstreicher, Strassenräuber, Zigeuner, fahrende Schüler, Kupplerinnen und Dirnen zusammenkommen, um sich der Völlerei und Hurerei hinzugeben, geheimes Wissen auszutauschen und dem Teufel zu huldigen. Dass insbesondere die Schwarzkünstler, Gaukler, Artisten und Komödianten mit ihm im Bunde stehen, davon war man noch bis weit ins 19. und 20. Jahrhundert hinein überzeugt.

Mit Blick zurück zeigt sich, dass der Vorwurf der Hexerei immer als Mittel eingesetzt wurde, um Macht zu demonstrieren und Herrschaftsansprüche durchzusetzen. Die Vertreter der Kirche und der weltlichen Regierungen nutzen ihn, um abweichendes Denken und Verhalten zu bekämpfen und gegen Andersgläubige vorzugehen. Doch auch innerhalb der Familie, der Lebens-, Dorf- oder Stadtgemeinschaften offenbart er sich immer wieder als ein Sanktionsmittel, um Personen zu disziplinieren und zur Anpassung zu zwingen – oder sich ihrer zu entledigen. Die Behauptung wiederum, Hexerei praktizieren zu können, hatte denselben Zweck. Viele Angeklagte gerieten nur deshalb in Verdacht, weil sie mit ihrer angeblichen Zauberfähigkeit geprahlt hatten.

Der Hexenglaube entsprach dem Zeitgeist, die Meinung der Hexenprozess-Gegner nicht. Tatsächlich jedoch gab es nicht wenige von ihnen. Unter den Klerikern und Gelehrten wurde Jahrhunderte lang über das Hexenwesen debattiert und gestritten. Die Auseinandersetzung brachte sogar eine neue Art der Literatur hervor, die sogenannten Hexentraktate (ca. 1450-1540). Ihre Verfasser versuchten entweder den Hexenglauben und die Strafverfahren wegen Hexerei zu verteidigen oder den Glauben zu widerlegen und die Einstellung der Hexenprozesse zu fordern. Den Höhepunkt dieses Literaturzweigs bildet der „Malleus maleficarum“ (1487), ein wahrlich diabolisches Werk, das nicht ohne Grund unter dem Namen „Hexenhammer“ bekannt wurde. Erst drei Jahrhunderte nach seiner Veröffentlichung und mit Einzug der Aufklärung jedoch gewannen die Gegner der Hexenverfahren endlich die Aufmerksamkeit, nach der es ihnen verlangte.

Der Vorstellung von einer „von Magie beherrschten Welt“ folgte die von der „Entzauberung der Welt“ (Max Weber). Das Zeitalter des Hexenglaubens wurde durch die Geistesströmung der Aufklärung abgelöst. Die Aufklärung kam in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf und erreichte spätestens im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Ihre Vertreter forderten die Emanzipation des menschlichen Geistes und seine Befreiung von der Unterdrückung durch weltliche und kirchliche Autoritäten, Dogmen und althergebrachter Konventionen. Mit der Aufklärungsbewegung, die in erster Linie vom dazumal aufkommenden Stadtbürgertum getragen wurde, hielt die Überzeugung Einzug, dass alles zuvor Geglaubte „Aberglauben“ sei und letztlich nur Vernunft, Erziehung, Bildung und Ökonomie die Ängste der Menschen bewältigen und ihre Probleme lösen könnten.

Der französische Theologe, Mystiker und Rektor der Pariser Universität Jean le Charlier de Gerson (1363-1429) formulierte bereits vor den grossen Hexenverfolgungen die Gelehrtenmeinung, die nach Beendigung der Hexenprozesse Ende des 18. Jahrhunderts zur unumstrittenen Ansicht der Wissenschaften wurde. Er erklärte, dass der „Aberglaube eine Geisteskrankheit sei, die obschon sie sich in vielerlei Erscheinungsformen zeigt, als Melancholie bezeichnet wird.“ Zwar verstand Gerson unter „Aberglauben“ den vorchristlichen Volksglauben, der zu seiner Zeit von der Kirche bekämpft wurde. Den Glauben an Zauberei, Magie und Hexen als „Aberglauben“ abgetan haben schliesslich jedoch auch die Aufklärer. Ihrer Meinung nach konnte nur ein kranker, debiler und boshafter Geist an solch alten Hirngespinsten festhalten.

 

Literatur: Becker, Gabriele: Aus der Zeit der Verzweiflung. Zur Genese und Aktualität des Hexenbildes, Frankfurt a. M. 1977; Behringer, Wolfgang: Melancholie und Hexenverfolgung, in: Melancholie. Epochenstimmung – Krankheit – Lebenskunst, hg. v. Rainer Jehl und Wolfgang E.J Weber, Stuttgart/Berlin/Köln 2000, S. 35-44; Bettlé, Nicole J.: Wenn Saturn seine Kinder frisst. Kinderhexenprozesse und ihre Bedeutung als Krisenindikator, in: Freiburger Studien zur Frühen Neuzeit, hg. v. Volker Reinhardt, Bd. 15, Bern u.a. 2013; Binsfeld, Petrus: Tractat von Bekanntnuß der Zauberer vnnd Hexen, hg. v. Hiram Kümper, Wien 2004; Blanke, H.W. und Fleischer, D.: Aufklärung und Historik. Aufsätze zur Entwicklung der Geschichtswissenschaft, Kirchengeschichte und Geschichtstheorie in der deutschen Aufklärung, Waltrop 1991; Borst, Arno: Barbaren, Ketzer und Artisten. Welten des Mittelalters, München 1988; Decker, Rainer: Hexen. Magie, Mythen und die Wahrheit, Darmstadt 2004; Delumeau, Jean: Angst im Abendland. Die Geschichte kollektiver Ängste im Europa des 14. bis 18. Jahrhunderts, Reinbek bei Hamburg 1985; Dinzelbacher, Peter: Angst im Mittelalter. Teufels-, Todes- und Gotteserfahrung: Mentalitätsgeschichte und Ikonographie, Paderborn/München/Wien/Zürich 1996; Van Dülmen, Richard (Hg.): Der infame Mensch, in: Armut, Liebe, Ehre. Studien zur historischen Kulturforschung, Frankfurt a. M. 1988, S. 106-140; Honecker, Martin: Christus medicus, in: Der kranke Mensch im Mittelalter und Renaissance, hg. v. Peter Wunderli, Bd. 5, Düsseldorf 1986, S. 27-43; Klibansky, Raymond, Panofsky, Erwin und Saxl, Fritz: Saturn und Melancholie. Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und der Kunst, Frankfurt a. M. 1990; Kostüm, Hans-Henning: Menschen und Mentalitäten. Einführung in Vorstellungswelten des Mittelalters, Berlin 1996; Malleus maleficarum von Heinrich Institoris (alias Kramer) unter Mithilfe Jakob Sprengers aufgrund der dämonologischen Tradition zusammengestellt, hg. v. Ulrich Müller, Franz Hundsnurscher und Cornelius Sommer, Göppingen 1993; Pahud de Mortanges, René: Zum rechtshistorischen Umfeld der Luzerner Strafjustiz im Ancien Régime, in: Richtstätte und Wasenplatz in Emmenbrücke (16.-19. Jahrhundert). Archäologische und historische Untersuchungen zur Geschichte von Strafrechtspflege und Tierhaltung in Luzern, hg. v. Schweizerischen Burgenverein, Bd. 1, Basel 1992, S. 223-232; Roob, Alexander: Das hermetische Museum. Alchemie & Mystik, Bonn 1996; Schindler, Norbert: Die Entstehung der Unbarmherzigkeit. Zur Kultur und Lebensweise der Salzburger Bettler am Ende des 17. Jahrhunderts, in: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde (1988), S. 61-130; Soldan, Wilhelm Gottlieb und Heppe, Heinrich: Geschichte der Hexenprozesse, hg. v. Max Bauer, Bd. I und Bd. II, München 1912; Voltmer, Rita: Von den Kindern des Saturn und dem Kampf mit dem Schicksal – Lebenswege und Überlebensstrategien kleiner Leute im Spiegel von Strafgerichtsakten, in: Arme und ihre Lebensperspektiven in der Frühen Neuzeit, hg. v. Sebastian Schmidt. (Sonderdruck) 2008, S. 237-293.

Zitate: Malleus maleficarum von Heinrich Institoris (alias Kramer) unter Mithilfe Jakob Sprengers aufgrund der dämonologischen Tradition zusammengestellt, hg. v. Ulrich Müller, Franz Hundsnurscher und Cornelius Sommer, Göppingen 1993; Kostüm, Hans-Henning: Menschen und Mentalitäten. Einführung in Vorstellungswelten des Mittelalters, Berlin 1996.

Bildernachweis: Titelbild, 2-4, 6) Klibansky, Raymond, Panofsky, Erwin und Saxl, Fritz: Saturn und Melancholie. Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und der Kunst, Frankfurt a. M. 1990 (Marten van Heemskerck); Abb. 1) Roob, Alexander: Das hermetische Museum. Alchemie & Mystik, Köln 2002; Abb. 5) Weber, Hartwig: Kinderhexenprozesse, Frankfurt a.M./Leipzig 1991; Abb. 7) Oberstebrink, Christina: Karikatur und Poetik. James Gillray 1765-1815, Berlin 2005.

 

By |2019-09-09T09:22:16+00:00Januar 20th, 2019|AnGSt|0 Comments