Symbole der Angst (1) – Der Totenschädel

Der Totenschädel ist das Angstsymbol schlechthin. Er versinnbildlicht wie kein anderes die Urangst des Menschen: die Angst vor dem Tod. Aus dem Totenkult, dem ältesten Kennzeichen menschlicher Kultur, ist er kaum wegzudenken. Sein Abbild führt dem Menschen aber nicht nur seine Sterblichkeit vor Augen, sondern ist auch als ein Warn- und Drohsymbol zu verstehen.

 

Schädelkult
Skelett

Abb. 1) Der Schädelkult: Das Grab eines erwachsenen Skeletts ohne Kopf (Tepecik-Çiftlik, Türkei).

Wer die Ursprünge des modernen Menschen und seiner Angst verstehen will, muss rund 200’000 Jahre zurückblicken. Sie liegen im Paläolithikum, der frühesten und auch längsten Epoche der Menschheitsgeschichte.

Die Steinzeit war keine Zeit des Friedens, sondern eine Zeit der Krisen. Archäologische Grabungen haben etliche Menschenskelette aus dieser Zeit zu Tage befördert. Fast alle sind mit Kampfspuren übersät. Ein Hinweis dafür, dass aggressive Handlungen gegen die eigenen Artgenossen während dieses Zeitraums deutlich zunahmen. Bestätigt wird diese Annahme durch Höhlenzeichnungen aus der frühen Altsteinzeit. Sie dokumentieren, wie sich der Jäger zum Krieger wandelte.

Es heisst, die Angst lasse den Menschen seinen „Kopf verlieren“. Die Redewendung kommt nicht von ungefähr. Tatsächlich war auch die Steinzeit nicht nur eine Krisenzeit, sondern im wahrsten Sinne des Wortes eine „kopflose“ Zeit. Der steinzeitliche Schädelkult ist das älteste uns bekannte Totenritual. Er hinterliess überall auf dem Globus seine Spuren und datiert in die Anfänge der Menschheitsgeschichte. Nachweislich durchgeführt wurde der Kult ungefähr vor 200‘000 bis 40‘000 Jahren.

Das Kennzeichen des Schädelkults ist die sogenannte Sekundärbestattung. Bei diesem wurden die Toten zuerst in der Erde bestattet. Nach einer gewissen Zeit grub man die Leichname aber wieder aus, entnahm ihnen die Schädel und vergrub die Überreste wieder. Der Totenschädel selbst diente fortan als eine Art Reliquie, die man für religiös-kultische Zwecke nutzte und auch auf Wanderungen mit sich führte.

Der Totenkult regelt den Umgang mit Verstorbenen. Sein Verfahren wird durch religiöse und soziale Verhältnisse aber auch Traditionen oder Lebensweisen bestimmt. Obwohl der Schädelkult auf jedem Kontinenten und selbst entlegenen Inseln zu finden ist, gehörte das Abtrennen des Kopfes nicht zum rituellen Standardvorgehen. Offensichtlich handelte es sich bei den kopflos Bestatteten also um ganz spezielle Personen. Was diese so „besonders“ machte und für die damaligen Menschen symbolisierten, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben.

 

 

Totenschädel als Warn-, Droh- und Machtsymbol
Heinrich Himmler

Abb. 2) Der Totenkopf war ein Hauptsymbol der gefürchteten SS-Schutzstaffel. Das Bild zeigt ihren Reichsführer Heinrich Himmler.

Totenköpfe zählen nicht nur zu den ältesten Zeichensymbolen der Angst, sie besitzen – wie die Angst – auch Mehrfachcharakter. Schädelsymbole führen uns nämlich nicht nur unsere Vergänglichkeit vor Augen. Sie warnen uns auch vor tödlichen Gefahren oder aber personifizieren eine Bedrohung.

Seit Jahrhunderten zieren Totenköpfe die unterschiedlichsten Fläschchen, Töpfchen oder sonstigen Behälter, um vor den sich in ihnen befindlichen toxischen Substanzen und ihrer Vergiftungsgefahr zu warnen. Auf Türen oder Zäunen sind sie ebenfalls zu finden, um uns vor dem Betreten lebensgefährlicher Räume und Areale abzuhalten.

Seit jeher wird das Schädelsymbol aber auch als Zier- oder Schmuckmotiv verwendet. Dann hat es die Funktion, die angeblich tödliche Allmacht seiner Träger zu demonstrieren und andere in Angst zu versetzen – mit anderen Worten: Ehrfurcht zu erzeugen. Ob Ritter, Freibeuter oder Soldaten, sie alle nutzten Schädeldarstellungen, um sich selbst als Bedrohung zur Schau zu stellen. So findet man sie denn auch auf Flaggen, Wappen, Schildern oder Uniformen.

Schocken – und auffallen – will auch die Mode-, Film- oder Musikbranche. Sie alle haben sich schon immer des Totenschädel-Motivs bedient. Ein gutes Beispiel: das Musikgenre Death Metal, dessen Hauptthemen Tod, Gewalt und gesellschaftliche Missstände sind. Das Tragen von T-Shirts, Stickern, Halsketten, Armreifen oder Ringen mit Schädelmotiv demonstriert bis heute Gruppenzugehörigkeit zur Death-Metal-Gemeinde. Ihre Musiker und Fans haben etliche Eltern und Politiker in „Angst und Schrecken“ versetzt.

 

 

Totenschädel in den bildenden und darstellenden Künsten
Hamlet

Abb. 3) Friedhofsszene: William Shakespeares „Hamlet“.

Als Hauptsymbol der Todesangst fand der Totenschädel natürlich auch Eingang in die bildenden und darstellenden Künste späterer Epochen. Seine künstlerischen Ursprünge sind bereits während des Altertums und Spätmittelalters (u.a. Memento mori) auszumachen. Besonders während den vielen Pestepidemien, als die Menschen zu Tausenden dahinrafften, diente das Motiv des Totenschädels immer wieder zur Illustrierung.

Das Schädelsymbol büsste auch während der Neuzeit seine Beliebtheit nicht ein. Im 17. Jahrhundert herrschte eine spezielle Kunstgattung vor, die es ebenfalls in den Mittelpunkt stellte, das Vanitas Stillleben. Auch hier soll der Totenkopf – wie alle anderen dargestellten Utensilien – dem Betrachter seine Sterblichkeit vor Augen führen. Auf der anderen Seite sind diese Bilder aber auch als Mahnung zu verstehen, das „richtige“, also religiös-moralisch wertvolle Leben zu führen.

In den folgenden Jahrhunderten nahmen sich weitere bekannte Maler wie etwa Paul Cézanne oder Vincent van Gogh dem Schädelmotiv an. Doch nicht nur Maler oder Bildhauer haben dem Totenkopf ein Denkmal gesetzt, sondern auch zahlreiche Literaten.

Weltruhm erlangte der Totenschädel vor allem mit dem Drama „Hamlet“ von William Shakespeare. In dem Theaterstück steht der gleichnamige, dänische Prinz im Mittelpunkt. Er wird zwar von der Todessehnsucht geplagt, hat aber auch sehr grosse Angst vor dem Sterben. Im vielzitierten Satz „Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage“ (3. Akt, 1. Szene) wird sein Dilemma zusammengefasst. In der berühmten Friedhofsszene (5. Akt, 1. Szene) ärgert sich Hamlet über einen Totengräber, der völlig achtlos die Schädel und Gebeine einiger Tote ausbuddelt. Dabei kommt ihm der Totenschädel des Yorick, des früheren königlichen Hofnarrens, in die Hände. Zuerst beklagt er dessen Tod. Doch schliesslich nimmt er den Gestank der Verwesung an ihm wahr – und wirft ihn angewidert wieder weg.

Im „Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ der Gebrüder Grimm spielen Totenschädel ebenfalls eine Rolle. In diesem wird erzählt, wie ein junger Taugenichts das Vaterhaus verlässt, um das Gruseln zu erlernen. In der zweiten Nacht in einem verwunschenen Schloss dreht er Totenköpfe in einer Drehbank rund, um mit den Schlossgeistern Kegeln zu spielen. Von Angst keine Spur. Am Ende der Geschichte jedoch lernt unser Jüngling das Fürchten – und zwar vor seiner Frau.

 

Literatur: Hiller, Marlene P.: Kultureller Wandel und seine Symbole. Menschen- und Tierdarstellungen in Çatal Höyük, in: Damals. Das Magazin für Geschichte und Kultur (2/2007), S. 36-39; Lichter, Clemens: Leichen, Schädel und Knochen. Totenritual im jungsteinzeitlichen Anatolien, in: Damals. Das Magazin für Geschichte und Kultur (2/2007), S. 32-34; The Neolithic in Turkey, New Excavations & New Research, Western Turkey, hg. von Mehmet Özdoğan, Nezih Başgelen, Peter Kuniholm, Istanbul 2012; White, Tim /Howell, Clark u.a.: Pleistocene Homo sapiens from Middle Awash, Ethiopia, in: Nature (423/2003), S. 747-752; Wieczorek, Alfried (Hg.): Schädelkult. Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen, Mannheim 2011.

Bildernachweis: Titelbild) Pixabay.com (Jolly Roger Flagge); Abb. 1) The Neolithic in Turkey, New Excavations & New Research, Central Turkey, hg. von Mehmet Özdoğan, Nezih Başgelen, Peter Kuniholm, Istanbul 2012 (Central/Western Tigris); Abb. 2) Wikipedia.de; Abb. 3) Damals.de.

By |2019-09-10T06:35:56+00:00März 29th, 2018|AnGSt|0 Comments