1. Weltkrieg (5/5) – Angstneurosen und Invalidität

Die Invaliden und Kriegsneurotiker brachten den Schrecken des Weltkriegs in ihre Heimat. Das Bild des Gegners wurde zusehends durch ein neues Feindbild ersetzt, das kaum mehr menschliche Züge aufwies. Für die Öffentlichkeit und Behörden stellten die Kriegsgeschädigten eine der grössten Herausforderungen dar, zerstörten sie doch das heroische Selbstbild der eigenen Nation. In der Auseinandersetzung mit ihnen spiegelt sich die kollektive Angst vor der Sinnlosigkeit des geführten Krieges wider, die alle europäischen Gesellschaften von Beginn des Ersten und bis Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beherrscht hat.

 

Das Heer der Verwundeten
Soldat mit Gesichtsverletzung

Abb. 1) Soldat mit Gesichtsverletzung.

Die Anzahl der während des Ersten Weltkriegs getöteten Soldaten wird zwischen 6 und 20 Millionen geschätzt. Über diejenigen, die verletzt aus dem „Grossen Krieg“ in ihre Heimat zurückkehrten, liegen gesichertere Zahlen vor – und doch können auch sie nur geschätzt werden. Der Historiker Volker Berghahn beziffert die Verwundeten und oft bis zur Unkenntlichkeit Verstümmelten auf 19 Millionen. Wie viele Soldaten wiederum psychisch geschädigt aus dem Krieg zurückkamen, ist unbekannt. Die Forschung geht davon aus, dass es mindestens ebenso viele waren.

Bereits in den ersten Kriegswochen nahm nicht nur die Zahl an Menschenverlusten, sondern auch die der Verwundeten ungeahnte Ausmasse an. Um die Truppenstärke zu gewährleisten, wurden die Verletzten schnellstmöglich wieder zusammengeflickt und an die Front zurückgeschickt. Doch viele waren nach einem Einsatz nicht mehr kampffähig. Diese Gruppe der Schwerverletzten umfasste in erster Linie Arm- und Beinamputierte. Besonders schwierig gestaltete sich die Situation auch für die Männer mit schweren Kopf- und Gesichtsverletzungen, deren Erscheinungsbild fundamental zerstört worden war. In Frankreich wurden sie als die „Männer mit dem zerbrochenen Gesicht“ tituliert. Um ihr oft groteskes Antlitz ertragen und den geschockten Gesichtern ihrer Mitmenschen entgehen zu können, liessen sie sich oft von einem Maskenbildner ein „neues Gesicht“ anfertigen. Sie alle gemeinsam hatten jedoch nicht nur unter ihrer äusserlichen Entstellung zu leiden. Auch Verbitterung, Angststörungen, Aggressionszustände, Depressionen, nächtliche Albträume und Suizide waren sehr weit unter ihnen verbreitet.

Beinamputierte

Abb. 2) Beinamputierte, die das Strassenbild beherrschen.

Nicht anders erging es den unzähligen Soldaten, die im Kampfgefecht einen Schock erlitten. Sie wurden von den Militärärzten als Feiglinge abgestempelt und zur „Genesung“ erneut an die Front verfrachtet, wo sie sich durch den Tod im Kampf „rehabilitieren“ sollten. Doch der Fronteinsatz bedeutete für die Soldaten eine permanente Stresssituation, und für viele wurden schwere Schockzustände zum Dauerzustand. Vor allem der anhaltende Detonationslärm durch den Artilleriebeschuss führte bei Unzähligen zu tiefsitzenden psychischen Schäden, die sich in einem ganz neuen Krankheitsbild äusserten, der Kriegsneurose. Ihre Symptome waren vielfältig: anhaltende Zitter-, Erregungs- und Unruhezustände, Lähmungen, Verkrampfungen, Ertaubung, Sprachverlust oder hysterische Störungen und Gemütserschütterungen.

Das augenscheinlichste Symptom der Kriegsneurotiker war das unentwegte und unkontrollierte Zittern, als ob der Krieg „wie ein Blitz“ in ihre Körper gefahren sei, wie ein Arzt vermerkte. Von den deutschen Militärärzten und letztlich auch von der Öffentlichkeit wurden die Betroffenen daher als „Kriegszitterer“ oder „Schüttler“ bezeichnet. Die britischen Mediziner und Psychiater wiederum gaben dem neuen Phänomen den Namen „shell shock“ (Granatenschock), die französischen betitelten die Erkrankung als „choc tramatique“ (traumatischer Schock) oder „hystérie de guerre“ (Kriegshysterie).

Die grosse Zahl der Kriegsversehrten entwickelte sich bereits Ende 1914 zu einem politischen und gesellschaftlichen Problem, das sich nicht mehr durch die Unterbringung in Invalidenhäusern und Nervenanstalten bewältigen liess. Um der Problematik entgegenzuwirken, wurde vor allem die Herstellung und Weiterentwicklung von Prothesen vorangetrieben. Völlig ohnmächtig war man jedoch gegenüber den Leiden der Kriegsneurotiker, die keine sichtbaren Verletzungen aufwiesen. Die „Kriegszitterer“, so vermerkte auch der Arzt und Politiker Willy Hellpach, wurden rasch „zu einem grausigen Straβenschauspiel, das die Bevölkerung fast mehr noch als die Amputierten, die Blinden und die im Antlitz Entstellten erregte.“ Aufgrund der soldatischen Heldenvorstellung, die sich schliesslich in den Kranken- und Krankheitsbildern niederschlug, gelangten sowohl die Wissenschaft als auch die Öffentlichkeit zu der Überzeugung, dass die körperlich und geistig Verwundeten nur genug Disziplin und Willen an den Tag legen müssten, um wieder gesund zu werden und sich der Gesellschaft und Arbeitswelt anzupassen.

 

Artillerie

Abb. 3) Kriegsschock: Russische Soldaten unter Granatenbeschuss.

 

 

Nervenkraft und Willensstärke
Soldatenheld

Abb. 4) Der Soldatenheld: Plakat zur Werbung von Kriegsanleihen, Berlin 1918.

Bereits in den ersten Wochen des „Grossen Krieges“ sahen sich Militärs und Ärzte mit der Kriegsneurose konfrontiert. Viele Soldaten, die stunden- oder sogar tagelangem Artilleriebombardement ausgeliefert waren, liefen plötzlich apathisch oder schreiend aufs Schlachtfeld. Viele von ihnen wurden Opfer der gegnerischen Scharfschützen. Manche hingegen irrten orientierungslos im Niemandsland herum, bis sie die Militärpolizei aufgriff. In diesen Fällen wurden die völlig traumatisierten Soldaten nicht selten als Deserteure behandelt und nach ihrem Aufgreifen als Strafe standesrechtlich erschossen. Den Militärärzten wurde erst allmählich bewusst, dass die Betroffenen einen hysterischen Anfall erlitten hatten. Bis dahin galten sie als verängstigte Feiglinge, die ihrem Land Schande bereiteten.

Kämpfer und Heldentum bilden seit jeher eine Einheit. Schon immer galten Soldaten, die sich auf dem Schlachtfeld bewährten, als die Helden ihrer Gemeinschaft. Sie wurden verehrt und dienten anderen als Vorbilder. Mut, Körperkontrolle, Willensstärke und Disziplin besitzen der Heldenvorstellung nach aber immer nur diejenigen, die sich nicht vor dem Tode fürchten, im Gefecht „ruhiges Blut“ beweisen und angesichts der Gefahr weder den Kopf noch die Nerven „verlieren“. Der Erste Weltkrieg wurde von allen kriegsführenden Gesellschaften als eine Probe für die eigene Nervenkraft und Willensstärke angesehen. Die Materialschlachten und die ungeheure Waffenkraft der Artillerie zerstörten jedoch das Bild vom „soldatischen Helden“, der über einen „eisernen Willen“ verfügt und Nerven „wie Drahtseile“ hat.

Werbung

Abb. 5) Das Geschäft mit der Angst: Werbung für „nervenstärkende Mittel“ für den Mann.

Die Millionen von Kämpfern, die während des Krieges physisch und psychisch zerstört wurden, konnten mit der althergebrachten Heldenvorstellung nicht mehr in Einklang gebracht werden. Die unzähligen verkrüppelten und zitternden Männer boten vielmehr ein Bild des Jammers und der Schwäche. Vor allem aber das massenhafte Auftreten der neurotischen Soldaten wirkte sich bedrohlich auf das männliche Selbstbild aus, stellte es doch die Vorstellung vom nervenstarken Krieger infrage.

Die Durchsetzung des soldatischen Heldenbilds war bereits kurz nach Kriegsbeginn keine Angelegenheit mehr, mit der sich nur die Armeeführer und Militärbehörden auseinandersetzten. Auch die Abgeordneten der Parlamente nahmen sich mit Vehemenz des Themas an. Die Angst der Soldaten wurde zum Politikum. Worte wie „Feigheit“ und „Nervenschwäche“ mutierten zu politischen Phrasen, die innerhalb der Debatten immer wieder Erwähnung fanden. Am Ende waren es aber nicht nur Politiker und Militärs, sondern auch Mediziner, Psychiater und selbst Geistliche, die den körperlich und seelisch verwundeten Kämpfern mit roher Gewalt das Heldentum wieder einzutreiben versuchten.

Verwundete

Abb. 6) Österreichische Verwundete auf ihrem Weg zurück in die Heimat.

Das soldatische Heldenbild prägte alle europäischen Nationen, doch vor allem die Deutschen waren von ihm beseelt. Was ihnen gegenüber der Entente an Menschen und Material fehlte, musste schliesslich irgendwie wieder ausgeglichen werden. Wie stark die Heldenpropaganda wirkte, zeigt sich am Beispiel der Deserteure, war doch der deutsche Anteil im Vergleich zu allen anderen Armeen sehr niedrig. Ausgleich fand man aber auch in der Abwertung. So heisst es in einem deutschen Bericht über die österreichischen Verbündeten, deren Desertationsrate besonders hoch war: „Nach Meinung unserer meisten Offiziere rekrutiert sich ein österreichisches Regiment aus lauter Schweinen und anderen Viechern … Die hohen Herren entpuppten sich hier als Menschen, die ängstlich bemüht sind, keinen Heldentod zu sterben…“.

Im Verlaufe des Krieges wandelte sich das Heldenbild jedoch radikal. Zuerst bewertete die Öffentlichkeit eine Verwundung noch als Beweis der Tapferkeit. Doch schon bald galt nur noch derjenige als verehrungswürdig, der gleich mehrmals verwundet worden war und sich wieder von seinen Verletzungen erholt hatte. Der einbeinige oder einarmige Invalide konnte sich zukünftig gerade noch als Kriegsheld behaupten. Die Doppelbeinamputierten hingegen, die sich dazumal oft auf einem Rollbrett fortbewegten, sowie die Doppelarmamputierten wurden bereits zu diesem Zeitpunkt abfällig als „Kriegskrüppel“ betitelt. Ihnen allen wurde jegliches Heldentum abgesprochen.

Je mehr Kriegsgeschädigte das Strassenbild beherrschten, umso öfter reagierte die Öffentlichkeit mit Aggressionen gegen sie. Die Verletzungen selbst mutierten zum verachteten Stigma. Die Kriegstoten wurden wie Götter verehrt, die zurückgekehrten Verwundeten immer öfter beschimpft, verspottet und sozial geächtet. Am Ende galten nur noch diejenigen Soldaten als „echte Männer“, die sich ohne aufzufallen wieder ins Strassenbild einfügen konnten. Entsprechend wurde auch in den Medien und der Literatur nur noch ein „wahrer Held“ gefeiert: der Kämpfer, der völlig gesund aus dem Krieg zurückgekehrt und damit sowohl physisch als auch psychisch unversehrt geblieben war.

 

 

Psychologie – Propaganda in eigener Sache
Karikatur Eignungstest

Abb. 7) Eignungstest: Ein deutscher Arzt erklärt einen bereits verwesenden Soldaten für „kriegsverwendbar“ (KV). Die Karikatur stammt vom deutsch-amerikanischen Maler George Grosz.

Der Beginn der Psychologie als Wissenschaft wird in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angesetzt. Zu dieser Zeit versuchten sich die Vertreter der Experimentalpsychologie als neue Disziplin an den Universitäten zu etablieren. Zeitlich fiel ihre Gründung mit der Debatte um den bevorstehenden „Weltbrand“ zusammen, welche die europäische Bevölkerung auf den „Grossen Krieg“ einstimmen sollte. Das gesamte Wissen der Psychologen über die Psyche des Menschen, das sie aus philosophischen Schriften und der Literatur bezogen, nahm schliesslich Einfluss auf die Beurteilungen der Mediziner sowie deren Kranken- und Krankheitsbilder.

Der Erste Weltkrieg wurde von der Überzeugung dominiert, dass der Krieg nur durch Willens- und Nervenstärke zu gewinnen sei. Diese Anschauung in den Mittelpunkt gerückt haben die unter dem Begriff der Psychologie vereinten Neurologen, Psychoanalytiker und Psychiater, die ihre Chance gekommen sahen, sich öffentlich zu profilieren. Den Politikern und Militärs, die seit jeher die Ängstlichkeit der Soldaten und ihren Ungehorsam beklagen, kam die neue Disziplin wie gerufen. Die Psychologen propagierten schliesslich von Anfang an, dass sie über das nötige Wissen verfügen würden, um die an Angst und Feigheit „Erkrankten“ kurieren und den politisch-militärischen Vorstellungen vom “vollkommenen” Mann anpassen zu können.

Die aufstrebende Disziplin stellte sich von Beginn an in den Dienst von Politik, Militär und Wirtschaft. Während der gesamten Kriegszeit betonten ihre Vertreter immer wieder, dass Krieg und Psychologie eine Einheit bilden würden, könne ersterer nur mit Hilfe der zweiten überhaupt gewonnen werden. Tatsächlich jedoch hatten weder sie noch die Allgemeinärzte eine Vorstellung davon, welche Auswirkungen der erste „Maschinenkrieg“ der Menschheitsgeschichte mit sich bringen würde. Der britische Arzt Albert Wilson (den offensichtlich auch die Angst vor beruflicher Konkurrenz quälte) vertrat im November 1914 noch die Meinung, dass die Psychologen in diesem Krieg nicht viele Fälle zu behandeln hätten. Mögliche psychische Erkrankungen könne man durch Alkohol und frische Luft kurieren. Zu dieser Zeit zeigten die Soldaten an den Fronten jedoch schon massenhaft Symptome, die sich nicht durch die bekannten Krankheitsbilder fassen liessen.

In Deutschland verband die neue Psychologiezunft am Ende des Krieges sogar die „Dolchstosslegende“ mit der Nervendebatte. Einerseits hoben ihre Vertreten den Gegensatz von „leistungsfähigen“ Soldaten und „minderwertigen“ Zivilisten hervor. Andererseits vertraten sehr viele deutsche Neurologen, Psychoanalytiker und Psychiater im Sommer 1919 die Meinung, die Kriegsneurotiker seien an der Niederlage schuld, da sie durch ihr Auftreten in der Öffentlichkeit besonders negativ auf die bereits psychisch angeschlagene Bevölkerung eingewirkt und auf diesem Wege eine „hysterische Massenpsychose“ ausgelöst hätten. Der Psychologe Paul Plaut ging sogar so weit, nicht nur die geistige Kompetenz der Menschen an der Heimatfront zu hinterfragen, sondern auch die vielen heldenhaften Kriegsberichte, deren Anzahl bereits im Sommer 1914 in die Höhe schoss und alle Soldaten als nationale Helden darstellten. In seinem Beitrag „Psychographie des Kriegers“ schrieb er über die kursierenden Soldatengeschichten:

„Aber das Merkwürdigste ist: der Leser fühlt sich im Banne der Worte, ist durchschauert von all dem Grausigen und Schrecklichen, hat immer dann Bewunderung und Mitleid für den, der das alles erleben musste. Dabei kommt ihm fast in keinem Augenblicke der Gedanke des Zweifels, des Überlegens, das die Kritik herausfordert und fragt: ist das alles so wahr, kann das alles so sein, ist hier nicht eine Kluft, die nicht begreiflich, etwa ein Sprung von einem Granatloch ins andere, der unmotiviert und unwirklich erscheint? Darauf kommt man nicht – oder man wollte es nicht, aus der Angst heraus, dem „Braven“, dem „lieben Feldgrauen“, dem „Vaterlandsverteidiger“, dem „tapferen Krieger“, „unserem Helden“ Unrecht zu tun.“

 

 

Soldatenpsyche
Rot Kreuz Sanitaeter

Abb. 8) Sanitäter vom Roten Kreuz verarzten in der Champagne (Frankreich) einen verwundeten Soldaten (Juli 1918).

Die Bezeichnung „Kriegsneurose“ setzte sich im Ersten Weltkrieg durch. Sie umschrieb die psychopathologisch bedingten Erkrankungen, die bei den Soldaten infolge des Kampfeinsatzes an der Front auftraten und bis dahin unbekannt waren. Fachbegrifflich zählte sie gemeinsam mit der „Neurasthenie“, „Hysterie“ und „Nervosität“ zur sogenannten „traumatischen Neurose“. Aufgrund der damaligen uneinheitlichen Begriffsverwendung – die traditionell bis heute fortwirkt – sprachen die Gelehrten in der Fachliteratur aber auch von „Zweckneurose“, „Schreckneurose“, „Granat- und Nervenschock“, „Kriegshysterie“ oder einfach von „Nervenerkrankungen“.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts steckte die psychologische Forschung noch in den Kinderschuhen. Als der herbeigesehnte Krieg endlich ausbrach, brach auch die Freude unter den Psychologen aus. Sie alle sahen in ihm ein riesenhaftes, willkommenes Experiment, das die Überprüfung ihrer Theorien ermöglichen sollte. Viele Psychiater und Psychologen konnten die Ergebnisse aber erst gar nicht abwarten. Bereits 1914 wurden unzählige Fachbücher zum Thema „traumatische Neurosen“ veröffentlicht. Verfasst wurden sie und alle folgenden jedoch fast ausnahmslos von Fachpsychologen, die über keinerlei Kriegs- oder Fronterfahrungen verfügten.

Im Allgemeinen deuteten die Neurologen und Psychiater die durch einen Schock ausgelösten Angststörungen als ein „massenpathologisches Phänomen“, das sich durch die Diskrepanz zwischen Vernunft und Emotionen ergab. Kaum verwunderlich, schenkten sie schon sehr bald den soldatischen Emotionen grosse Aufmerksamkeit. Das galt insbesondere für den Umgang der Soldaten mit ihren Angstgefühlen.

Soldaten bei Koerpertherapie

Abb. 9) Deutsche Soldaten, die eine Körpertherapie durchlaufen.

Auch der Psychologe Walter Ludwig setzte sich in seiner Dissertation wissenschaftlich mit der „Psychologie der Furcht im Kriege“ auseinander. Er hatte während des Krieges – ebenfalls fernab der Kriegsfront – in einem Offiziersanwärterkurs und in speziellen Verwundetenschulen Befragungen durchgeführt und rund 200 Aufsätze zum Thema „Beobachtung aus dem Feld, an was der Soldat im Augenblick der höchsten Gefahr denkt, um die Furcht vor dem Tod zu überwinden“ gesammelt. In den von Ludwig zusammengetragenen Berichten erzählen die Soldaten von ihrer ungeheuerlichen Angst vor den neu entwickelten Waffen und vor allem vor den schweren Artillerieangriffen. Die allermeisten von ihnen gaben an, ihre Angstgefühle und „innere Beklemmungen“ durch ein Gespräch mit einem ihrer Soldatenfreunde beschwichtigt zu haben, und dass schon die „Anwesenheit eines besonders liebgewordenen Kameraden“ eine immense Erleichterung für sie bedeutet hätte.

Viele führten auch verschiedene Praktiken auf, die sie von ihrer Angst abgelenkt hatten. Besonders oft genannt wurden das Hören von Musik oder das Rauchen. Die Vorstellungen von „Zufall“ und „Wahrscheinlichkeit“ spielten ebenfalls eine bedeutende Rolle bei der Angstbewältigung. Ein Soldat beschrieb sein Erleben mit den Worten: „Wirklich Furcht vor dem Tode habe ich niemals empfunden, weil ich mir stets vor Augen hielt, dass nicht jede Kugel trifft.“ Die in der offiziellen Kriegsdarstellung und Propaganda hervorgehobenen Faktoren wie Disziplin, Tapferkeit und Patriotismus spielten bei der Bewältigung hingegen keine oder nur eine sehr untergeordnete Rolle.

 

 

Ursachenforschung und Behandlungsmethoden
Kriegszitterer

Abb. 10) Kriegsneurotiker in der sog. „hysterischen Zwangshaltung“. Das Bild wurde im k.u.k. Garnisonsspital Nr. 17. in Budapest aufgenommen (1916).

Die hohe Anzahl an Kriegsneurosen hat die Militärärzte nicht nur überrascht, sondern auch überfordert. Als sie erstmals in Erscheinung traten, waren die Mediziner noch mehrheitlich davon überzeugt, dass ihre Ursachen organischer Natur seien. Daher setzten sie zuerst auf milde Heilungsmethoden und verschrieben den Geschockten frontferne Ruhepausen, Dienstbefreiung oder Wasserkuren. Als immer mehr Soldaten eine Neurose entwickelten, änderten die Ärzte jedoch ihre Meinung. Nun setzte sich die Überzeugung durch, dass die Kriegsneurose psychische Ursachen haben müsse –, was den jungen Zweig der Psychologie erneut auf den Plan rief.

Im Gegensatz zum Kriegsinvaliden, dessen Verwundung augenscheinlich war und auf eine Feindeinwirkung zurückgeführt werden konnte, stand der „Kriegszitterer“ von Beginn an unter dem Verdacht zu simulieren. Die Psychologen und Nervenärzte waren fest davon überzeugt, dass die Erkrankten nur Angst davor hatten, wieder an die Front geschickt zu werden. Für sie ein Beweis, dass es den Betroffenen einzig an der nötigen Willensstärke und Selbstkontrolle fehlte. Ihr Glaube an die „Kraft des Willens“ mündete letztlich in der Auffassung, die traumatischen Erlebnisse und posttraumatischen Störungen liessen sich ganz einfach überwinden, wenn der Soldat es nur wirklich „wolle“. Aufgrund dieses Gedankenkonzepts entwickelten sie schliesslich Therapiemethoden, die den Willen der Patienten mobilisieren sollten.

Zu den milderen Methoden zählten unter anderem die Blossstellung der Soldaten vor ihren Mannschaften, indem man sie als Schwächliche und Simulanten beschimpfte, der Appell an ihren Stolz und Patriotismus oder aber suggestive Befragungen. Bei den allermeisten Behandlungsmethoden handelte es sich jedoch um gewalttätige Experimente, welche die Grenze zur faktischen Folter überschritten. Die Psychiater steckten sehr viele Erkrankte in Isolationshaft, die nur durch das sogenannte „Zwangs- oder Gewaltexerzieren“ unterbrochen wurde. Immer wieder setzte man auch auf regelrechte Überrumpelungsmethoden und initiierte ein erneutes Angsterleben bei den Betroffenen, indem man die Umstände nachstellte, die zu ihrer Traumatisierung geführt hatten. Bettnässer wiederum sperrte man in Zimmer ohne Toilette ein, Patienten mit hysterischem Erbrechen zwang man entweder zu hungern oder besonders viel essen und Erbrochenes wieder hinunterzuschlucken. Soldaten, die ihre Stimme verloren hatten, führte man ohne Vorwarnung eine Kugelsonde in den Kehlkopf ein, um mit dem erwarteten Angstschrei die Stimme zu reaktivieren, oder man rief gezielt Erstickungsanfälle hervor. Besonders oft zum Einsatz kamen auch schwere Elektroschocks, die immer wieder zu Todesfällen führten.

Karikatur Kriegszitterer

Abb. 11) Karikatur von Anton Stadler: Ein angeblich verkrüppelter „Hysteriker“ wird von einem Militärarzt mit der Funken sprühenden Elektrode bedroht, um seinen Krankheitswillen zu brechen.

Die brutalen Behandlungstherapien zur Mobilisierung des Patientenwillens wurden mit leichten Abweichungen in ganz Europa durchgeführt. Im Gegensatz zu Deutschland, wo in erster Linie Experimente mit den Kriegsneurotikern durchgeführt wurden, landeten in Frankreich und England sehr viele vor dem Kriegsgericht und wurden zum Tode verurteilt. Besonders in Grossbritannien ging man rigoros gegen sie vor. Vielen britischen Soldaten, die nach tagelangem Trommelfeuer ihre Nerven verloren oder aus Angst einen Befehl verweigert hatten, wurde der Krankenstatus aberkannt, als „Feiglinge“ eingestuft und dem Militärgericht überantwortet. Da in ihren Fällen kein psychiatrisches Gutachten zur Rechtfertigung zugelassen war, fielen die Urteile auch sehr viel härter aus.

Die Soldaten an der Front versuchten ihre Angst vor dem Tod und der Verwundung zu überwinden, indem sie in Gefahrensituationen sowohl emotionell als auch physisch näher zusammenrückten. Die Zuhausegebliebenen hingegen bewältigten ihre Angst vor den körperlich und seelisch Verstümmelten mit der Ausübung von Gewalt, der Abwertung und einer sozialen Isolierung. Zu tief traf sie die Zerstörung ihres Selbstbilds, das vom Heroismus beherrscht wurde. Ihr Unvermögen, die von den Kämpfern durchlebten Traumata empathisch nachzuvollziehen, lässt sich schliesslich auch an der von Psychologen und Nervenärzten betriebenen Ursachenforschung ablesen. Als nämlich die Behandlungsmethoden nicht die gewünschte Wirkung zeigten, radikalisierte sich auch das Bild des Neurotikers.

Auf der Kriegstagung des „Deutschen Vereins für Psychiatrie und der Gesellschaft deutscher Nervenärzte“ in München (September 1916) setzte sich eine Auffassungen durch, die letztlich von allen europäischen Nationen vertreten wurde. Der Schock und die emotionelle Erschütterung nach einer Granatexplosion oder einem Artilleriebeschuss wurde als Ursache einer Neurose verworfen und nur noch eingeschränkt anerkannt. Stattdessen sprach man sich dafür aus, neu eine „neurotische Fixierung“ als Grund für die Neuroseerkrankungen anzusehen. Unter dem Begriff verstanden wurde eine charakterliche Prädisposition. Die Soldaten oder Offiziere waren ihr gemäss nicht wegen der waffenbedingten Schockwirkung an einer Kriegsneurose erkrankt, sondern weil sie von Natur aus willens- und nervenschwache Männer waren.

Nachdem man den Krieg als Ursache für die Neurosen verworfen hatte und stattdessen die menschliche Veranlagung als ursächliches Prinzip für eine Erkrankung anerkannte, setzte eine vollständige Umwandlung des Krankenbilds ein. Sie hatte weitreichende Konsequenzen. Es verwundert kaum, dass sich die Debatte um der „neurotischen Fixierung“ am Ende in ganz Europa immer drastischer mit klassen- und nationaltypischen aber vor allem rassistischen Zuschreibungen vermengte. Von nun an wurden die Patienten als „haltlose Affektmenschen“, „Kriminelle“, „Entartete“ oder „reizbare Querulierer und Hetzer“ in den behördlichen und ärztlichen Berichten betitelt.

 

 

Kriegsfürsorge und Rentenansprüche
Bettelnder Veteran

Abb. 12) Ignoriert und vergessen: Ein britischer Veteran läuft bettelnd der Kutsche König Georgs V. beim Epsom Derby hinterher.

Die getöteten Soldaten des Ersten Weltkriegs wurden als Helden verehrt und betrauert. Die Heimgekehrten machten hingegen die desillusionierende Erfahrung, für die Gesellschaft nur noch unwillkommene Erinnerungsträger sowie emotioneller und finanzieller Ballast zu sein. Aus dem einstigen Soldatenheer wurde eine Armee von Bittstellern. Kaum in die Heimat zurückgekehrt, waren die Verwundeten dazu gezwungen, um ihre sowieso schon geringen Renten kämpfen zu müssen. Die allermeisten verloren diesen Kampf, wurden sie doch im Allgemeinen mit rhetorischen Plattitüden abgespeist und sich selbst überlassen.

Die Dimensionen, mit denen die gegenseitige Vernichtung während des Ersten Weltkriegs vorangetrieben wurde, war aus welthistorischer Sicht etwas ganz Neues. Neu waren auch die Motive und Ziele, die mit der Kriegsführung verfolgt und angestrebt wurden. Standen in den vorangegangenen Grosskriegen vor allem die politischen Systeme oder die Religionen im Vordergrund, rückten mit ihm die Weltherrschaft und rein wirtschaftliche Aspekte in den Mittelpunkt. Der „Grosse Krieg“ markiert folglich nicht nur die immer enger werdende Beziehung zwischen Politik und Ökonomie, sondern auch den Beginn eines zukünftigen Credos.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts existierte keine staatliche Fürsorge für den Kriegsfall, die eine berufliche Wiedereingliederung der Kriegsinvaliden ermöglichen sollte. Die Invaliden waren von privaten und kommunalen Hilfsangeboten abhängig, die dem Elend jedoch nur mit sehr geringer Effektivität gegensteuern konnten. Darüber hinaus war die Seriosität dieser Angebote sehr oft umstritten, versuchten doch viele Profiteure das Heer der Verwundeten finanziell auszubeuten. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, versuchte die Regierung zwar ein entsprechendes Fürsorgesystem aufzubauen, doch die Ökonomisierung des Krieges zeigte sich schliesslich nicht nur im Umgang mit den Soldaten, sondern auch mit den Kriegsgeschädigten.

Das Angsterlebnis eines anderen nachvollziehen kann nur derjenige, der dasselbe am eigenen Leib erfahren hat. Nicht nur die Behörden und Fachleute, sondern auch die Öffentlichkeit zeichneten sich durch die Unfähigkeit aus, gegenüber den körperlich und geistig verwundeten Soldaten Empathie zu empfinden und Solidarität zu zeigen. Für sie alle stand das Kriegsziel, die eigene volkswirtschaftliche Machtposition, im Mittelpunkt und somit die Angst, die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung könnte durch ein Heer arbeitsunfähiger und vor allem arbeitsunwilliger Invalider gefährdet werden. Unentwegt verlangten sie noch mehr Disziplin und Leistung von den Kriegsversehrten, damit die Kosten für die Allgemeinheit begrenzt blieben. Als die Zahl an Verwundeten und psychisch Erkrankten immer mehr anstieg, änderten die Behörden die Versicherungsgesetze und ihre Vorgehensweisen im Krankheitsfall. Ihre Überlegungen wurden dabei ausschliesslich von zwei wesentlichen Faktoren bestimmt. Einerseits sollte so schnell wie möglich die Wiederverwendungsfähigkeit der Soldaten für die Front oder Arbeitswelt hergestellt werden. Wenn dies jedoch nicht oder nur eingeschränkt möglich war, sollte andererseits eine so knapp wie nur möglich bemessene Rente zugebilligt werden.

 

Royal und Proletarier

Abb. 13-14) Nachkriegszeit: Als der Erste Weltkrieg offiziell für beendet erklärt wurde, behaupteten sämtliche europäischen Politiker und Militärführer nicht für ihn und seine Folgen verantwortlich gewesen zu sein – Und sie alle blieben auch weiterhin an der Macht. Ein Nachspiel hatte der „Grosse Krieg“ nur für diejenigen, die in ihm gekämpft haben. Während der deutsche Kronprinz Tennis spielte (links), war der kriegsverletzte Proletarier gezwungen, in der Fabrik zu arbeiten.

 

 

Die Verdrängung der kollektiven Angst
Fuehrung Schuetzengraben

Abb. 15) Bombenspass: Gutbetuchte Zivilisten erhalten eine Führung durch einen extra zur Demonstration ausgehobenen Schützengraben in West-Berlin (1915).

Neubenennungen und Neudefinierungen sind ein uraltes und beliebtes Mittel der Angstbewältigung. Sie sollen Misserfolge kaschieren, negative Assoziationen verhindern oder Fortschritt suggerieren, mit anderen Worten: einem Problem, das sich aufdrängt und nicht aus der Welt schaffen lässt, seinen bedrohlichen Charakter nehmen. Hinter diesen neuen Wortkonstruktionen steht aber nicht selten ein Konzept, das dem Eigennutz, der Verschleierung und mutwilligen Täuschung dienen soll.

Die Angst der Nachkriegsgesellschaften, die Invaliden und Kriegsneurotiker könnten sich eine staatliche Rente erschleichen, offenbart sich unter anderem in der Langlebigkeit des „Krüppel“-Begriffs. In Deutschland wurde der als verächtlich angesehene Ausdruck im Mai 1915 zwar offiziell durch die neuen Bezeichnungen „Kriegsinvalide“ oder „Kriegsbeschädigte“ ersetzt. Zweck der Neubenennung war jedoch nicht, den Betroffenen ihre Würde zurückzugeben, sondern mittels begrifflicher Neudefinierung Rentenansprüche zu verunmöglichen oder zumindest einzuschränken. Von der Änderung betroffen waren aber am Ende nicht nur die Kriegsversehrten, sondern auch die Witwen und Waisen, deren Ansprüche gleichfalls eine Begrenzung erfuhren.

Im Verlaufe der Jahre wurden die Versorgungszuschüsse zunehmend gekürzt. Das Reichsversorgungsgesetz vom Mai 1920 sicherte schliesslich kaum noch eine Minimalversorgung zu, die diesen Namen verdient hätte. Die Betroffenen blieben angesichts der geringen Zuwendungen auch zukünftig auf eigene Einkünfte oder familiäre Hilfe angewiesen. Der abschätzige und entwertende Ausdruck „Krüppel“ wiederum blieb trotz offizieller Neubenennung auch in der Nachkriegszeit innerhalb des gesellschaftlichen Wortschatzes eine geläufige Bezeichnung für die Invaliden und Neurotiker.

Natürlich wurde auch die politische Propaganda mobilisiert, um übermässigen Rentenauszahlungen entgegenzuwirken. Die Jagd auf Spione wurde durch eine hysterische Jagd auf vermeintliche „Rentenbetrüger“ abgelöst. Sie sollte den sozialpolitischen Diskurs während der gesamten Zwischenkriegszeit nachhaltig vergiften. Dabei stand auch hier vor allem das soldatische Heldenbild im Mittelpunkt. Mütter, Ehefrauen und Schwestern wurden aufgefordert, die Verwundeten nicht zu „verhätscheln“ und einer Verweichlichung vorzubeugen. Die Rentenbezieher wiederum wurden als charakterlos, faul und schwächlich dargestellt, um Angst- und Schamgefühle zu erzeugen und diejenigen, die noch keine finanzielle Unterstützung beantragt hatten, vor einer Anmeldung abzuschrecken.

 

Armamputierte

Abb. 16-18) Veteranen, denen ein Arm oder sogar beide Arme amputiert werden mussten.

 

In der Auseinandersetzung mit den Invaliden und Neurotikern nahmen die Ärzte, Psychiater und Psychologen eine ganz bedeutende Schlüsselrolle ein. Sie waren es schliesslich, die im Auftrag der Regierungen nicht nur darüber entscheiden mussten, ob es sich bei einer Erkrankung um die Folge einer physischen oder psychischen Kriegsverletzung oder um Simulation handelte, sondern auch, ob der Krankenstatus anerkannt und eine Pensionszahlung gutgeheissen werden sollte oder nicht. Kaum verwunderlich, trugen auch sie in ganz erheblichem Masse zur zynischen Debatte um den „Rentenbetrug“ bei. Und auch sie versuchten, mittels Neubenennungen ihren Dienst für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erfolgreich zu meistern, wie sich an der gewaltigen Zunahme an Begriffen zeigen lässt. So unterschieden die Fachleute zukünftig willkürlich zwischen den angeblich vorgetäuschten „Unfall-“, „Zweck-“ oder „Rentenkampfneurosen“ und „echten“ Erkrankungen.

Besonders die Fälle der psychisch erkrankten Heimkehrer waren letztlich von zahllosen Auseinandersetzungen gekennzeichnet, in die sowohl die Kranken, ihre Angehörigen und Anwälte als auch Psychiater und Beamte involviert waren. Die für die Behandlung und Unterstützung der Patienten verantwortlichen Fachleute waren letztlich aber dermassen mit ihrem vom Staat gestellten Auftrag beschäftigt, die seelisch Verwundeten als Simulanten zu entlarven und Rentenansprüche zu verweigern, dass für die eigentliche Patientenfürsorge weder Zeit noch Energie und Geld übrig blieb.

Während des Krieges behandelte man viele Kriegsneurotiker noch in Spezialkliniken. Nach dem Krieg jedoch wurden sie von den Ärzten immer häufiger als hoffnungslose Fälle aufgegeben und in staatliche Anstalten abgeschoben, die keine psychotherapeutischen Massnahmen mehr anboten. Auch das Bündnis zwischen den Anwälten der Beschädigten und den Gesundheitsexperten löste sich zusehends auf. Mit längerem Abstand zum Krieg und aufgrund der Einführung der „neurotischen Fixierung“ wurden die Neurosen von den Medizinern und Psychologen auch immer seltener mit dem Krieg selbst in Verbindung gebracht. Nach nur wenigen Jahren betrachteten die meisten in den Anstalten arbeitenden Psychiater und Wärter die Neurotiker nicht mehr als Opfer des Krieges, sondern als geisteskranke Patienten, die eine soldatische Vergangenheit hatten.

 

„Des Vaterlands Dank ist euch gewiβ“ – Slogan der deutschen Regierung

„Des Vaterlands Dank kommt auf monatlich 67.80 Mark “ – Slogan der Kriegsopfer

 

 

Ziviles Schattendasein
Karikatur Bettler-Pest

Abb. 19) „Bettler-Pest“: Karikatur von George Grosz.

Millionen von Toten und Verwundeten gab es nicht nur auf dem Schlachtfeld. Dass nicht nur die Soldaten, sondern auch die Menschen an der Heimatfront mit einer Neurose oder arbeitsbedingten Invalidität zu kämpfen hatten, wurde von der Politik und Gesellschaft jedoch gekonnt ausgeblendet. Wie viele Zivilisten letztlich während 1914 und 1918 nicht nur an Hungersnöten, Seuchen und ethnischen Säuberungen zugrunde gingen, sondern aufgrund traumatischer Erlebnisse in den Nervenanstalten landeten, ist heute kaum mehr nachvollziehbar.

Den Zivilopfern wurde während der Nachkriegszeit weder gedacht, noch wurden sie entsprechend medizinisch versorgt und finanziell unterstützt. Dabei stellten die Ärzte schon zu Beginn des Krieges fest, dass die Kriegsrealität auch auf die Psyche der vorwiegend armen Zivilbevölkerung eine gewaltige Anforderung stellte und die traumatischen Neurosen nicht nur bei den Soldaten auftraten, sondern auch bei den Menschen in der Heimat. Bereits im August 1914 vermerkte der Emmendinger Psychiater und Medizinalrat Walter Fuchs in einem Bericht:

„Im Anfang des heurigen August, noch vor den ersten Gefechten, füllten sie (die Neurotiker) mit erschreckender Plötzlichkeit die Anstalten. …. Es fanden sich darunter Fälle verschiedener Genese, von deliranten Alkoholikern bis zu entlarvten Paralytikern; aber bei den weitaus meisten spielte doch die Erregung, die Emotion jener Zeit so unverkennbar die Rolle des auslösenden Reizes, daβ man geneigt sein könnte, analog dem sogenannten Zuchthausknall von einem ‚Mobilmachungsknall‘ zu sprechen. Die Normalität der Alltäglichkeit war in jener Zeit zweifellos bei uns allen erschüttert. Wer Gelegenheit hatte, damals das groβe Publikum zu beobachten, den eigentümlich totenstillen Lärm des Straβenverkehrs, die gespannten, ernsten, wie plötzlich abgemagerten Gesichter, die groβen Augen, die weiten Pupillen, den Trieb zum Reden und das Bangen nach Ermutigung –, der wird das bestätigen können. … Die beherrschenden Stimmungen der Mobilmachungstage waren, Sorge, Furcht, Angst.“

 

In einem Bericht wiederum beschrieb Walter Fuchs die Angst und den Zustand eines Patienten. Hier notierte er: „Mobilmachungsangst. 9. August akut Visionen und Wahnideen im Sinne der Persekution (werde erschossen; gehängt; schwarze Männer und Weiber bedrohen ihn); sehr angstvoll, weint, schreit verzweifelt. Später teils freier, teils immer wieder depressiv mit Todesangst und Angstbeten (‚wann werde ich erschossen?‘). … Schlaflos.“ Wie der Emmendinger Medizinalrat Fuchs und auch andere Psychiater feststellten, waren es aber schliesslich vor allem die grassierende Spionenfurcht sowie die auf sie folgenden unkontrollierten Schutzmassnahmen der Bürgerwehren und die mit ihnen einhergehenden Bedrohungsgerüchte, die bei der zivilen Bevölkerung besonders häufig Angststörungen und Neurosen ausgelöst hatten.

Auch das Nichtwissen über den Verbleib der Ehemänner, Väter oder Brüder sowie die Angst, man würde sie nie mehr wiedersehen, liessen die Zahl an psychischen Erkrankungen in der Heimat ansteigen. Die Vielzahl von Kriegerdenkmälern und Gedenkfeiern verdeckte am Ende des Krieges oft auch die Tatsache, dass in den Nachkriegsgesellschaften viele Familienangehörige keinen Trost fanden, das Verschwinden ihrer Angehörigen niemals akzeptieren konnten und von der Angst geplagt wurden, die totgeglaubten Männer könnten noch irgendwo da draussen in der Kriegsgefangenschaft gehalten werden oder aber aufgrund eines Gedächtnisverlustes umherirren. Tausende von Angehörigen, die von solchen Ängsten geplagt wurden, entwickelten krankhafte Neurosen und landeten am Ende in psychiatrischen Anstalten.

 

Wie traumatisierend der Verlust von Angehörigen auf die Zivilbevölkerung einwirkte, zeigt sich am Fall eines französischen Soldaten, der sehr grosse Aufmerksamkeit erregte und die allgemein verbreitete, tiefgreifende Verunsicherung widerspiegelt:

Am 1. Februar 1918 wurde am Bahnhof Gare des Brotteaux in Lyon ein französische Soldat aufgegriffen, der aus deutscher Kriegsgefangenschaft kam, aber keine Papiere bei sich trug, die über seine Identität hätten Aufschluss geben können. Er selbst hatte offenkundig sein Gedächtnis verloren. Nach einer Odyssee durch zahlreiche Krankenhäuser und psychiatrische Anstalten landete er in einem Heim in Rodez (Averyron). Dessen ärztlicher Direktor Dr. Fenayrou bemühte sich um den unbekannten Soldaten und strengte eine nationale Suchkampagne an, um seine Familienangehörigen ausfindig zu machen. Nachdem man ein Foto von ihm in den wichtigsten Zeitungen des Landes publiziert hatte, meldeten sich über 300 Familien, die in dem Abgebildeten den Ehemann, Bruder, Sohn oder Enkel zu erkennen glaubten. Zwanzig dieser Familien konkurrierten schliesslich vor Gericht um die Identität des Mannes, und es kam zu einem jahrelangen Prozess. Obwohl man ihn 1934 als Octave Monjoin identifizieren konnte, setzte sich das juristische Tauziehen noch weitere vier Jahre fort. Wegen eines Einspruchs von Lucy Lemay, die in ihm ihren vermissten Gatten zu erkennen glaubte, kam es zu einem langwierigen Revisionsverfahren. Erst als Octaves Vater 1938 die gerichtliche Bestätigung erhielt, dass es sich bei dem unbekannten Soldaten tatsächlich um seinen Sohn handle, kehrte dieser nach Hause zu seinem Vater und seinem Bruder zurück. Beide kamen aber bereits zwei Monate nach seiner Rückkehr bei einem Unfall ums Leben. Octave Monjoin verschwand erneut und nun für immer in einem Heim. Weil die Vichy-Regierung die psychiatrischen Anstalten des Landes massiv vernachlässigte, verschlechterte sich in den Heimen seit 1941/42 die Versorgungsituation erheblich. Am 10. September 1942 starb der bekannteste unbekannte Soldat Frankreichs infolge gravierender Unterernährung. Zunächst in einem Massengrab bestattet, wurde er 1948 exhumiert und erneut unter grosser Anteilnahme von Veteranen des Zweiten Weltkriegs beerdigt. Aber noch im Jahre 2003 forderte die Enkelin einer der Kläger aus den 1930er Jahren eine erneute Exhumierung und eine Klärung durch eine DNA-Probe.

 

 

Frauenschicksal
Krankenschwester

Abb. 20) Eine Schwester vom Roten Kreuz versorgt einen Verwundeten auf der Strasse.

Die Behandlung der Invaliden und Kriegsneurotiker durch Politik, Medizin, Psychiatrie und Gesellschaft darf getrost als menschenverachtend bezeichnet werden. Menschenverachtend waren aber auch die Reaktionen gegenüber den Witwen und Waisen, deren Rentenkürzungen und soziale Ächtung innerhalb der Auseinandersetzung mit der Fürsorgeproblematik ebenfalls vorangetrieben wurden. Doch nicht nur sie erhielten kaum oder überhaupt keine Zuschüsse zugesprochen, sondern auch zahllose Frauen, die an der Front gedient hatten.

Während man die Frauen an der Heimatfront als Verführerinnen, konsumgierige Kriegerfrauen oder Krankheitsüberträgerinnen brandmarkte, wurden die Krankenschwestern sakralisiert und zu ihrem Gegenstück hochstilisiert. Während die Pflegerinnen und Arztgehilfinnen in den unzähligen Lazaretten und Hospitälern die verwundeten Soldaten medizinisch wie auch emotional versorgten, wurden sie von den Politikern und Versicherungsfachleuten aussen vor gelassen und erst gar nicht in den Fürsorgekatalog aufgenommen. Ihr Dienst am Vaterland und ihre Selbstaufopferung wurden als selbstverständlich hingenommen. Während die Behörden den physisch und manchmal auch psychisch angeschlagenen Männern eine knappe Kriegsrente zusprachen, ignorierten sie die Frauen in allen Belangen.

Der Kriegsdienst der Krankenschwestern an den Fronten fand in den zeitgenössischen Dokumenten kaum Erwähnung. Ihre Leistungen wurden weder offiziell anerkannt noch durch eine Rente entschädigt, traten auch bei ihnen aufgrund der traumatischen Fronterfahrungen psychische Belastungsstörungen auf. Von einem besonderen öffentlichen Interesse an ihren Kriegserlebnissen kann ebenfalls keine Rede sein. Die immense Gewalt wiederum, der sich viele Ehefrauen und Kinder durch die verbitterten und psychisch angeschlagenen Ehemänner, Väter und Brüder ausgesetzt sahen, wurde gleichfalls hartnäckig ausgeblendet. Die Geschichtswissenschaft wandte sich erst mit Aufkommen der Genderstudien rund ein Jahrhundert später ihren Schicksalen zu, doch von einer profunden Aufarbeitung ihrer Geschichte kann bis heute nicht die Rede sein.

Die Kriegsopfer und Verwundeten nahmen eine entscheidende Funktion für die Interpretation des Krieges ein. Mit Hilfe des Gedenkkults konnte nicht nur das nationale Selbstbild, sondern auch die eigene nationale Heldenhaftigkeit weiterhin zelebriert werden. Die unzähligen körperlich und seelisch Verletzten jedoch führten den Menschen immer wieder vor Augen, dass sie mit einer Selbstlüge lebten. Die ungeheure Angst, der Krieg sei trotz aller Opfer letztlich umsonst gewesen, hatte die Öffentlichkeit eisern im Griff. Die Auffassung, die physisch und psychisch Verletzten müssten einfach nur genügend Willens- und Nervenkraft beweisen und sich der Gesellschaft und Arbeitswelt anpassen, sollte aber nicht nur die Angst und Selbstzweifel beschwichtigen. Sie sollte auch die eigene Traumatisierung aus dem kollektiven Bewusstsein tilgen und die Illusion aufrechterhalten, Angehöriger einer kulturell erhabenen und wirtschaftlich fortschrittlichen Nation zu sein.

 

Gesichtsverletzte Versaille

Abb. 21) Für die politische Propaganda instrumentalisiert: Am 28. Juni 1919 kam es im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles zu einer wohl durchdachten Inszenierung. Die Aufführung begann damit, dass man fünf französische Soldaten mit besonders schweren Gesichtsverletzungen in den Saal führte und in der Nähe des Tisches platziert, an dem die deutsche Delegation ohne jede Möglichkeit der Rechtfertigung den Friedensvertrag unterzeichnen und ihre Schuld am Krieg eingestehen sollte. Der französische Ministerpräsident Clemenceau unterstrich diese Geste noch, indem er diesen als „cinq gueules cassées“ betitelten Veteranen vor der Vertragsunterzeichnung wortlos die Hände schüttelte. Das hier abgebildete Foto von ihnen wurde später als Postkarte verkauft und verbreitete die Kunde von der deutschen Kriegsschuld.

 

Erschwert wurde die Aufarbeitung des Kriegstraumas vor allem in Deutschland, wo aufgrund der Niederlage das Thema Krieg aus der Öffentlichkeit verdrängt wurde. Nicht verdrängen konnten die Politiker, Militärs und die Bürgerlichen jedoch ihre Angst vor politischer und wirtschaftlicher Bedeutungslosigkeit, persönlichem Prestigeverzicht und sozialer Degradierung. Bereits in den letzten Wochen des Krieges setzten unter ihnen die Überlegungen ein, wie man das Kriegsereignis wieder revidieren könne. Die Zwischenkriegszeit beherrscht hat auch die Angst der deutschen Kriegsgeschädigten, keine soziale Absicherung zu erhalten und verhungern zu müssen. Der deutsche „Reichsbund“, der sich für die Rechte der Kriegsopfer und Pflegebedürftigen einsetzte, warf der Regierung in den 1920er Jahren unentwegt vor, die Betroffenen gezielt mit immer neuen Rentenkürzungen in die Verzweiflung und den Suizid zu treiben. – Alleine zwischen Januar 1927 und Dezember 1929 begannen 233 ihrer Mitglieder Selbstmord.

Der unentwegte Überlebenskampf der deutschen Zivilbevölkerung und einstigen Landesverteidiger unterstützte die politische Radikalisierung seit den 1920er Jahren und spielte den Nationalsozialisten am Ende in die Hände. Adolf Hitler, der selbst im Ersten Weltkrieg gekämpft und den Tod und die Verstümmelung unzähliger Kameraden miterlebt hatte, nutzte die Rentenproblematik schliesslich nicht nur für seine Wahlpropaganda, sondern bemühte sich auch während seiner gesamten Regierungszeit darum, den Kriegsversehrten ihre Rechte zukommen zu lassen. Die letztlich auch von den Nationalsozialisten propagierten Überzeugungen, dass das deutsche Heer im Felde unbesiegt geblieben sei und Willens- und Nervenstärke deutsche Tugenden wären, mobilisierte erneut das verängstigte Volk. Damit waren die Weichen für den Zweiten Weltkrieg gestellt, der schliesslich ebenfalls durch Deutschland initiiert und als Verteidigungskrieg verkauft wurde und dessen Opferzahlen und Zerstörungswut Ausmasse annahmen, die selbst nach dem Ersten Weltkrieg noch unvorstellbar gewesen waren.

 

„Ich führe Euch herrlichen Zeiten entgegen“

Kaiser Wilhelm II. (1914)

 

 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führten sozialwirtschaftliche Spannungen und eine systematisch betriebene politische Propaganda zu einem Anstieg der Angst in Europa. Die nach imperialistischer Weltmacht strebende deutsche Regierung wusste 1914 dieses Potenzial für sich einzusetzen – und von sich selbst abzulenken. Der Weltkrieg forderte schliesslich Millionen von Toten, brachte aber nicht die gewünschte politische Stabilisierung. Dank des Gefallenenkults jedoch konnte jede Nation ihr überhöhtes Selbstbild in die Nachkriegszeit retten. Die durch den Ersten Weltkrieg vergrösserte Verarmung blendeten die Gesellschaften fortan aus. Das Heer der Verwundeten, Witwen, Waisen und Verarmten wurde in den sozialen Tod geschickt – dem bekanntlich der Biologische auf dem Fusse folgt. Im besiegten Deutschland blieb die Ober- und Mittelschicht in ihrer Angst vor politischer und wirtschaftlicher Bedeutungslosigkeit und individuellem Prestigeverzicht gefangen. Sie träumten weiterhin den Traum von einer wirtschaftspolitischen Sonderstellung in der Welt. Die geballte Energie der Angst, gespeist aus dem grossbürgerlichen Drang nach Selbstbestätigung und dem Elend der sozial Isolierten, entlud sich 1939 im Zweiten Weltkrieg.

Der spanische Philosoph George Santayana (1863-1952) schrieb einst: „Wer sich nicht an seine Vergangenheit erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen.“ Der Erste Weltkrieg wurde vor 100 Jahren für offiziell beendet erklärt. Kaum jemand weiss heute noch, welche bedeutenden Veränderungen er mit sich gebracht hat. Kaum jemandem ist bewusst, dass er den Zeitpunkt markiert, als Politik und Wirtschaft ihre vollständige Symbiose eingingen und sich der Mensch zum „materiellen Verbrauchsgut“ und zur „kalkulierbaren Summe“ wandelte. Die veränderte Mensch- und Weltsicht ist vielmehr zur Norm geworden. Um die Weltherrschaft gekämpft wird schliesslich weiterhin, nur die Kampfstrategien haben sich geändert. (Siehe dazu auch den Beitrag über die „Angst vor sozialer Isolierung“!)

Die Weltherrschaft zu erlangen und zur globalen Wirtschaftsmacht aufzusteigen, war das Hauptziel jeder Nation gewesen, die im Ersten Weltkrieg gekämpft hat – und auch im Zweiten. Doch auch heute treibt der „Wirtschaftskrieg“ die Menschen in die Verzweiflung, in die Armut, die Radikalität und den frühzeitigen Tod – dies jedoch vor allem in den befriedeten und als sicher und wohlhabend geltenden Industrieländern. Die Globalisierung (global economy) veränderte die internationale Ökonomie von Grund auf. Sie wurde zum Inbegriff unvorstellbarer Weltwirtschaftskrisen, die vor allem seit den 1990er Jahren weltweit in Erscheinung treten. Ihre Träger sind bekannt: Politiker sowie reiche Lobbyisten und Aktionäre, die von der Angst vor Macht- und Prestigeverlust getrieben sind und mit ihren wildwüchsigen marktwirtschaftlichen Methoden und mittels Spekulationen oder restriktiver Investitionspolitik Arbeitsplätze und ganze Wirtschaftsregionen zerstören, um die eigenen Profite und die der mächtigen Konzerne hochzutreiben.

Bekannt sind auch die Folgen der Globalisierung, die nicht nur jedem Land und jedem Lebenssystem aufgezwungen wird, sondern auch jedem Profiteur in die Hände spielt: ein kontinuierlicher Anstieg von Angst und Krankheit und eine ebenso kontinuierliche Abnahme der Lebenserwartung von Erwerbstätigen wie auch Stellenlosen. Reagiert wird nach gleicher, ungesunder Methode. 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg werden qualifizierte Arbeitskräfte mit jahrelangen Berufserfahrungen und langjährig absolvierten Bildungswegen als „schlechtausgebildete“, „faule“ und „arbeitsunwillige“ Bürger betitelt und als Feinde der Nation verkauft. Erneut wird auch die Jagd auf „Sozialbetrüger“ ausgerufen. Die Statistiken der Sozialen Dienste und Arbeitsämter sowie die nationalen und internationalen Gesundheitsberichte sprechen jedoch eine ganz andere Sprache. Ihre Ergebnisse belegen, dass Angststörungen, Depressionen, Stresszustände, Suizide und Gewalt primär durch Arbeitslosigkeit, Arbeitslast und steigende Armut verursacht werden. Sie verkürzen heute die Lebenserwartung von weit mehr Menschen, als der Erste Weltkrieg an Todesopfern und Kriegsgeschädigten gefordert hat.

 

Literatur: Ash, Mitchel G. und Geuter, Ulfried (Hg.): Geschichte der deutschen Psychologie im 20. Jahrhundert. Ein Überblick, in: WV-Studium, Bd. 128, Opladen 1985; Barham, Peter: Forgotten Lunatics of the Great War, New Haven 2004; Berghahn, Volker: Der Erste Weltkrieg, 2. Auflage, München 2004; Bonhoeffer, Karl: Psychiatrie und Krieg, Leipzig 1914; Ders.: Beurteilung, Begutachtung und Rechtsprechung bei den sogenannten Unfallneurosen, Leipzig 1926; Dessoir, Max: Kriegspsychologische Betrachtungen, Leipzig 1916; Ebert, Jens (Hg.): Vom Augusterlebnis zur Novemberrevolution. Briefe aus dem Weltkrieg 1914-1918, Göttingern 2014; Everth, Erich: Von der Seele des Soldaten im Felde, Jena 1915; Friedrich, Ernst: Krieg dem Kriege. Neu herausgegeben vom Anti-Kriegs-Museum Berlin. 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Zitate (siehe vollständige Angaben Literaturverzeichnis): Leonhard, 2014; Hirschfelder, 1993; Rauchensteiner, 2013; Plaut, 1920; Ludwig, 1920; Fuchs, 1915; Geinitz, 1998.

Bildernachweise (siehe vollständige Angaben Literaturverzeichnis): Titelbild) Mommsen, 1996 (Otto Dix); Abb. 1-2, 13-14, 16) Friedrich, 2015; Abb. 3) Keegan/Holmes, 1985; Abb. 4, 15, 17) Hirschfeld, 1993; Abb. 5, 10) Hofer, 2004; Abb. 6-9, 11, 19-20) Whalen, 1984; Abb. 12, 18, 21) Leonhard, 2014; Abb. 18) Hirschfeld, 2003.

 

By |2019-09-08T07:58:02+00:00August 17th, 2018|AnGSt|0 Comments