Die Gesichter der Angst

Die Angst kommuniziert mit uns. Über die körperlichen Reaktionen, die sie auslöst, informiert sie aber nicht nur unsere Grosshirnrinde, sondern auch unsere Mitmenschen über unseren Gemütszustand. Er spiegelt sich in unserer Mimik wider. Spricht die Angst mit unseren Mitmenschen, kennt sie keine Scham. Ohne Rücksicht stellt sie unsere Gefühlswelt zur Schau. Ein Gegenüber weiss dann manchmal besser als wir, was sie uns zu sagen hat.

 

Emotionale Kommunikation

Unsere natürlichen Gesichtsausdrücke unterstehen nicht der willentlichen Kontrolle. Ihre mimisch-emotionalen Reizsignale huschen für gewöhnlich nur kurz über das Gesicht und signalisieren anderen auf nicht verbaler Ebene, welches Gefühl man gerade durchlebt. Wer einem anderen in solchen Momenten ins Gesicht schaut, nimmt die über sie transportierten Informationen immer bewusst oder unbewusst wahr.

Seit Jahrtausenden dienen unsere Gesichtszüge also der Kommunikation. Welche Gehirnareale bei der Entstehung unserer Mimik involviert sind, konnte von der Wissenschaft jedoch erst vor wenigen Jahrzehnten nachgewiesen werden. Heute weiss man, dass für diese spontanen, von primären Gefühlen begleiteten Gesichtsausdrücke die Amygdala sowie die mit ihr verbundenen Hirnregionen, der Thalamus, die subcortikale Kerne, der linke Präfrontallappen und das Cingulum, verantwortlich sind.

Unsere Angst findet in der Amygdala ihre Manifestierung. Bei ihr handelt es sich um einen Überlebensmechanismus, der durch starke Reize aktiviert wird und spezielle körperliche Reaktionen auslöst, um uns aktionsbereit zu machen. (Siehe dazu auch den Beitrag über die „Amygdala“!) Die von unserem Angstmechanismus aktivierten Körperveränderungen werden wiederum von der Grosshirnrinde kognitiv verarbeitet. Sie kreiert ein Gefühlsbild, das uns und unsere Mitmenschen über unseren Gemütszustand informieren soll. Erst wenn Emotionen aufkommen, wird uns also ein Angstzustand bewusst. (Mehr dazu im Beitrag über die „Emotionen“!)

Von der Aktivität der Amygdala abhängig sind auch unsere sozialen Interaktionen. Ohne sie besässen wir weder die Fähigkeit, die Mimik einer anderen Person und damit ihren Gefühlszustand deuten zu können, noch würden wir überhaupt mit anderen Menschen in Kontakt treten. Wird unser Angstmechanismus nämlich beschädigt oder sogar entfernt, ist unser Gehirn nicht mehr in der Lage, emotionelle Reize verarbeiten zu können. Wir verlieren die Fähigkeit, die Gesichtsausdrücke anderer zu interpretieren und Gefühle zu empfinden.

Der Mensch kommuniziert zu über 80% auf nonverbaler Ebene. Die Gesichtszüge nehmen dabei eine besonders wichtige Stellung ein, da sie für gewöhnlich für jedermann sichtbar sind. Wer jedoch bei schlechtem Wetter eine Sonnenbrille trägt, den Hut in die Stirn zieht (man denke nur an die alten Gangsterfilme) oder sein Gesicht mit Stoffen verhüllt, kappt die Kommunikation mit seiner Umwelt. Bei anderen können solche Tarnversuche Alarm auslösen. Ihr Angstmechanismus stuft sie im Allgemeinen als verdächtig und damit als Bedrohung ein.

 

Bekannte Angstgesichter

Aus politisch-wirtschaftlichen Gründen wird in den Wissenschaften die Angst fast immer als ein negatives Gefühl abgetan, trotz aller Erkenntnisse, die dagegen sprechen. (Siehe dazu auch den Beitrag „Was ist Angst“!) Mit der Angstmimik sieht es nicht anders aus. Sie wurde ebenfalls vor allem auf einen dominanten Gesichtsausdruck reduziert, und dies schon vor einigen Jahrzehnten. Die Angst hat aber viele Gesichter. Schliesslich steuert unser Angstmechanismus im Kopf sämtliche Gefühle, zu denen der Mensch fähig ist, und auch seine Gesichtsausdrücke.

Die Angst ist die stärkste Antriebkraft des Menschen. Sie ist nicht nur das Fundament, auf dem seine Gefühlswelt aufgebaut ist, sie liefert auch stets den Grund, warum er überhaupt etwas empfindet. Seit Jahrtausenden setzt die Angst den Menschen in Bewegung, damit er sich nimmt, was er zum Leben braucht oder Schutz sucht, sollte Gefahr drohen. Ihr Hauptmerkmal ist die Erregung. Ausgelöst wird diese durch das Hormon Adrenalin, das auf Befehl der Amygdala gebildet wird. Bereits vor über hundert Jahren konnte der Mediziner und Physiologen Walter B. Cannon nachgewiesen, dass alle emotionalen Gefühlszustände durch die Adrenalinbildung gesteuert werden.

Bekannteste Angstmimik

Abb. 1)

In ihrer ursprünglichsten Form ist die Angst nichts anderes als pure Energie, die ihren Fluss sucht. Das persönliche Angsterleben verläuft immer nach demselben Schema. Initiiert wird es durch ein starkes Reizsignal – ein Funke springt sozusagen über. Seine energetischen Impulse werden von unseren Sinnesorganen aufgenommen, jagen durch das Nervensystem und aktivieren unseren Angstmechanismus im Gehirn. Hier wird der zugeführte Energieschub dazu genutzt, ein komplexes Regelwerk in Gang zu setzen, das unsere eigene Körperenergie bündelt. Nun baut sich Druck in unserem Inneren auf. Das überschüssige Energiepotenzial drängt nach aussen, will durch eine Handlung wieder in Umlauf gebracht werden.

Obwohl die Umwandlung unseres Reizimpulses viele komplexe Prozesse durchläuft, bleibt unser Angstmechanismus immer ein absoluter Minimalist. Einer Energiezufuhr begegnet er mit einer Energieabfuhr und umgekehrt. Den Fluss zu unterbrechen ist verboten, Depots anlegen ebenso. Überschüsse müssen immer kompensiert werden. Wo Antriebsenergie gestaut oder sogar angereichert wird, „wird’s eng“, „explodiert“ jemand oder aber „implodiert“. An den beiden typischsten Angstgesichtern ist die energetische Kraft der Angst besonders gut aufzuzeigen. Das eine nimmt Energie auf, das andere verweigert die Aufnahme.

Angstmimik

Abb. 2)

Die dominanteste und damit bekannteste Mimik der Angst zeigt aufgerissene Augen und einen weitgeöffneten Mund (Abb. 1). Welche Botschaft vermittelt es? Man sieht es ihm an: Ich hole mir Input. Alle Sinnesorgane sind geschärft, die „Antennen ausgefahren“. Die Amygdala wurde gerade erst aktiviert. Noch empfindet die oder der Betroffene kein Gefühl und auch der Erregungszustand ist ihr oder ihm nicht bewusst. Der Fokus ist auf etwas gerichtet, das Aufmerksamkeit verdient. Die Augen sind geweitet, um noch mehr Informationen einzuholen. (Kein Sinnesorgan ist für die Aufnahme von angstauslösenden Reizen so gut geeignet wie unsere Augen. Sie führen dem Gehirn rund 10mal mehr Informationen zu, als alle anderen Sinne zusammen!) Der geöffnete Mund wird zum Trichter, der sprichwörtlich alles Wahrnehmbare verschlingt, es konsumiert und sich einverleibt. Ob der Angstauslöser (der Überträger des starken Reizimpulses) gefährlich oder nützlich ist, ist noch nicht entschieden; ob geflüchtet wird oder angegriffen, wird sich erst noch zeigen.

In Gefahrenzeiten kann einem so manches an den Kopf geworfen werden, nicht nur Steine, sondern auch böse Worte. Wenn wir dann Angst durchleben, kann es sein, dass wir ebenfalls automatisch die Augen zupressen und unser Mund sich schliesst (Abb. 2). Manchmal klappern oder knirschen wir dann auch mit den Zähnen. Welche Botschaft jetzt vermittelt werden soll, ist dem Gesicht ebenfalls abzulesen: Ich will keinen Input. Es ist bereits genügend Antriebsenergie vorhanden, jeder weitere Energieschub würde den Druck erhöhen. Jede weitere Information, Beschimpfung oder weiterer Tellerwurf könnte die Amygdala reizen und eine weitere Energiebereitstellung des Körpers provozieren. Das muss unbedingt vermieden werden, will man nicht „explodieren“ oder „implodieren“.

 

 

Gefühlsbilder

Schwache Reize lösen keine Erregung aus und somit auch keine Gefühle. Der Organismus befindet sich im biochemischen Gleichgewicht und „funktioniert“. Starke Reize hingegen aktivieren ihn, setzen ihn in Bewegung, lassen Gefühle aufkommen, die erklären sollen, was passiert. Notfallsituation für den Körper! Energieverbrauch! Da ist Kommunikation gefragt.

Unser Angstmechanismus im Limbischen System reagiert auf starke Reize und löst automatisch Körperveränderungen aus, die den Organismus in Erregung versetzen. Da er für gewöhnlich versucht, das „Problem“ – das biochemische Ungleichgewicht – im Alleingang zu lösen, werden wir uns unseres Zustands zuerst einmal nicht bewusst. In solchen Momenten kann es schon mal passieren, dass man losmarschiert, ohne zu wissen warum. Wenn man beispielsweise plötzlich vor dem geöffneten Kühlschrank steht und sich fragt: „Wie bin ich nur hierhergekommen?“, dann war er es, der uns in Bewegung gesetzt hat.

Es gibt aber auch ein Angsterleben, das durch die Bewusstwerdung geprägt ist. Wird uns unser Angstzustand bewusst, dann frühestens nach einer halben Sekunde nach Reizempfang. Mindestens solange benötigt nämlich die Grosshirnrinde, um die von der Amygdala ausgelösten Körperreaktionen zu registriert und zu interpretieren. Sie verarbeitet die Veränderungen und kreiert ein passendes Gefühlsbild, das die Erregung des Körpers erklären und uns über unseren Gemütszustand informieren soll. Da es sich dabei um einen kognitiven Vorgang handelt, wird uns unser Zustand bewusst. – „Ach ja, ich wollte ‘was trinken!“

Traurigkeit

Abb. 4) Traurigkeit.

Empfangen wir einen starken Reiz, nehmen unsere Augen und Münder unbewusst entweder O-Format an oder aber werden geschlossen. Die zwei typischen Angstgesichter sind also geprägt von einem Zustand des Unbewusstseins. Wenn der Angstzustand jedoch anhält und uns bewusst wird, uns beim Anblick unseres Lieblings das „Herz eng wird“ oder es uns die „Kehle zuschnürt“, weil unser Chef uns mit der Kündigung droht, dann schleichen wir natürlich nicht fortan und zwölf Stunden am Tag mit aufgerissenen Augen oder blind durch die Gegend. Sobald wir uns ihrer bewusst werden, zeigen wir ganz andere Gesichtsausdrücke. Wenn jemand Angst vor der Zukunft, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit, vor dem Versagen, einer anstehenden Prüfungen, dem nächsten Beichtgang oder Angst um seine kranken Kinder oder Eltern hat, dann zeigt er für gewöhnlich die Mimik wie auf der Abbildung 4.

Ekel

Abb. 5) Ekel.

Wenn wir Angst haben, etwas aufnehmen zu müssen, das uns schädigen oder Schmerzen bescheren könnte, dann sehen wir wiederum wie auf der Abbildung 5 aus. Dabei ist es völlig egal, ob es sich bei dem Aufzunehmenden um verfaultes Obst oder die Kritik des Freundes handelt. Das Abwehrprogramm ist in vollem Gange: der Mund wird geschlossen, um jegliches Eindrigen zu verunmöglichen. Die Augen wiederum werden zugekniffen, aber nur soweit, dass noch genug Informationen eingeholt werden können. In solchen Momenten stossen andere manchmal auf unsere „tauben Ohren“, selbst dann, wenn sie unsere Angst zu besänftigen versuchen.

Wut

Abb. 6) Wut.

Wenn wir bereits „unter Strom stehen“ und der Angriffsmodus aktiviert wurde, zeigen viele diesen Gesichtsausdruck (Abb. 6). Besonders häufig sieht man ihn beispielsweise dann, wenn die Angst vor Verzicht oder Verlust aufkommt oder jemand uns kritisiert, unseren Selbstwert in Frage stellt und die Angst vor Blossstellung, Identitäts- oder Ehrverlust provoziert. Für andere ist die Mimik ein Signal dafür, dass derjenige schon bald den inneren Druck ablässt und vor Wut „explodiert“, um den Überschuss an Antriebsenergie in seinem ganzen Umfang loszuwerden.

Furcht

Abb. 7) Furcht.

Wenn wir wiederum die „volle Power“ eines Angstreizes abbekommen und sich das Angstgefühl in seiner ganzen Intensität einstellt, dann sehen wir – wie schon oben aufgezeigt – für gewöhnlich so aus (Abb. 7). Diese Mimik zeigt sich für gewöhnlich dann, wenn unser Überleben auf dem Spiel steht oder uns die schlimmsten Angstvorstellungen in den Sinn kommen, die der Mensch überhaupt kennt: die Angst vor Schädigung, Schmerz und Tod. In solchen Momenten droht uns vielleicht gerade ein Serienmörder die Kehle aufzuschlitzen oder ein Anrufer informiert uns über den Tod eines geliebten Menschen. Manche zeigen diesen Ausdruck aber auch dann, wenn sie das neue Tattoo am Arm ihrer pubertierenden Tochter entdecken, die Lücke im Kühlschrank sehen, wo gerade noch ihr Lieblingspudding gestanden hat, oder sie gerade im Lotto gewonnen haben.

Wenn unsere Bedürfnisse und Triebe befriedigt worden sind, die Verzichtangst beschwichtigt ist, wir einer Gefahr entkommen konnten oder ein Kompliment unsere Angst besänftigt, nicht gemocht zu werden, sehen wir zumeist so aus (Abb. 8). Falls wir dieses Gesicht zeigen, ist die Angst jedoch nicht verschwunden – nicht umsonst spricht man auch von der “Freudenangst”. Denn in solchen Momenten kommen fast immer erneute Ängste auf, beispielsweise die Angst, das Glück könnte wieder zerstört werden, jemand könne es einem wegnehmen oder man habe es nicht verdient.

Freude

Abb. 8) Freude.

Die Fröhlichkeitsmaske ist aber auch vor allem unter den Geängstigten der Favorit. Schliesslich trägt der Kulturmensch Maske. Die ehrliche Kommunikation mit den Mitmenschen wird zumeist gekappt, aus Angst sich blosszustellen. Mit der Freudenmimik kann der eigene Angstzustand zwar am besten überspielt und vertuscht werden. Sie bleibt jedoch zumeist erstarrt, was anderen schon bald verdächtig erscheint und ihren Angstmechanismus aktiviert.

Hinzu kommt, dass das Lächeln in Wirklichkeit eine aggressive Handlung darstellt. Das „Zähne zeigen“ soll nämlich aus biologischer Sicht einem Gegenüber die eigene Bisskraft demonstrieren. Es handelt sich dabei also um eine Drohgebärde. Doch vor vielen Jahrhunderten wurde es im sozialen Kodex umgedeutet und neu als positiv bewertet. Dieser Umstand blieb nicht ohne Konsequenzen. Heute weiss man, dass das „ewige Lächeln“ sogar zu einem Burn-Out beitragen kann.

 

 

Überraschung!

Gefühlsmimiken und Körperbewegungen sind emotionale Signale, die nicht nur durch starke Reize ausgelöst werden, sondern auch solche aussenden. Wie der Neurowissenschaftler Eric Kandel aufzeigen konnte, können diese emotionalen Reizsignale nämlich bei anderen das Angstsystem im Gehirn aktivieren. Durchleben wir bestimmte Emotionen, versetzten wir also auch unsere Mitmenschen in unseren Gefühlszustand.

Ueberraschung

Abb. 9) Überraschung.

Die Gesichter anderer Personen können uns stark erregen, wie ein Energiestoss auf uns wirken und Ängste auslösen. Seien es Besucher, die beim Essen ein angeekeltes Gesicht machen, der Chef, der einen mit Sprüchen erniedrigt und einem dann auch noch fröhlich ins Gesicht lacht, die Freundin, die seit Jahren dem Ex nachtrauert oder der ständig wütende Partner, der dauernd nur rumnörgelt. Sie alle können einem gewaltig „auf die Nerven gehen“ oder „an den Nerven zerren“. Auch die „böse“ Überraschung kommt häufiger vor als die „freudige“ und strapaziert nicht selten das Nervenkostüm.

Wenn wir diesen Gesichtsausdruck zeigen (Abb. 9), kann es aber auch sehr gut sein, dass wir gerade etwas entdeckt haben, das von unserem Angstmechanismus als “nützlich” eingestuft wird. Zumeist stellt sich dann der Zustand des Verlangens ein: die Angst drängt uns dazu, es für uns in Anspruch zu nehmen – koste es, was es wolle. Spätestens dies ist der Moment, in dem die Verzichtangst aufkommt. Wir befürchten nicht zu bekommen, was wir doch unbedingt haben wollen.

Die mit Abstand populärste Arbeit über die Mimik des Menschen hat der Psychologe Paul Ekman verfasst. Er ging in den 1960er Jahren nach Papua-Neuguinea, um herauszufinden, ob die emotionellen Ausdrücke unserer Mimik angeboren oder erlernt werden. Sein Untersuchungsobjekt war der Volksstamm Fore, der bis dahin völlig abgeschottet von der Aussenwelt gelebt hatte. Ekman legte den Eingeborenen Bilder vor, die sie den passenden Emotionsbegriffen zuordnen sollten. Er isolierte aufgrund seiner Ergebnisse schliesslich sechs Emotionen, deren Gesichtsausdrücke angeblich universell, also in allen Kulturnen auftreten: Ärger, Trauer, Freude, Furcht, Ekel und Überraschung (Globale Mimik).

Die Sache hatte aber schon dazumal einen Hacken. Die Fore konnten nämlich kaum zwischen dem Angst- und Überraschungsgesicht unterscheiden. Sie kannten schliesslich noch das Janusgesicht der Angst und das ganzheitliche Angstverständnis. (Siehe dazu auch den Beitrag über die „Maori und die Angst“!) Über dieses Ergebnis war Ekman zwar ebenfalls überrascht. Es hat ihn aber nicht davon abgehalten, das „Gesicht der Überraschung“ zu „erfinden“ und dabei das Janusgesicht der Angst zu trennen. Hätte er da mal besser die Kommunikation mit den Sprachwissenschaftler oder Literaten gesucht. Sie haben den Charakter von Überraschungen sehr viel früher erkannt und verstanden. Über den „Überraschungsangriff“ oder „Überraschungsschock“ (aber auch „heilsamen Schock“) wird schon seit Jahrhunderten geschrieben und gesprochen. Natürlich tragen aber Paul Ekmans Ergebnisse noch heute zum Gefühls-Verständnis bei. Nach ihren biologischen Ursachen hat er schliesslich auch nicht geforscht.

Dass sich die Angst nicht nur dann bemerkbar macht, wenn wir in Gefahr sind, sondern auch dann, wenn wir etwas Nützliches für unser Überleben in Anspruch nehmen wollen, wissen die Geisteswissenschaften schon lange. Bereits seit rund zweieinhalb Jahrtausenden wird in Texten nicht nur die Doppeldeutigkeit der Angst erwähnt. (Siehe dazu auch den Beitrag über das „Wort Angst“!) Stets werden auch die Gefühle mit der Angst in Beziehung gesetzt. (Siehe dazu den Beitrag „Mutter der Emotionen“!) Die Naturwissenschaft hat erst sehr viel später nachweisen können, dass sich die Angst nicht nur in einer Gefahrensituaiton zeigt. Die Neurowissenschaften konnten ihr gegensätzliches Wesen schliesslich sogar empirisch belegen. Die von der Amygdala verarbeiteten starken Reizsignale werden nämlich in zwei Kategorien eingeteilt: in solche, die das eigene Leben potenziell gefährden (schädlich) und solche, die es stärken (nützlich) könnten. Bis heute wird diese Tatsache jedoch in der Angstdebatte von den Wissenschaften ausgeblendet, wodurch auch der Öffentlichkeit dieser Fakt zumeist unbekannt ist.

Die Philosophie kennt nebst den „Grundemotionen“ (wie sie bei Ekman und seinen globalen Gesichtsausdrücken zum Ausdruck kommen) auch die sogenannten „höheren Gefühle“ wie Liebe, Stolz, Hoffnung, Eifersucht oder Neid. Sie entspringen natürlich ebenfalls der Angst, wie sich besonders gut an den Sprachen und der Literatur aufzeigen lässt. (Siehe dazu den Beitrag „Liebesangst“!) Doch Zorn wird beschwichtigt, Ekel überwunden und Traurigkeit abgelenkt. Gefühle kommen und gehen, vorbeihuschende Gesichtsausdrücke ebenso. Nur die Angst bleibt. Sie nimmt Einfluss auf alle Emotionen und trägt manchmal sogar ein eigenes Gefühlsgewand zur Schau. Das Angstgefühl kennt jedoch nur die „volle Dosis“, den Höchstwert der Reizempfängnis und mit ihr die Erwartung der grösstmöglichen Schädigung oder sogar des Todes. Es war mit Bestimmtheit das erste Gefühl, das der Mensch zu empfinden im Stande war.

 

Literatur: Aggleton, J.P. (Hg.): The Amygdala: Neurobiological Aspects of Emotion, Memory, and Mental Dysfunction, New York 1992; Cannon, Walter B.: Wut, Hunger, Angst und Schmerz. Eine Physiologie der Emotionen, hg. v. Thure von Uexküll, München/Berlin/Wien 1975; Davis, Michael: The role of the amygdala in fear and anxiety, Annual Review of Neuroscience, Vol. 15/1992, S. 353-375; Ders.: The Amygdala: Vigilance and Emotion, in: Molecular Pschiatry, 6/2001, S. 13-34; Ekman, Paul (Hg.): Emotion in the human face, Aufl. 2, Cambridge 1982; Ders. und Friesen, Wallace V.: Unmasking the face. A guide to recognizing emotions from facial expressions, Englewood Cliffs, New Jersey 1975; Hüther, Gerald: Biologie der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden, 9. Auflage, Göttingen 2009; Kandel, Eric R. (u.a. Hg.): Neurowissenschaften. Eine Einführung, Heidelberg 2001; Lazarus-Mainka, Gerda und Siebeneick, Stefanie: Angst und Ängstlichkeit, Göttingen/Bern/Toronto/Seattle 2000; LeDoux, Joseph: Angst. Wie wir Furcht und Angst begreifen und therapieren können, wenn wir das Gehirn verstehen, Salzburg 2016.

Bildernachweis: Titelbild) Pixabay.com; Abb. 1) Gerda Lazarus-Mainka und Stefanie Siebeneick: Angst und Ängstlichkeit, Göttingen/Bern/Toronto/Seattle 2000; Abb. 2) Karrierebibel.de; Abb. 3-9) Paul Ekman und Wallace V. Friesen: Unmasking the face. A guide to recognizing emotions from facial expressions, Englewood Cliffs, New Jersey 1975.

 

By |2019-09-10T18:20:55+00:00Mai 25th, 2018|AnGSt|0 Comments