Liebesangst – Von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt

Wenn Amors Pfeil ins Schwarze trifft, macht sich nicht nur das Herz, sondern auch die Angst bemerkbar. Der Körper befindet sich plötzlich im Ausnahmezustand. Nur ein kurzer Blick zur geliebten Person hin und schon fängt das Herz zu „rasen“ an, es „verschlägt“ einem der „Atem“, die Knie „zittern“ und der „Angstschweiss“ bricht aus. Vor allem am Beispiel der Liebesliteratur lässt sich zeigen: angstauslösende Reize können durch und durch lustbetont sein. Kein Wunder, bedienen sich ihre Schöpfer seit Jahrhunderten am Wortschatz der Angst, um das Innenleben von Verliebten darzustellen und beim Publikum die „grossen Gefühle“ zu wecken.

 

Liebe ist …

Herz BallonDie Liebe ist in allen künstlerischen Gefilden omnipräsent. Kaum ein Gemütszustand wird so häufig in Liedern besungen, auf der Leinwand präsentiert, in Büchern beschrieben oder im Gespräch thematisiert. Kein Wunder, ist die Liebe sehr viel mehr als ein „Gefühl“. Sind wir verliebt, durchleben wir schliesslich immer wieder verschiedene und oft völlig gegensätzlichen Emotionen: Freude, Trauer, Wut, Hoffnung, Enttäuschung, Demut, Stolz, Vertrauen, Misstrauen und vieles mehr. Die Angst wiederum ist das Fundamten, auf dem unsere Gefühlswelt aufbaut. Sie ist die Mutter der Emotionen. Kein Wunder, sind Angst und Liebe auch aus etymologischer Sicht nicht zu trennen.

Das Wort „Liebe“ leitet sich ursprünglich vom Adjektiv „liob“ ab, das sich erstmals im 6. Jahrhundert in der Runenschrift, später auch im Althochdeutschen nachweisen lässt. Im Mittelhochdeutschen wandelte es sich zum Wort „liep“. Allen gemeinsam ist, dass sie auf die indogermanische (indoeuropäische) Wurzel „leubh-“ zurückgehen und „verlangen“, „begehren“ und „gerne haben“ bedeuten. Die Bedeutungen „Verlangen“, „Begierde“ und „Sehnsucht“ besitzt in allen Kultursprachen auch das Wort „Angst“. Jemanden „gerne haben“ wird darum auch mit „sich um jemanden ängstigen“ oder „um jemanden bangen“ ausgedrückt.

Die Liebe ist die Angst vor dem Verzicht. Besonders gut nachvollziehen lässt sich das am Wort „Verlangen“, das gleich zweierlei Bedeutungszusammenhänge aufweist. Wenn es um die Liebe geht, dann wollen wir nämlich einerseits nach einer Person „langen“ (= greifen), andererseits „verlangen“ wir nach ihr (= fordern sie für uns ein). Ein sprachlicher Vorläufer des Angstworts ist das arabische „ӑnaka“, das ebenfalls die Inbesitznahme eines geliebten Menschen andeutet. Es heisst übersetzt nämlich auch „umarmen“.

 

„Er schaute wieder das ernste Antlitz der mächtigen Frau, und die verstörende Angst des sehnsüchtigsten Verlangens erfaβte ihn aufs neue.“

E.T.A. Hoffmann (1776-1822)

 

 

Liebesangst

Herz mit PfeilAuf unser Urwort „liob“ zurück geht auch das Wort „Libido“. Es bezeichnet fachbegrifflich die „Begierde“ sowie den „Trieb“ oder „Geschlechtstrieb“. Unsere Sexualität wie auch unsere Lust und Unlust wiederum werden durch die Amygdala gesteuert, unseren Angstmechanismus im Gehirn. Die Liebe ist also nicht nur aus philologischer, sondern auch aus biologischer Sicht ein Angstzustand.

Die Liebe ist nicht nur einzigartig, weil sie gefühlsmässig sehr facettenreich ist, sondern auch, weil sie die Fortpflanzung des Menschen zu gewährleisten hilft. Verlieben tun wir uns nämlich nur in eine Person, die für uns besonders „reizvoll“ ist. Nur gut, hat uns die Natur einen Angstmechanismus in unseren Kopf gepflanzt, der starke Reize verarbeitet und uns einen Sexualpartner registrieren und auf ihn reagieren lässt. Wer würde sonst noch auf die „Suche nach der wahren Liebe“ gehen?

Wird unser Angstmechanismus im Gehirn nicht aktiviert, geschieht nämlich überhaupt nichts. Wir bleiben teilnahmslos und desinteressiert. Nur jemand „mit dem gewissen Etwas“, der uns besonders stark zu reizen vermag, bringt die Maschinerie in Gang und löst eine Erregung unseres Körpers aus. Erst jetzt werden wir auch aufmerksam und alle unsere Sinne geschärft.

Ist unsere Aufmerksamkeit geweckt und sind die „Antennen ausgefahren“, gehen unsere Augen unbewusst auf die Suche nach dem Angstauslöser. Wenn es um die Liebe geht, ist er für gewöhnlich ziemlich schnell ausgemacht. Sogleich wird der oder die Auserwählte „ins Visier genommen“. Nun entscheidet unser Angstsystem zuerst einmal darüber, ob er oder sie unser Leben potenziell gefährden oder stärken würde. Bei uns stellt sich eines von zwei elementaren Grundgefühlen ein: die Gefahrenangst oder die Verzichtangst. Sie können uns bewusst werden, müssen es aber nicht.

 

„Was erfüllt euch das Gemüt? / Ist‘s Furcht oder ein Begehren?“

Sophokles (496-406 v. Chr.)

 

Gebrochenes HerzUnser Angstsystem checkt einen möglichen Liebeskandidaten innerhalb weniger Millisekunden auf die persönlichen Bedürfnisse hin ab. Haben wir „schlechte Erfahrungen in der Liebe“ gemacht, kann unser Kandidat als schädlich eingestuft werden. Dann überkommt uns die Gefahrenangst und wir ergreifen die Flucht. Entspricht er jedoch nicht nur unserem „Beuteschema“, sondern wird von unserem System auch als nützlich bewertet, überkommt uns automatisch die Angst vor dem Verzicht.

Haben wir den Angstauslöser entdeckt und sein Wesen erfasst, wird der Angriffs- oder Fluchtmodus aktiviert. Handelt es sich bei ihm um einen potenziellen Liebekandidaten, fällt die Entscheidung relativ leicht. In Sachen Liebe zeigt sich die Angst nämlich besonders kampfeslustig. Ans Davonlaufen denkt sie im ersten Moment zumeist nicht. Sie hofft vielmehr darauf, eine „Eroberung machen zu können“. Daher mobilisiert sie uns auch weit öfter für einen Angriff, damit wir uns nehmen, was wir „gerne haben“ wollen und wonach es uns „verlangt“. Nur gut, ist im „Krieg und in der Liebe alles erlaubt“.

 

„Es besteht kein Zweifel, dass es keine andere Ursache für die Angst gibt als die, dass wir das, was wir lieben, entweder als Erlangtes verlieren oder als Erhofftes nicht erlangen können.“

Aurelius Augustinus (354-430)

 

 

Wenn uns jemand „ins Auge sticht“

Smiley mit HerzaugenWenn uns jemand „ins Auge sticht“ und wir uns verlieben, wissen wir oftmals nicht, ob wir uns nun fürchten oder vor Glückseligkeit vergehen sollen. Ob uns die Liebe überkommt oder die Sehnsucht packt, ist jedoch von einem Ereignis abhängig: der Begegnung mit einer Person, die es versteht, unsere Sinne zu reizen und unseren Körper zu erregen. Sie muss uns aber zuerst einmal „unter die Augen“ kommen. Nur dann kann man sich schliesslich auch „finden“.

Die „Liebe auf den ersten Blick“ wird seit Jahrhunderten in Liedern besungen und in Geschichten als höchstes Liebesideal gepriesen, und dies nicht ohne Grund. Kein Sinnesorgan ist für die Aufnahme von angstauslösenden Reizen so gut geeignet wie die Augen. Sie führen dem Gehirn etwa 10mal mehr Informationen zu, als alle anderen Sinne zusammen!

Dank der Neurowissenschaften wissen wir auch, wie schnell die Liebe auf den ersten Blick „einschlagen kann“, nämlich innerhalb einer halben Millisekunde. Doch noch wird uns das nicht bewusst. Bewusst wird uns unser Verliebtsein frühestens nach zwölf Millisekunden. Solange benötigt nämlich die Amygdala, um der Grosshirnrinde die Reizinformationen zukommen zu lassen und von dieser wiederum, die Informationen auch kognitiv zu einem Gefühl zu verarbeiten.

 

„Die fürchtende Liebe sieht weit. Wahrlich!“

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)

 

Smiley - FrauVerlieben wir uns auf den ersten Blick, beginnt das „ängstliche Hoffen“. Denn noch muss sich erst zeigen, ob auch wir bei unserem Liebeskandidaten Aufmerksamkeit erregen konnten und unsere Erscheinung beim ihm dieselben Angstreaktionen ausgelöst hat. Erst wenn auch er sie zeigt, wissen wir, ob auch wir von seinem oder ihrem Angstmechanismus als nützlich eingestuft wurden und sich ein „Kampf um die Liebe“ lohnt.

Hat man „sich gefunden“, muss man sich ebenfalls nur noch in die Augen sehen, um sich der gegenseitigen Zuneigung zu versichern. Schliesslich sind sie „der Spiegel der Seele“ und informieren unseren Gegenüber über unsere Emotionen. Sieht man dann die Angst in den Augen der geliebten Person, ist dies für gewöhnlich ein sehr gutes Zeichen. Denn spätestens wenn sich die bewussten Gefühle einstellen, kommt auch das gefürchtete Angstgefühl auf, man könnte die geliebte Person wieder verlieren.

Wer sich verliebt, sieht die Welt bekanntlich fortan durch eine „rosarote Brille“. Doch kaum ist der Liebling mal abwesend, bekommt man die „Sehnsucht“ zu spüren. Das Wort wird mit „liebend verlangen“ oder „sich härmen“ (besorgt/bekümmert sein) übersetzt, sein etymologischer Ursprung gilt jedoch als unbekannt. Schauen wir es uns nun genauer an, dann stellen wir fest, dass es aus zwei Wörtern besteht: „Sehn“ und „Sucht“. Frei übersetzt könnte man also auch sagen: Die Sehnsucht ist die Sucht, etwas sehen zu wollen. Und vom Verlangen, eine Person unbedingt wiedersehen zu müssen, können wohl vor allem Verliebte ein Lied singen – aber auch vom „Liebesschmerz“, wenn das Wiedersehen ausbleibt.

 

„Liebe zuerst bring Lust, doch am Schluβ nur Schmerzen dem Herzen.“

Ovid (43 v. Chr. – 17 n. Chr.)

 

 

Wenn es zwischen zwei Menschen „funkt“

Brennende HerzenDie Angst ist pure Energie. Wenn uns eine Person „ins Auge springt“, haben wir nämlich nicht nur einen starken Reiz empfangen, es wird auch unsere Antriebsenergie hochgefahren. Sie setzt unseren Körper unter Druck, damit wir zur Aktion schreiten, uns in Bewegung setzen. Uns überkommt in solchen Momenten der Drang – oder sogar Zwang –, einen „Kontakt herzustellen“. Schliesslich soll der „Funke überspringen“.

Hat es bei uns „gefunkt“, werden durch die Amygdala also bestimmte Körperreaktionen eingeleitet, die unsere Energiereserven bündeln. Dazu gibt sie an andere Gehirnregionen den Befehl aus, unter anderem unsere Puls- und Atemfrequenz zu erhöhen, den Speichelfluss einzustellen, die Pupillen zu weiten und unsere Muskeln anzuspannen. Diese Mechanismen versetzten uns in den nur allzu bekannten Erregungszustand. Frühestens jetzt erzählen wir unseren Freunden „aufgeregt“, dass wir jemand „aufregendes“ kennengelernt haben.

Es ist aber auch sehr gut möglich, dass wir uns der ganzen physischen Vorgänge (noch) nicht bewusst werden. Der Mensch muss nämlich kein Gefühl empfinden, damit sein Organismus aktiviert wird. Da kann es schon mal passieren, dass wir plötzlich auf unseren Auserwählten oder unsere Auserwählte zu marschieren, ohne zu wissen, wie uns geschieht. Stehen wir dann schliesslich atemlos, mit trockenem Mund und pochenden Herzen vor unserem „Objekt der Begierde“, hat das also seine Gründe.

 

„Die Nähe eines Frauenzimmers trieb ihm Schweiβtropfen auf die Stirne, und wurde er vollends von einem jungen, genugsam hübschen Mädchen angeredet, so geriet er in eine Angst, die ihm die Zunge band und ein krampfhaftes Zittern durch alle Glieder verursachte.“

E.T.A. Hoffmann (1776-1822)

 

Herz und BlitzDie Liebe kommt oft unverhofft. Nicht selten „schlägt“ sie ein wie ein „Blitz“. Sehen wir unseren Traumpartner zum ersten Mal, fühlen wir uns bei seinem Anblick wie „elektrisiert“. Sind wir verliebt oder treffen auf eine „reizende Person“, mutieren wir also tatsächlich zum Energiebündel. Steht wir dann plötzlich „unter Strom“, ist dies ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir auch „unter Druck geraten“ sind. Die gebündelte Antriebsenergie will nichts anderes mehr, als der Enge des Körpers entfliehen und zum Einsatz kommen.

„Daβ das Engegefühl der Angst sich auch bei lustbetonten Spannungszuständen einstellen kann, drücken die Dichter vielfältig mit ihrer „süβen Angst“ und „bangen Seligkeit“ aus“, betonte schon der Sprachwissenschaftler Mario Wandruszka. Kein Wunder, verlieh die Engeerfahrung dem Wort „Angst“ auch seine Hauptbedeutung. Es umschreibt in sämtlichen Kultursprachen die Enge. Und auch sie wird nicht nur negativ, sondern auch positiv gedeutet. Daher sprechen wir auch von „engen Freunden“, einem „engen Verhältnis“, einer „engen Beziehung“ oder „engen Umarmung“.

 

„Donati erschien in der wilden Beleuchtung noch viel bleicher und schauerlicher als vorher. Das schöne Fräulein mit dem Blumenkranze hatte ihn beständig mit heimlicher Furcht von der Seite angesehen.“

Joseph von Eichendorff (1788-1857)

 

 

Wenn jemand unser „Herz berührt“

HerzpulsDas Herz ist das Liebessymbol schlechthin. Auch ein Liebespaar beschreiben wir oft als ein „Herz und eine Seele“. Dass das Herz jedoch eine so ungemein grosse Bedeutung erhielt und seine Eigenschaften sich auch in der Sprache niederschlugen, hat vor allem biologische Gründe.

Die besondere Beziehung zwischen der Angst und unserem Herzmuskel verwundert kaum. Zum Hochfahren unserer Antriebsenergie ist das Herz nämlich unerlässlich. Es pumpt schliesslich unser Blut durch unseren Körper und transportiert die Hormone (Botenstoffe) dorthin, wo sie hin sollen: in alle unsere Körperzellen. Nur so können diese darüber informiert werden, dass unser Angstmechanismus den Befehl zur Energiebündelung ausgegeben hat. Deshalb wird auch die Pulsfrequenz auf Befehl der Amygdala hin automatisch erhöht. Die Zellen sollen die Nachricht auf schnellstem Wege erhalten.

 

„O du entzückst mich, du verstehst mich ganz! / Ja ich verkannte dich, du kennst die Liebe, / Und was ich fühle, sprichst du mächtig aus. / Von seiner Furcht und Scheue löst sich mir / Das Herz, es wallt vertrauend dir entgegen  –.“

Friedrich Schiller (1759-1805)

 

Das Herz bekommt nicht nur die Pulserhöhung, sondern auch die Hormonausschüttung als erstes „zu spüren“. Kaum verwunderlich also, ist der gemeinsame Wortschatz von Herz und Angst universell und findet sich in allen Sprachen der Erde wieder. Im Deutschen gibt es unzählige Worte, die das Herz und die Angst miteinander in Beziehung setzen, sogar den Begriff „Herzangst“ (wobei er in der Literatur die „Liebesangst“ umschreibt und in der Medizin eine „Herzkrankheit“). Viele dieser Ausdrücke versinnbildlichen typische Angstreaktionen des Körpers, so unter anderem die Worte „Herzklopfen“ oder „Herzrasen“.

Ein Grossteil der Begriffe beschreibt auch die energetischen Merkmale der Angst. So vermittelt das „Herzfieber“, der „Herzzwang“ oder „Herzdrang“, wie die gebündelte Antriebsenergie den Körper verlassen und zur Aktion schreiten will. Die Worte „Herzbeklemmung“, „Herzbeengung“ oder „Herzstoss“ hingegen umschreiben, wie die Energie am Fluss nach aussen gehindert wird und stattdessen Druck auf den Körper ausübt, der bereits mit Angstenergie angereichert ist.

Dass die Angst die Mutter der Emotionen ist, zeigt sich auch an den zahlreichen Redewendungen, die Herz und Angst miteinander verbinden. Schliesslich kann einem nicht nur vor Liebe, Freude oder Rührung das Herz „eng werden“, „einen Sprung machen“, „bis zum Hals schlagen“ oder „zerspringen“, sondern auch wenn man traurig oder geschockt ist –, womit vor allem unglücklich Verliebte oder Eifersüchtige Erfahrung machen.

 

„… »Deine Lene«, sprach er, die Briefunterschrift wiederholend, noch einmal vor sich hin und eine Unruhe bemächtigte sich seiner, weil ihm allerwiderstreitendste Gefühle durchs Herz gingen: Liebe, Sorge, Furcht.“

Theodor Fontane (1819-1898)

 

 

Wenn die „Hormone verrücktspielen“

HerzblutWir sind uns nicht immer bewusst, woran es uns mangelt. Nur gut, empfangen wir nicht nur aus der Umwelt angstauslösende Reize, sondern auch aus dem Inneren unseres Körpers. Benötigt unser Körper oder unsere Psyche nämlich dringend etwas zum Leben, stellt sich ein biochemisches Ungleichgewicht ein, das ebenfalls starke Reize abgibt und unseren Angstmechanismus aktiviert. Er leitet nun automatisch die gewohnten Mechanismen ein, um eine Verhaltensänderung zu bewirken. Wir sollen schliesslich den Mangelzustand beheben, der unser Überleben bedroht.

Steht uns „der Sinn nach Liebe“, wird unser Angstsystem also ebenfalls aktiv. Unbewusst oder auch bewusst beginnen wir, in unserer Umgebung nach einem geeigneten Liebeskandidaten Ausschau zu halten. Vielleicht zwingt uns die nun bereits hochgefahrene Antriebsenergie dazu, Orte aufzusuchen, an denen wir potenzielle Sexualpartner vermuten, oder aber sie treibt uns dazu an, uns bei einem der Online-Partneragenturen anzumelden. Sind wir wiederum bereits verliebt, warten wir vielleicht ängstlich und mit „bangem Herzen“ darauf angerufen zu werden oder ihn oder sie wiederzusehen. In allen diesen Fällen hält jedoch nicht nur das Ungleichgewicht an, sondern auch die schlechte Laune.

 

„Entzückt, und ganz durchglüht von Wein und Liebe, aber immer voll Furcht, führt` ich nun das herrliche Kind nach Haus bis an die Thüre.“

Ulrich Bräker (1735-1798)

 

Durchbohrtes HerzBefinden wir uns im Zustand der Sprungbereitschaft, können wir schon mal den „Kopf verlieren“ und falsche Entscheidungen treffen. Die Angstenergie, die aufgrund unsers hormonellen Ungleichgewichts bereitgestellt wurde, treibt uns nämlich ziemlich unerbittlich dazu an, uns in Bewegung zu setzen und zu handeln, damit der Mangel behoben wird. Sind wir dem oder der „Richtigen“ noch nicht über den Weg gelaufen oder wird unsere Liebe nicht erwidert, sprechen wir vielleicht die nächste für uns einigermassen reizvolle Person an, um das Gleichgewicht unseres Hormonhaushaltes wieder herzustellen. Vielleicht gehen wir aber auch zum nächsten Kühlschrank hin und finden dort etwas, das wir „gerne haben“ können. Solche Verhaltensweisen minimieren jedoch nur kurzfristig unseren Mangelzustand, und das Ungleichgewicht bleibt bestehen.

Es heisst also nicht umsonst bei Verliebten, aber auch bei unglücklich Verliebten und sich nach Zuneigung Sehnenden, dass ihre „Hormone verrücktspielen“. Sie denken und verhalten sich auf einmal anders als gewohnt. Das bemerken natürlich auch die Mitmenschen. Wenn die „Hormone mit einem durchgehen“, verstehen nicht nur wir uns oftmals selbst nicht mehr, auch unter Freunden und Familienangehörigen heisst es dann nicht selten: „Wir erkennen dich nicht wieder!“ Manchmal, weil wir plötzlich nur noch lächelnd und pfeifend durch die Welt spazieren, manchmal aber auch, weil wir plötzlich die Gefühle anderer ausnutzen, verletzten und ignorieren.

 

„Ich liebe den Engel, so ein Teufel ich auch sein mag. – Ich lieb ihn? Ja, gewiβ, gewiβ, ich lieb ihn. Ich weiβ, ich wollte tausend Leben für sie aufopfern, für sie, die mir ihre Tugend aufgeopfert hat! … – Und doch, doch – Ich erschrecke, mir es selbst zu sagen – Und doch – Wie soll ich es begreifen? – Und doch fürchte ich mich vor dem Augenblicke, der sie auf ewig vor dem Angesichte der Welt zu der Meinigen machen wird.“

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)

 

 

Wenn bei uns die „Glocken klingeln“

Verletztes HerzVerlieben wir uns, durchflutet nicht nur Adrenalin unseren Körper, sondern auch die Hormone Dopamin und Serotonin. Gemeinsam sind sie für den „Rausch der Gefühle“ und die Liebesangst verantwortlich. Erst wenn die Liebelei zur Herzensangelegenheit wird und sich eine feste Beziehung entwickelt, produziert der Körper das Hormon Oxytocin. Es sorgt dafür, dass die Angst- und Stresszustände wieder abnehmen. Bis dahin aber ist ein langer Weg. Zwischenzeitlich „klingeln bei uns die Glocken“, wie es so schön heisst. Die Anspielung selbst geht sehr wahrscheinlich auf das Läuten der Sturmglocken zurück, die früher eine Bedrohung ankündigten.

Tatsächlich trägt das Verliebtsein ein grosses Risiko in sich. Nicht umsonst heisst es, die Liebe sei ein „gefährliches Spiel“. Dass die Angst nicht nur dann zur Stelle ist, wenn uns gerade ein Lastwagen zu überfahren droht, sondern auch dann, wenn uns unverhofft unser Traumpartner über den Weg läuft, verwundert kaum. Schliesslich können uns beide aus den „Socken hauen“. Dass die Liebe für uns zur Gefahr werden kann, zeigt sich auch an ihrem Wortschatz. Wir können nämlich nicht nur „liebeskrank“ werden, sondern auch „Liebeskummer“ haben, an „Herzschmerz“ leiden oder sogar „verrück“ und „wahnsinnig“ vor Liebe werden.

 

Und während ich noch zögerte, ob ich nun fliehen oder näher herantreten sollte, … und es mich ebenso drängte wie schauderte, sie zu berühren, ging plötzlich ein strahlendes Lächeln über ihr Antlitz …

Umberto Eco (1932-2016)

 

Zwar können angstauslösende Reize lustbetont sein und von unserem Grosshirn als Belohnung gedeutet werden. Das heisst jedoch nicht, dass das „Objekt unserer Begierde“ und der Gemütszustand, in den es uns versetzt, keine Bedrohung darstellen. In Zeiten des Verliebtseins hat der Körper schliesslich mit unzähligen Problemen zu kämpfen. Die Dauererregung und das hormonelle Wechselbad, das zwischen Euphorie und Depression pendeln kann, schaden ihm erheblich. Auch wenn unsere Liebe nicht erwidert wird, „jemand mit unseren Gefühlen spielt“ oder wir gezwungen sind, unsere Gefühle zu unterdrücken, kann dies für unseren Organismus lebensgefährlich werden. Wird das homöostatische Gleichgewicht nicht wieder hergestellt, droht der ultimative Gau.

Verliebte zeigen darüber hinaus oftmals ein selbstschädigendes Verhalten auf. Der Klassiker: die Nahrungsverweigerung. Dem Körper wird die Energiezufuhr gekappt – schliesslich steht der Körper ja schon „unter Strom“. Oder der dringend benötigte Schlaf bleibt aus. Bedingt durch die Dauererregung kann es auch passieren, dass unmittelbare Gefahren nicht mehr wahrgenommen werden. So mancher läuft dann plötzlich „kopflos“ und „vor Liebe blind geworden“ über die vielbefahrene Strasse. Andere wiederum werden übermütig. Sie begeben sich in gefährliche Situationen, um die Aufmerksamkeit der geliebten Person auf sich zu ziehen und Eindruck zu schinden. Die Liebe macht halt nicht nur „blind“, sondern auch „erfinderisch“.

 

„Er hatte stets Angst, dass irgendetwas dazwischenkäme, dass das Schicksal zuschlagen und alles beenden könnte. Kaum freute er sich über etwas, ergriff ihn diese Angst. Die Angst, etwas Geliebtes zu verlieren.“

Claude Cueni (1956-)

 

Versteinertes HerzIm Zustand des Verliebtseins werden viele also nicht nur für sich, sondern auch für andere zur Gefahr, da ihre Aufmerksamkeit und mit ihr alle Sinne nur noch auf die geliebte Person fokussiert sind. Sie werden selbst zum Angstauslöser. So kann es auch passieren, dass sich bei der Arbeit gravierende Fehler einschleichen, die anderen grossen Schaden zufügen, oder die Unachtsamkeit führt zu Unfällen, die tödlich enden können. Auch die Gefühle anderer finden nachweislich plötzlich keine Beachtung mehr oder werden ausgenutzt, was wiederum bei den Betroffenen ein Angsterleben auslöst und Ängste schürt.

Die Liebe kann uns sogar traumatisieren. Verlieren wir einen geliebten Menschen durch Tod oder werden wir von ihm verlassen, kann dies Folgen haben. Die bekannteste Krankheit ist das „Broken-Heart-Syndrom“. Bei ihm handelt es sich – wen verwundert’s – um eine Funktionsstörung des Herzmuskels. Es weist dieselben Symptome auf, wie ein Herzinfarkt. Zwar ist es in den seltensten Fällen tödlich, doch schädigt es den Körper ganz enorm. Seine Ursachen sind zwar bis heute nicht vollständig geklärt, die Medizin geht jedoch davon aus, dass Stresshormone für das Syndrom verantwortlich sind. Die Angst hat also auch hier ihre Hände im Spiel, ist es schliesslich die Amygdala, die den Befehl zu ihrer Produktion ausgibt.

Spätestens jetzt wird klar, warum die Liebe ihren Anfang mit einem Angstreiz nimmt und unseren Angstmechanismus Daueralarm schlagen lässt. Die Liebesangst sorgt dafür, dass wir uns nehmen, was wir zum Überleben benötigen, es uns an nichts mangelt und wir keinen Verzicht erleiden müssen. Auf der anderen Seite aber kann sie sich auch negativ auf unseren Organismus auswirken, psychische sowie physische Schmerzen bereiten und ein ungesundes Verhalten bewirken. Sogar vor Selbstmord oder Mord schrecken viele unglücklich Verliebte bekanntlich nicht zurück. Die Liebe ist also in der Tat nicht nur ein „gefährliches“, sondern auch ein „seltsames Spiel“.

 

„Das Herz mir tief in der Brust erschüttert, / denn erblick‘ ich dich, so erstirbt des Mund’s gleich / jeglicher Ton mir. // Nein, die Zunge ist dann mir gelähmt, ein zartes / Feuer rollt schnell unter der Haut herum mir, / mit den Augen seh‘ ich nicht, und es klingen / dumpf mir die Ohren. // Kalter Angstschweiβ rinnet herab, es rafft mich / Beben ganz dahin, und erbleicht wie Spätgras / bin ich; kaum noch weht mir der Athem und ich / scheine zu sterben.“

Sappho (7. – 6 Jh. v. Chr.)

 

 

Wenn wir „vor Liebe vergehen“

Herz mit FluegelnDie Angst betrachtet den Menschen als Einheit von Körper und Geist. Ihre Hauptaufgabe ist es, uns vor physischem und psychischem Schmerz, Schädigung und einem frühzeitigen Tod zu beschützen. Da sie nicht zwischen Organismus und Psyche unterscheidet, kennt sie auch nicht den Unterschied zwischen einem biologischen und einem geistigen Tod. Als Einheit betrachten sich auch Verliebte. Sind sie einmal nicht zusammen, können sie nicht nur körperliche, sondern auch psychische Schmerzen erleben. Unglücklich Verliebte wiederum „erleiden“ nicht selten einen geistigen und physischen „Schaden“. Darüber hinaus kennt unsere Liebesangst kurioserweise aber auch den „süssen Tod“. Im Zustand des glücklichen Verliebtseins hat man schliesslich ebenfalls oft das Gefühl, „vor lauter Glückseligkeit sterben zu müssen“ oder vor Sehnsucht und Liebe zu „vergehen“.

Dass es in der Liebe oft um „Leben und Tod“ geht, zeigt sich auch sprachlich. Das englische Wort für „Leben“ beispielsweise ist „life“. Das altenglische Wort für die „Liebe“ wiederum war „lief“. Gekannt hat es bestimmt auch William Shakespeares (1564-1616). Er hat bekanntlich die berühmteste Liebesgeschichte überhaupt verfasst: Romeo und Julia. Wie wohl jedermann weiss, begehen beide am Ende der Geschichte Selbstmord, weil sie füreinander „die Liebe ihres Lebens“ sind und ohne einander nicht leben können.

 

„Der Mensch fürchtet den Tod nur, weil er noch nicht glücklich genug gewesen ist; im höchsten Glück möchte er gleich hinsterben.“

Karl August Varnhagen von Ense (1785-1858)

 

Die Liebe lässt nicht nur unsere Gefühlswelt Achterbahnfahren zwischen den Stationen „himmelhochjauchzend“ und „zu Tode betrübt“. Sie besitzt im Vergleich zu allen anderen Gemütszuständen auch die Fähigkeit, unserem „Leben einen Sinn zu geben“. Dass Angst, Liebe und Tod ebenfalls eine Einheit bilden, ist seit Jahrtausenden bekannt. Gemeinsam bewegen sie sich gerne in den höheren, den metaphysischen Regionen. Sind wir glücklich verliebt, dann „schweben wir im 7. Himmel“ und brauchen nichts anderes mehr als „Luft und Liebe“, um überleben zu können. Kein Wunder, heisst es daher auch sprichwörtlich, dass uns sowohl die Angst als auch die Liebe „Flügel verleiht“.

 

Literatur: Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache, hg. v. Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion, Bd.7, Aufl. 3, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2001; Hüther, Gerald: Biologie der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden, 9. Auflage, Göttingen 2009; Jiffy, Hady: Ursprungswörterbuch der deutschen Sprache unter besonderer Berücksichtigung der akkadischen Sprachen sowie der Dialekte und Mundarten, Bd. 1, Hamburg/Augsburg 2000; Kandel, Eric R. (Hg. u.a.): Neurowissenschaften. Eine Einführung, Heidelberg 2001; Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Aufl. 24, Berlin/New York 2002; LeDoux, Joseph: Angst. Wie wir Furcht und Angst begreifen und therapieren können, wenn wir das Gehirn verstehen, Salzburg 2016; Paul, Hermann (Hg.): Deutsches Wörterbuch, Aufl. 9, Tübingen 1992; Wandruszka, Mario: Angst und Mut, Stuttgart 1981.

Zitat: Wandruszka, Mario: Angst und Mut, Stuttgart 1981.

Bildernachweis: Titelbild/Abb. 1-13) Pixabay.de.

By |2019-09-09T06:29:20+00:00August 31st, 2018|AnGSt|0 Comments