Freitag der 13.

Um seine Ängste bewältigen zu können, muss der Mensch sie zuerst einmal materialisieren. Zahlen, Worte und Symbole dienen ihm seit jeher, um seine “unsichtbare” Angst sichtbar zu machen. Dank ihrer Hilfe kann er sich mit seinen Befürchtungen und Sorgen auseinandersetzen und ihnen ihren bedrohlichen Charakter nehmen. Die Bestimmung spezieller Unglückstage gehört ebenfalls zu diesem Materialisierungs- und Bewältigungsprozess. Der heutzutage populärste Tag des Pechs ist Freitag der 13.

 

Zahlenmystik
Argippa von Nettesheim

Abb. 1) Der Mensch als Mass des Universums: Das magische Weltbild des Agrippa von Nettesheim, De occulta philosophia (1531).

Menschen, die in Angst leben, suchen nach “Zeichen”. Sie sollen über die Zukunft Auskunft geben und auf diesem Wege die Angst beschwichtigen. Besonders beliebte Zeichen sind Zahlen. Ob eine Zahl als „gut“ oder „schlecht“ definiert wird, entscheidet für gewöhnlich der Glaube, also die Religion einer Gemeinschaft. Auch das Christentum kennt unzählige „göttliche“ Zahlen. Sie entscheiden beispielsweise darüber, in wie vielen Durchläufen spezielle Rituale zelebriert werden oder wie viele Ecken und Türme eine Kirche aufzuweisen hat, um nicht Gottes Zorn auf sich zu lenken.

Der lateinische Kirchengelehrte Ambrosius (340-397) zum Beispiel erkort die 6 zur göttlichen Zahl, da Gott genauso viele Tage benötigt hatte, um die Welt zu erschaffen (Genesis). Der bedeutende Franziskanermönch Bonaventura (1221-1274) wiederum bezeichnete die 10 als die perfekte Zahl (numerus perfectissimus). Ihren sakralen Charakter leitete er vom ptolemäisch-christlichen Himmelssystem ab. Die Zahl 3 wird ebenfalls als göttlich angesehen, da sie für die Trinität steht (Vater, Sohn und Heiliger Geist). Notiert man sich jedoch 3-mal die 6, kommt dabei die Zahl 666 heraus. Sie stellt die Unglückszahl par excellence dar, wird sie doch als die Zahl des Antichristen gedeutet. Erwähnung findet sie in der Offenbarung des Johannes (13, 18), in der die „Apokalypse“ (Weltuntergang) geschildert wird.

In der christlichen Schrifttradition findet sich bereits sehr früh die Verbindung von „Zahl“ und „Tag“. Es lassen sich etliche Unglückstage ausmachen, wobei für dasselbe Datum oder denselben Tag unterschiedliche Deutungsinhalte herangezogen werden konnten. Sakrale Zahlen fanden aber auch schon früh ihren Weg in die Literatur. Der italienische Dichter Giovanni Boccaccio (1313-1375) zum Beispiel bediente sich ebenfalls der „perfekten Zahl“. Sein berühmtestes Buch trägt den Titel „Dekameron“ (Zehntagewerk). Geschrieben wurde es, als in Italien die Pest wütete, die als Gottes Strafe an den Menschen angesehen wurde. Abgeschaut hat Boccaccio dabei von Ambrosius, der selbst das „Hexameron“ (Sechstagewerk) verfasst hat.

 

 

Ursprung
Johannes ab Indagine

Abb. 2) Das Schicksal liegt in den Händen: Johannes von Hagen über die Bedeutung der Handlinien, Introductiones Apostelesmaticae (1556).

Die 13 gilt schon lange als eine Unglückszahl. Sie wird auch als „Dutzend des Teufels“ bezeichnet, da sie die 12 überschreitet. Der 12 wird im Christentum nämlich ebenfalls eine göttliche Bedeutung zugeschrieben, wie sich am Beispiel der Jesusgeschichte aufzeigen lässt. Ihn umgaben bekanntlich genauso viele Jünger. Dass er angeblich an einem Freitag gekreuzigt wurde (Karfreitag), war wiederum einer von vielen Gründen, warum der Freitag als Unglückstag in die Religionsgeschichte einging. In der christlichen Glaubenstradition werden die 13 und der Freitag zwar beide als unglückbringend bezeichnet, jedoch stets unabhängig voneinander. Eine gemeinsame Erwähnung lässt sich in der Bibel nicht nachweisen. Wie ihre Verbindung zustande kam, darüber ist viel spekuliert worden.

Zwei Volkskundler, Gunther Hirschfelder und Stephan Bachter, haben sich besonders ausgiebig mit dem Glauben an den unheilbringenden „Freitag den 13.“ beschäftigt und nach seinem Ursprung gesucht. Beide kamen zu dem Ergebnis, dass der Unglückstag erst wenige Jahrzehnte alt ist und die frühesten Erwähnungen aus den 1950er Jahren stammen. Davor finden sich keine schriftliche Quellen, die seine Existenz belegen.

Der Bonner Volkskundler Hirschfelder betrieb als Erster eine ausgiebige Medienrecherche, um den Ursprung unseres Unglücktages zu ermitteln. Den ältesten Beleg entdeckte er in einer Glosse in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13. Dezember 1957), die vom Journalisten Thilo Koch unter der Überschrift „Freitag der 13.“ veröffentlicht wurde. Hirschfelder geht jedoch nicht davon aus, dass es Koch war, der den Tag des Pechs erfunden hat.

Stephan Bachter ist ebenfalls davon überzeugt, dass der Ursprung der Vorstellung in den 1950er Jahren zu suchen ist. Als ältesten Nachweis nennt er jedoch ein Buch, das von einem Ferdinand H. Masuch verfasst worden ist und den Titel „Das sechste und siebente Buch Moses, das ist Moses magische Geisterkunst, das Geheimnis aller Geheimnisse, Wortgetreu nach einer alten Handschrift. Mit alten Holzschnitten“ trägt. Es erschien zum ersten Mal im Jahr 1949 (mit dem Vermerk „Copyright 1950“) im Planet-Verlag Braunschweig. In diesem gibt Masuch an, man solle am 13. Freitag auf keinen Fall etwas Wichtiges unternehmen, da dies immer Unglück nach sich ziehen würde.

 

 

Popularität
Friday The 13th

Abb. 3) Seit bald vierzig Jahren ist auch die Filmreihe „Freitag der 13.“ ein Reisser. Sie ist die langlebigste Horrorfilmreihe, die es gibt. Im Mittelpunkt steht der Serienmörder Jason Voorhees, der an verschiedenen Leuten Rache nimmt.

Die Verbindung von „Freitag“ und „13“ ist also vielmehr eine moderne Konstruktion und entsprang nicht der christlichen Tradition. Warum in der Moderne plötzlich so unglaublich viel Interesse an beiden aufkam, darüber ist ebenfalls viel spekuliert worden.

Der Volkskundler Hirschfelder macht darauf aufmerksam, dass in Deutschland in den 1950er Jahren ein Trend aufkam, sich wieder vermehrt mit dem Okkulten und folglich mit Zauberbüchern zu beschäftigen. Bei diesen Büchern handelt es sich um Schriften, die den Lesern und Leserinnen rezeptartige Anweisungen geben, wie sie sich selbst magische Kräfte verleihen können. Sie sollen sie dazu bemächtigen, eine für sie missliche Lage zu verbessern oder Unglück abzuwenden.

Tatsächlich stieg seit 1800 die Nachfrage nach Zauberbüchern erheblich an. Um 1900 stand den Lesern und Leserinnen schliesslich eine sehr grosse Auswahl zur Verfügung. Viele von ihnen werden bis heute erfolgreich verlegt. Was aber fast alle modernen Magiebücher gemeinsam haben: Ihre Inhalte entsprangen der Phantasie ihrer Autoren und sind somit frei erfunden. Zwar wurden manchmal ältere Schriften hinzugezogen, doch wurden sie zumeist so stark abgeändert, dass von den ursprünglichen Textbedeutungen nicht mehr viel übrig blieb.

Auch das Buch von Ferdinand H. Masuch war ein richtiggehender Reisser, erschienen doch bis weit in die 1970er Jahre zahlreiche Auflagen. Ob das Interesse an der Zahlenmystik und an magischer Literatur jedoch wirklich zuerst wieder „aufkommen“ musste, darf guten Gewissens bezweifelt werden. Schliesslich existiert keine Epoche der Menschheitsgeschichte, in der sich die Menschen nicht mit dem Okkulten auseinandergesetzt und gerne selbst das Zaubern erlernt hätten. (Mehr über den Magie- und Zauberglauben in der Beitragsreihe „Hexenangst“!) Das Glück erlangt, die grosse Liebe gefunden oder das grosse Geld gemacht haben wohl die wenigsten Leser und Leserinnen dieser Bücher. Von ihren Verfassern und vor allem von ihren Verlegern kann man dies nicht behaupten. Das „Geschäft mit der Angst“ ist und war schon immer einträglich. Nur gut, dass innerhalb eines Jahres die Freitage bis zu dreimal auf einen 13. fallen.

 

Literatur: Bachter, Stephan: Anleitung zum Aberglauben. Zauberbücher und die Verbreitung magischen „Wissens“ seit dem 18. Jahrhundert, Hamburg 2006; Ders.: Freitag, der 13. Der älteste Hinweis auf den Unglückstag findet sich in einem Zauberbuch, in: Skeptiker, Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken, Jg. 20 (2007), Heft 2, S. 55-57; Hirschfelder, Gunther: Freitag, der 13 – ein Unglückstag?, in: Zeitschrift für Volkskunde 97 (2001/1), S. 29-48; Masuch, F.H.: Das sechste und siebente Buch Moses, das Geheimnis aller Geheimnisse. Wortgetreu nach einer alten Handschrift. Mit alten Holzschnitten, Braunschweig 1950; Wanderer, Karl-Peter: Gedruckter Aberglaube. Studien zur volkstümlichen Beschwörungsliteratur, Frankfurt a.M. 1976.

Bildernachweis: Titelbild) Br.de; Abb. 1-2) Roob, Alexander: Das hermetische Museum. Alchemie & Mystik, Köln 2002; Abb. 3) Dvd-forum.at.

 

By |2019-09-13T05:45:05+00:00April 13th, 2018|AnGSt|0 Comments