Warum die Angst die Mutter der Emotionen ist

Die Angst herrscht über unsere Gefühle. Ihre Macht über sie wird seit rund zweieinhalb Jahrtausenden von Philosophen vermutet und ebenso lange von den Literaten angedeutet. Heute wissen wir, dass ihre Herrschaft über unsere Emotionen durch die Biologie legitimiert wird.

 

Erregung und Bewegung

Die Angst ist die stärkste Antriebskraft des Menschen. Seit jeher wird sie als ein Erregtsein oder Fieber beschrieben, das ansteckend wirkt. Kein Wunder, ist die Angst in erster Linie pure Energie, die ihren Fluss sucht. Seit Jahrtausenden setzt sie den Menschen in Bewegung, damit er sich nimmt, was er zum Leben braucht oder Schutz sucht, sollte Gefahr drohen. Sie hat schliesslich nur eine Funktion: unser Überleben zu gewährleisten. Unserer Lebendigkeit so richtig bewusst werden wir uns jedoch erst in den „emotionellen Momenten“, die das Leben für uns bereithält.

Das Hauptmerkmal der Angst ist die Erregung. Ausgelöst wird sie durch das Hormon Adrenalin. Bereits vor über hundert Jahren konnte der Mediziner und Physiologe Walter B. Cannon nachweisen, dass alle emotionalen Gefühlszustände durch die Adrenalinbildung gesteuert werden. Daher haben auch alle unsere Emotionen denselben Ursprung: die Amygdala, unser Angstmechanismus im Gehirn. Sobald sie einen starken Reiz empfängt, gibt sie den Befehl zur Adrenalinausschüttung aus, um unsere Energiereserven zu bündeln und unseren Körper in Bewegung zu setzen. (Mehr über unseren Angstmechanismus im Beitrag „Amygdala“!)

Die Aktivierung der Amygdala setzt uns aber nicht nur körperlich in Bewegung, sondern auch geistig. Nur so können wir uns unserer Beweggründe in Form unserer Gefühle überhaupt erst bewusst werden. Um dies zu bewerkstelligen, ist jedoch die Zusammenarbeit mit der Grosshirnrinde gefragt, die unser Bewusstsein hervorbringt. Ihr Teamwork kommt sogar sprachlich zum Ausdruck. Fragen wir jemanden, was ihn bewegt, fragen wir, was er gerade fühlt; fragen wir ihn, was ihn zu seinem Tun bewegt hat, wollen wir wissen, welche Emotionen ihn zu einem speziellen Verhalten angetrieben haben.

Die Angst setzt uns nicht nur körperlich und geistig in Bewegung, sie entscheidet auch immer darüber, aus welchen Gründen wir uns überhaupt in Bewegung setzen. Hätten wir keine Angst vor dem Alleinsein, der Armut oder dem Hunger, weder eine Person, Gold noch ein leckeres Essen könnten uns stark reizen und Gefühle auslösen. Ohne unsere Angst würden wir also nicht nur verhungern, es gäbe auch keine erinnerungswürdigen und „bewegenden Momente“ im Leben – im Guten wie im Schlechten.

 

„Furcht ist kein Gefühl, es ist der einzige Zustand, der den Menschen aufhebt.“

Friedrich Hebbel (1813-1863)

 

 

Die Engeerfahrung

Der Mensch in Angst ist ein energetisch aufgeladener Mensch. Diese Energie will der Enge des Körpers entfliehen und raus in die Welt. Unser Organismus wird nachweislich unter Druck gesetzt, was uns immer zur körperlichen und manchmal auch geistigen Handlung aktiviert. Kein Wunder, bedeutet das Wort „Angst“ aus etymologischer Sicht nichts anderes als eben Enge. (Siehe dazu auch den Beitrag „Das Wort Angst“!)

Seit jeher wird das grundsätzliche Angsterleben als Beengung, Bedrängtsein, Beklemmung, Drang oder Zwang beschrieben. Dass die Angst der Ursprung unserer Gefühle ist und die Erregung und Enge-Erfahrung die Grundlagen unseres Gefühlerlebens darstellen, davon war auch der Sprachwissenschaftler Mario Wandruszka überzeugt. In seinem Buch „Angst und Mut“ schrieb er:

Angst: Enge und Beendung, Bedrängnis und Drang sind in ihr enthalten, zur Wut und zur Gier weist sie hinüber, zu beklemmender Sehnsucht und würgender Erwartung, zu sehr verschiedenen Zuständen also, die aber alle das eine gemeinsam haben, eben die erregte Beklemmung.“

 

Egal also, ob wir verliebt oder zornig sind oder aber sehnsüchtig auf unseren nächsten Gehaltscheck warten, die physische und psychische Erregung und Einengung ist immer präsent. In solchen Momenten kann nur noch eine Handlung die mobilisierte Antriebsenergie wieder freisetzen. Bleibt die Bewegung aus, können wir nicht nur plötzlich „vor Gefühlen überschäumen“, sondern würden manchmal auch am liebsten vor Wut, Neid, Glück, Neugierde oder Heiterkeit „platzen“.

Sind wir wiederum wütend, neidisch, glücklich, neugierig oder heiter, dann deshalb, weil die Angst uns einen Grund dafür liefert. Vielleicht werden wir zornig, weil wir Angst haben, nicht den nötigen Respekt zu erhalten. Sind wir glücklich oder heiter, dann vielleicht weil unsere Angst beschwichtigt wurde, nicht geliebt zu werden oder nicht zu bekommen, was wir uns wünschen. Und sind wir neugierig, dann immer aus der Angst heraus, etwas zu verpassen. Denn dieses „Etwas“ könnte schliesslich gefährlich oder nützlich für uns sein.

 

„Mein Geist und Körper fühlt die Angst; wie sie das Gemüt durch ein Gefühl von aussen empfing, so will es sie dann wieder quälend und ringend zum äussern Gefühl hinaus arbeiten, um ihrer los und ruhig zu werden“

Johann Ludwig Tieck (1733-1853)

 

 

Die Bewusstwerdung

Schwache Reize lösen keine Gefühle aus. Der Organismus befindet sich im Gleichgewicht und „funktioniert“. Starke Reize hingegen aktivieren die Amygdala. Nun können auch Emotionen aufkommen, die Achterbahn fahren zwischen den Stationen „himmelhoch jauchzend“ und „zu Tode betrübt“. Das war jedoch nicht immer so.

Die Natur hat dem Menschen einen Angstmechanismus in seinen Kopf gepflanzt, damit er starke Reize aus seiner Umwelt wahrnehmen und auf ihre Auslöser reagieren kann. Dass er sich der ganzen biologischen Vorgänge, die dabei in Gang gesetzt werden, bewusst werden soll, war aber nicht geplant. Schliesslich benötigt es kein Bewusstsein, um überleben zu können. Die Amygdala hat daher auch nicht die Funktion, Emotionen hervorzubringen – auch nicht das Angstgefühl. Irgendwann im Verlaufe der evolutionären Entwicklung ging unser Angstmechanismus jedoch mit der Grosshirnrinde eine Verbindung ein. Heute sind sie wechselseitig miteinander verbunden und besitzen die Fähigkeit, miteinander zu kommunizieren.

Die Grosshirnrinde ist die jüngste Gehirnregion des Menschen. Hier ist nicht nur das Bewusstsein zu Hause, auch unsere Gefühle entstehen hier. Dass die Amygdala, die dem Limbischen System angehört, mit ihr eine Verbindung eingegangen ist, brachte dem Menschen einen riesigen evolutionären Vorteil. Denn dank ihr kann er über einen Angstauslöser nachdenken und Strategien entwickeln, um ihn abzuwehren (sollte er eine Gefahr darstellen) oder aber für sich in Anspruch zu nehmen (sollte er nützlich für sein Überleben sein).

Im Gegensatz zu unserem Angstmechanismus, der in der Realität lebt, sich immer auf das Hier und Jetzt konzentriert und seine Informationsschatz aus der Erfahrung bezieht (emotionales Gedächtnis), lebt unser jüngster Gehirnteil jedoch in einer Schein- und Phantasiewelt. Er sinniert nicht nur darüber nach, was sein könnte (ein Grund, warum die Angst seit Jahrtausenden als ein Zustand beschrieben wird, der auf die Zukunft ausgerichtet ist), er denkt sich auch stets wieder eine neue Geschichte aus, um die inneren Vorgänge und Körperveränderungen erklärbar zu machen.

 

„Die Phantasie der Angst ist jener böse äffische Kobold, der dem Menschen gerade dann noch auf den Rücken springt, wenn er schon am schwersten zu tragen hat“

Friedrich Nietzsche (1844-1900)

 

 

Die Gefühls-Macherin

Die Amygdala arbeitet für gewöhnlich autonom. In den allermeisten Angstsituationen durchleben wir daher kein Gefühl – auch kein Angstgefühl – und auch unser Erregungszustand wird uns nicht bewusst. Es gibt aber Situationen, in denen ein „bewusstes Handeln“ gefragt ist. Zumeist ist dies dann der Fall, wenn wir mit der Aussenwelt agieren müssen.

Wird uns unsere Erregung bewusst, dann weil die Grosshirnrinde in Aktion getreten ist. Sie möchte nämlich nachvollziehen können, was die Amygdala da so ohne ihr Wissen treibt, warum sie die Antriebsenergie hochfährt und den Körper in Bewegung setzen will. Sie sucht mit anderen Worten nach dem Beweggrund.

Die Grosshirnrinde versucht die durch unseren Angstmechanismus ausgelösten Körperreaktionen zu interpretieren. Sie „übersetzt“ quasi die Reizinformationen und biochemischen Prozesse, die während des Angsterlebens durch ihn eingeleitet werden, in eine Sprache, die wir verstehen. Das Ergebnis ihrer Analyse ist ein passendes Gefühlsbild. Gefühle sind folglich Kommunikationsmittel, die uns über die inneren Prozesse unseres Körpers informieren sollen.

Erst wenn bestimmte unbewusste Faktoren zusammenfliessen und kognitiv verarbeitet werden, wird das Fühlen also zu einem bewussten Zustand. Dass unsere Grosshirnrinde aber ein grosses Ratespiel durchläuft und die Kommunikation nicht immer ohne Probleme verläuft, zeigt sich ebenfalls an der Sprache. In solchen Momenten können wir uns beispielsweise über etwas oder jemanden im negativen Sinne aufregen, im Guten können wir aber auch aufgeregt sein, weil wir glauben, einem positiven Erlebnis entgegenzusehen. Und besonders spannend wird es, wenn wir jemanden aufregend finden. Was wir aber wirklich empfinden, wissen wir in diesen Fällen zumeist (noch) nicht.

 

„Der Mensch erkennt nicht ohne weiteres den Sinn seiner Furcht. Im Traum, in der Ahnung, der ‘inneren Stimme’, dem ‘sechsten Sinn’ kann sie wohl als rettende Warnerin erscheinen.“

Mario Wandruszka (1911-2004)

 

 

Die Gefühlshoheit

Dass die Angst das Fundament unsere Gefühlswelt darstellt und bei allen Gefühlszuständen ihre Hände im Spiel hat, überrascht wohl vor allem die Literaturliebhaber nicht im Geringsten. An unzähligen Literaturbeispielen lässt sich nämlich am besten zeigen, dass die Angst nicht nur Solos auf Lager hat. Hier ist sie nicht nur „die Angst“, die einen Raum erfüllt, „das Gefühl der Angst“, das einen in der Finsternis befällt, oder die „Todesangst“ am Ende des 5. Akts. Hier ist sie omnipräsent, geht mit den Gefühlen einher, drängt sich ihnen auf und vereinnahmt sie.

 

Angst und Gefuehle

 

Das Angstgefühl war zweifellos das erste Gefühl, das der Mensch zu empfinden im Stande war – und heute das Erste, das er bereits im Mutterleib verinnerlicht. Warum aber ist es unser Angstmechanismus, der auch die Basisinformationen für alle unsere anderen Emotionen liefert?

Die Frage ist leicht zu beantworten: Gefühle stellen für unseren Organismus eine Gefahr dar. Sie bringen ihn nicht nur sprichwörtlich „aus dem Gleichgewicht“ und lassen die „Hormone verrücktspielen“, sondern bewirken tatsächlich ein biochemisches Ungleichgewicht, das unser homöostatisches Körpersystem stört. Daher sind gefühlvolle Momente für gewöhnlich auch kein Dauerzustand – oder sollten es zumindest nicht sein. Dass wir oft mit unseren „Emotionen zu kämpfen“ haben, ist also nicht einfach so dahingesagt. Der Kampf mit den Gefühlen ist tatsächlich ein „Kampf ums Überleben“.

Anhaltende starke Gefühle können also sehr negative Folgen für uns haben. Dies jedoch nicht nur, weil sie unseren Organismus im Zustand der Dauererregung halten, unser Nervenkostüm überreizen und das Körpersystem überlasten, sondern auch weil emotionale Reize erneut die Amygdala aktivieren und immer wieder Angstreaktionen provozieren können. In solchen Situationen ist ein ungesundes Gefühlschaos vorprogrammiert, und „die Gefühle schaukeln sich hoch“, wie es so schön heisst.

 

 

Gefühle der anderen Art

Die Zusammenarbeit von Amygdala und Grosshirnrinde hat aus evolutionistischer Sicht viele Vorteile. Sie hat aber auch ihren Preis. Denn obwohl sie beide darauf ausgerichtet sind, unser Überleben zu gewährleisten, stehen sie nicht selten im Widerstreit.

Wir kennen nicht nur Gefühle wie Liebe, Zorn, Freude oder Trauer. Auch das Gefühl von Hunger, Durst oder Kälte ist uns bekannt. Kein Wunder, empfängt die Amygdala nicht nur aus der Umwelt starke Reizsignale, sondern auch aus dem inneren unseres Organismus‘. Auch sie sind ein Hinweis darauf, dass unser biochemisches Gleichgewicht gestört und unser Überleben bedroht wird.

Mangelt es uns an Nahrung, Flüssigkeit, Wärme oder Zuwendung gerät unser Körpersystem in ein Ungleichgewicht. Indem unser Angstmechanismus unsere Energiereserven mobilisiert, zwingt er uns zu handeln und den Mangel zu beheben. Bleibt der Mangelzustand bestehen, kann dies schliesslich sehr negative Auswirkungen haben. Nicht nur auf unsere Körperfunktionen, sondern auch auf unsere Psyche.

Die homöostatischen Mechanismen funktionieren normalerweise ebenfalls autonom und ohne uns bewusst zu werden. Ohne gross nachzudenken greifen wir beispielsweise zur Wasserflasche, und manchmal wird uns erst während dem Trinken bewusst, dass wir durstig waren. Oder wir freuen uns, jemanden plötzlich wiederzusehen, und erst jetzt kann uns klar werden, dass uns dieser jemand gefehlt hat.

In den allermeisten Fällen wird uns also ein Mangelzustand nicht oder auch erst im Nachhinein bewusst. Überkommt uns jedoch ein bewusstes Hunger- oder Kältegefühl, ist der Mangelzustand akut. Da wir in solchen Situationen nicht selten mit der Aussenwelt agieren müssen, um ihn beseitigen zu können, werden wir uns nicht nur unseres Zustandes bewusst, sondern auch unserer Gefühle.

Leider werden wir dazu erzogen, auf gewisse (nicht selten völlig unnütze und ungefährliche) Auslöser mit Angst zu reagieren und andere Angstreize (die tatsächlich nützlich oder gefährlich sind) zu ignorieren. Benötigen wir zum Beispiel Energie, kommt vielleicht nicht nur ein Hungergefühl auf, sondern auch der Gedanke, dass wir eigentlich Diät halten sollten. Ist die Angstvorstellung dick zu werden – und aufgrund dessen diskriminiert zu werden – grösser als diejenige Hunger erleiden zu müssen, werden wir vermutlich trotz Mangelerscheinung auf das Mittagessen verzichten.

Am Beispiel des Diäthaltens zeigt sich nun aber auch, warum die Zusammenarbeit von Amygdala und Grosshirnrinde ihren Preis hat und sie trotz gleichem Ziel sehr oft gegeneinander arbeiten. Verzichten wir nämlich aufgrund sozialer Zwänge und aktueller Trends auf das Essen, werden wir mit absoluter Sicherheit immer gereizter und übellauniger. Unser Angstmechanismus bewertet dieses Verhalten nämlich als Gefahr. Ein weiterer Grund, warum die ursprüngliche Angst in Form der Amygdala die Mutter unserer Emotionen ist. Sie gibt vor, was wir wollen und was nicht, was uns wirklich antreibt und was uns bewegt.

Die Grosshirnrinde, welche die Angstvorstellungen (Ängste) produziert, besitzt zwar die Fähigkeit, die Aktionen der Amygdala zu hemmen, indem sie ihr die Gefährlichkeit oder Nützlichkeit eines Angstauslösers oder einer Angstsituation „vorgaukelt“. Doch letztlich hat sie keine Chance, sich gegen unseren evolutionsgeschichtlich weit älteren Angstmechanismus durchzusetzen und seine biologischen Prozesse langfristig zu durchbrechen. Dieser Fakt ist auch ein Hauptgrund, warum der Mensch an seiner Angst erkranken kann.

 

„Wie die Liebe zum Leben im Grunde nur Furcht vor dem Tode ist, so ist auch der Geselligkeitstrieb der Menschen im Grund kein direkter, beruht nämlich nicht auf Liebe zur Gesellschaft, sondern auf Furcht vor der Einsamkeit, indem es nicht sowohl die holdsälige Gegenwart der Andern ist, die gesucht, als vielmehr die Öde und Beklommenheit des Alleinseyns, nebst der Monotonie des eigenen Bewusstseyns, die geflohen wird“

Arthur Schopenhauer (1788-1860)

 

 

Emotionales Gedächtnis

Das Angsterleben wird immer damit eingeleitet, dass wir aufmerksam werden und nach dem Angstauslöser suchen. In dieser ersten Phase kommen keine Emotionen auf und auch unser Zustand wird uns nicht bewusst. Und das ist auch gut so. In solchen Momenten sollen wir nämlich nicht denken, sondern handeln. Wer sich mit seinen Gefühlen auseinandersetzt, anstatt zur Aktion zu schreiten, hat schliesslich nicht nur schlechtere Chancen im Leben, er hätte in einer Gefahrensituation auch sehr schlechte Chancen zu überleben.

Die Angst ist aber nicht nur die Mutter der Emotionen, weil sie mit der Erregung gleichzusetzen ist, welche die Basisinformationen für alle unsere Gefühlsbilder liefert, und weil sie immer die Quelle unserer Beweggründe darstellt. Sie ist es auch, weil unser Angstmechanismus unser emotionelles Gedächtnis verwaltet. Hier werden nicht nur alle unsere prägenden Erfahrungen detailliert abgespeichert, sondern auch die mit ihnen einhergehenden Gefühle.

Der Mensch prägt sich wichtige Erlebnisse vor allem dann ein, wenn sie von starken Emotionen begleitet werden. Um die Erlebnisspeicherung zu unterstützen, verstärkt die Amygdala daher gleichzeitig unsere Gefühle auf einen Angstauslöser, bevor sie alles wieder im Gedächtnis abspeichert. Diese Verstärkung ist also wichtig, um die Erinnerung an sie zu schärfen. Nur so erhält eine Erfahrung auch das Prädikat der „Prägung“. Jemand, der starke Reize auf uns ausübt, kann uns beispielsweise aufgrund dieser Gefühlsverstärkung aussergewöhnlich attraktiv erscheinen oder eine dunkle Höhle besonders finster.

Unbekannte (und damit sämtliche nach unserer Geburt auf uns eindringenden) Reize werden immer zuerst einmal als Bedrohung gewertet. Sie hinterlassen daher besonders starke emotionelle Eindrücke. Wird ein solcher Angstreiz letztlich mit positiven Gefühlen verknüpft, werden wir dazu motiviert, seinen Reizauslöser auch in Zukunft positiv zu bewerten oder erneut aufzusuchen. Wird er unter der Kategorie „schlechte Erfahrung“ abgespeichert, kann eine ähnliche Situation ebenfalls Angst auslösen, selbst dann, wenn keine Gefahr besteht oder ein Auslöser keinen Nutzen für unser Überleben bereithält.

Ohne unseren Erinnerungsspeicher würden wir uns immer wieder in dieselben Gefahrensituationen begeben und dieselben schädlichen Erfahrungen machen. Ohne ihn wüssten wir aber auch nicht, was gut und nützlich für uns ist und wo wir wiederfinden, was wir zum Überleben brauchen. Zwar unterscheidet unser Angstmechanismus damit zwischen „gut“ und „schlecht“, ein Moral- oder vorbeugendes Gesundheitsverständnis besitzt er jedoch nicht. Daher können wir wütend auf jemanden sein, der es gut mit uns meint, in jemanden verliebt sein, der uns ganz offensichtlich schadet, oder aber uns in eine Situation bringen, die aus rationeller Sicht lebensgefährlich für uns ist.

 

„Jeder kennt den sonderbaren Zustand, wenn sich plötzlich unangenehme Erinnerungen aufdrängen und wir dann durch heftige Gebärden und Laute bemüht sind, sie uns aus dem Sinne zu schlagen: aber die Gebärden und Laute des allemgeinen Lebens lassen erraten, dass wir uns alle und immerdar in einem solchen Zustande befinden, in Furcht vor der Erinnerung und Verinnerlichung.“

Friedrich Nietzsche (1844-1900)

 

Wird die Amygdala geschädigt oder sogar entfernt, können emotionale Reize von unserem Gehirn nicht mehr verarbeitet werden. Wir verlieren die Fähigkeit, Gefühle zu empfinden. Wir könnten nicht mehr einschätzen, ob ein Angstauslöser nützlich oder schädlich für uns ist. Ohne unseren Angstmechanismus würden wir uns auch komplett von unseren Artgenossen isolieren und soziale Interaktionen vermeiden. Darüber hinaus hätten wir Schwierigkeiten, Gesichter wiederzuerkennen oder eine Mimik zu deuten. Kein Wunder, lässt sich auch an den verschiedenen Gesichtsausdrücken des Menschen aufzeigen, dass unsere Angst die Mutter der Emotionen ist. (Siehe dazu den Beitrag die „Gesichter der Angst“!) Ihr entspringen nicht nur die bekannten Grundgefühle wie Trauern, Wut oder Freude, sondern auch die höheren Emotionen wie unter anderem der Neid oder die Hoffnung.

 

Literatur: Aggleton, J.P. (Hg.): The Amygdala: Neurobiological Aspects of Emotion, Memory, and Mental Dysfunction, New York 1992; Cannon, Walter B.: Wut, Hunger, Angst und Schmerz. Eine Physiologie der Emotionen, hg. v. Thure von Uexküll, München/Berlin/Wien 1975; Ders.: The James-Lange theory of emotions: A critical examination and an alternative theory, in: American Journal of Psychology, 39, S. 106-124; Davis, Michael: The role of the amygdala in fear and anxiety, Annual Review of Neuroscience, Vol. 15/1992, S. 353-375; Ders.: The Amygdala: Vigilance and Emotion, in: Molecular Pschiatry, 6/2001, S. 13-34; Elias, Norbert: Über den Prozeβ der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, Bd. 2, Aufl. 7, Frankfurt a.M. 1980; Hüther, Gerald: Biologie der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden, 9. Auflage, Göttingen 2009; Kandel, Eric R. (u.a. Hg.): Neurowissenschaften. Eine Einführung, Heidelberg 2011; Ders.: Cellular Basis of Behavior. An Introduction to Behavioral Neurobiology, San Francisco 1976; Krewet, Michael: Die stoische Theorie der Gefühle. Ihre Aporien. Ihre Wirkmacht, in: Studien zu Literatur und Erkenntnis, hg. v. Joachim Küpper u.a., Bd. 4, Heidelberg 2013; Lazarus-Mainka, Gerda und Siebeneick, Stefanie: Angst und Ängstlichkeit, Göttingen/Bern/Toronto/Seattle 2000; LeDoux, Joseph: Angst. Wie wir Furcht und Angst begreifen und therapieren können, wenn wir das Gehirn verstehen, Salzburg 2016; Leyhausen, Paul: Zur Naturgeschichte der Angst, in: Die politische und gesellschaftliche Rolle der Angst, hg. v. Heinz Wiesbrock, Frankfurt a.M. 1967, S. 94-112; Plamper, Jan: Geschichte und Gefühl. Grundlagen der Emotionsgeschichte, München 2012; Striedter, Georges F.: Principles of Brain Evolution, Sunderland 2005; Wandruszka, Mario: Angst und Mut, Stuttgart 1981.

Zitat: Mario Wandruszka: Angst und Mut, Stuttgart 1981.

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By |2019-09-12T07:12:18+00:00Mai 11th, 2018|AnGSt|0 Comments