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Was ist Angst? – Eine kurze Einführung

Der moderne Mensch hat seiner Angst den Kampf angesagt. Er hat sich jedoch auch eine Welt geschaffen, die unaufhörlich neue Ängste produziert. Kein Wunder, stellen Angsterkrankungen heutzutage nicht nur das grösste Gesundheits- und Sterberisiko in den Industrieländern dar. Auch der „Kampf gegen die Angst“ verkürzt seine Lebenserwartung. Vor allem die „Flucht vor der Realität“ soll nämlich das Problem lösen. Die Dauerbenebelung durch Sucht- und angebliche Heilmittel dient ihm dabei als lebensverlängernde Massnahme. Sie sollen sein dauererregtes Gehirn und sein ebenso dauerreregtes Nervensystem wieder beruhigen, die seinen Organismus zerstören. Früher oder später tritt er aber trotzdem ein, der Zusammenbruch von Körper und Geist. Was aber ist diese Angst, die so viel Wind macht und die Menschheit zu geisseln scheint?

 

Meinungen und Kontroversen

Das wahre Wesen der Angst wird heute mit Vorliebe verleugnet, das überlieferte wie auch das neueste Wissen über sie mehrheitlich ignoriert und verfälscht. Wer das Wort „Angst“ nachschlägt oder in der Suchmaschine eingibt, stösst natürlich nichtsdestotrotz früher oder später auf eine für Laien konzipierte Allgemeindefinition der Angst. Sie entspricht dem jeweiligen staatlich geprüften Angstverständnis und gibt wieder, was die Menschen über die Angst denken sollen.

Die heutzutage gängigste – zusammengefasste – Definition der Angst ist: Die Angst ist ein Gefühl, das den Menschen in einer Gefahrensituation überkommt und durch einen unangenehmen Reiz ausgelöst wird. Die Antwort fühlt sich vielleicht gut und richtig an, doch das Gefühl trügt. Obwohl sie die Überzeugung vieler Forscher und Forscherinnen widerspiegelt, ist sie nämlich paradoxerweise aus wissenschaftlicher Sicht in keinster Weise aussagekräftig und auch falsch.

Wir selbst haben zumeist Probleme unsere Gefühle in Worte zu fassen. Der Wissenschaft geht es ebenso. Fakt ist: in den Wissenschaften existiert bis heute keine exakte, allgemeingültige Definition für den Begriff „Gefühl“ – und in diesem Sinne hält auch die wissenschaftliche Diskussion zum Begriff „Emotion“ an.

Und was sollen wir uns unter einer „Gefahrensituation“ vorstellen? Es besteht ein grosser Unterschied, ob wir in Gefahr sind, von einem verrücken Serienkiller niedergestochen zu werden oder uns vor anderen Leuten lächerlich zu machen. Darüber hinaus beschreibt der Begriff ein Ereignis, das von beschränkter Dauer ist. Die Angst kann aber auch anhalten, übertragen oder vererbt werden und ganze Epochen prägen.

Zwar ist Angsthaben menschlich. Was aber ist für alle Menschen als „unangenehm“ zu bezeichnen? Es gibt bekanntlich auch Leute, die beim Gedanken an die Peitsche in Entzückung geraten. Das Wort selbst beinhaltet also bereits eine Bewertung. Wir alle aber bewerten die Dinge anders beziehungsweise individuell. Darüber hinaus ist die Bezeichnung „unangenehmer Reiz“ unwissenschaftlich und soll vielmehr assoziativ wirken. In der Forschung selbst spricht man nur von „schwachen“ oder „starken“ Reizen.

 

„Warum dieses beharrliche Schweigen über die Rolle der Angst in der Geschichte? Zweifellos wegen einer weitverbreiteten Verwirrung der Geister bei den Begriffen Angst und Feigheit“

Jean Delumeau (1923-)

 

 

Definition und Begrifflichkeit

Die Angst ist seit vielen Jahrtausenden ein Untersuchungsobjekt des Menschen. Bereits die Denker der frühsten uns bekannten Naturvölker, die ersten Philosophen und Universalgelehrten, Künstler und modernen Wissenschaftler haben sie in unzähligen Definitionsbemühungen zu fassen versucht. Vergeblich.

In den Wissenschaften existiert bis heute keine universelle, allgemein anerkannte und unumstrittene Definition der Angst. Ausnahmslos jeder Forschungszweig – und bestimmt auch jeder Mensch – hat sogar gleich mehrere (!) Definitionen vorzuweisen.

 

Definitionen der Angst

Einige Definitionen der Angst … jedoch noch lange nicht alle!

 

Ein weiteres Hauptproblem, das sich mit der Definierung ergibt und vor allem das gesellschaftliche Angstverständnis immens erschwert, stellt auch die Begrifflichkeit und ihre Deutung dar. Die „Angst“ kann vieles sein, vieles umschreiben. Seit dem Altertum wird auch darüber diskutiert, ob die Wissenschaft zwischen „Angst“ und „Furcht“ unterscheiden soll oder nicht.

Das Wort „Angst“ hat viele Bedeutungen, und in unzähligen Redewendungen wird die Angst angedeutet und beschrieben. Dazukommen noch sehr viele weitere Begriffe, hinter denen manchmal ganze Denk- und Wertsysteme stehen: Weltangst, Heidenangst, Teufelsangst und Hexenangst, Glaubensangst, Isolationsangst, Gewissensangst, Vergeltungsangst, Versagensangst, Leistungsangst, Liebesangst, Herzangst, Erstickungsangst oder die Ehrfurcht, die Gottes- und Dämonenfurcht usw.

Und natürlich darf man auch die unzähligen Bezeichnungen nicht vergessen wie beispielsweise Angsthase, Angstmann, Angstmacher, Angstwurt, Angstpillen, Angstphantasien, Angstzeiten, die „Stadt in Angst“ oder das „Zeitalter der Angst“ sowie unendlich vielen Angstvorstellungen wie die Angst vor Strafe, Dunkelheit, Zuspätkommen, Atomkriegen, Ausländern, Mobbing, Spinnen, Wasser, Arbeitslosigkeit, Höhen oder anderen Menschen und so weiter und so fort.

 

„Nicht nur die einzelnen Individuen, sondern auch Gemeinschaften und sogar ganze Kulturen führen einen ständigen Dialog mit der Angst.“

Jean Delumeau (1923-)

 

 

Die Angst

Der Mensch beschäftigt sich seit seiner Bewusstwerdung mit seiner Angst. Die Geisteswissenschaften wiederum setzen sich seit über zweieinhalb Jahrtausenden mit ihr auseinander, die Naturwissenschaften seit etwas mehr als hundert Jahren. Wo sich die Erkenntnisse von Geistes- und Naturwissenschaften ergänzen, ergibt sich ein Bild von der Angst, das vieles zu erklären vermag. Es zeichnet sich durch die folgenden Informationen aus.

Die Angst ist älter als die Menschheit, schliesslich können alle Säugetiere nachweislich Angst erleben. Wäre sie nicht eine wahre Meisterin auf ihrem Gebiet, die Evolution hätte sie schon längstens aus ihrem Bauplan eliminiert. Ihre Funktion ist kein Geheimnis: sie gewährleistet das körperliche und geistige Überleben – nicht mehr und nicht weniger.

Hilfe kann der Mensch auch gut gebrauchen. Die Welt ist ein gefährlicher Ort, er ein fragiles Wesen. Er erträgt weder Hitze noch Kälte, weder Höhen noch Tiefen und schon gar kein Vakuum. Ohne etwas zu essen stirbt er nach wenigen Wochen, ohne etwas zu trinken sogar nach wenigen Tagen. Seine biologische Lebenserwartung ist ihm zwar genetisch einprogrammiert, ob er sie jedoch erreicht, ist in erster Linie abhängig von der Befriedigung seiner Bedürfnisse und Triebe. Erleidet er Mangel, kann sie sich verkürzen.

Schon den alten Philosophen Griechenlands war klar: die Angst ist die stärkste Triebkraft des Menschen. Denn sie tut alles, damit ihr Wirtskörper keinen Mangel erleiden muss. Seit Jahrtausenden setzt sie ihn in Bewegung, damit er sich nimmt, was er zum Leben braucht oder Schutz sucht, sollte Gefahr drohen. Um seine Bedürfnisse und Triebe befriedigen zu können, muss sich der Mensch schliesslich auf die Suche begeben. Dazu benötigt er nicht nur die nötige Antriebsenergie, sondern auch einen Beweggrund. Beide werden durch die biologische Angst bestimmt, würde doch eine ziellose Suche Energie verschwenden und das Überleben des Organismus‘ bedrohen, der auf Energiesparmodus eingestellt ist.

Die Suche nach Nahrung, Flüssigkeit, Obdach oder einem Sexualpartner ist oft ein gefährliches Unternehmen. Sie kann Narben hinterlassen, nicht nur körperliche, sondern auch psychische. Jede Bewegung, jede Handlung in der Welt wird so zum Abenteuer, das immer Risiken in sich birgt. Kein Wunder, ist die Angst jede Nanosekunde unseres Lebens präsent und wartet nur darauf einzugreifen, sollte es um „Leben oder Tod“ gehen.

Die Angst kennt nur das Gesetz der Selbsterhaltung. Obwohl sie zwischen „gut“ und „schlecht“ unterscheidet und sich nicht selten idealistisch zeigt, kennt sie keine Moral. Vielmehr bezieht sie ihre immense Kraft aus der Doppelmoral. Ein Hauptgrund, warum sie dem dualistisch denkenden Menschen zwar immer widersprüchlich erscheint, ihm aber auch immer ins Konzept passt.

Die Hauptfunktion der Angst ist es, den Menschen vor Schädigungen, Schmerzen und einem frühzeitigen Tod zu beschützen. Dabei betrachtet sie den Menschen als Einheit von Körper und Geist. Da sie nicht zwischen Organismus und Psyche unterscheidet, kennt sie auch nicht den Unterschied zwischen einem biologischen und einem geistigen oder sozialen Tod. (Nicht umsonst spricht man von „Rufmord“ oder „Ehrverletzung“). Für die Angst stellen sie alle denselben Feind dar: die Inexistenz.

 

„Du, o schönes Weltgebäude. / Magst gefallen wem du willst; / Deine scheinbarliche Freude / Ist mit lauter Angst umhüllt.“

Johann Frank (1618-1677)

 

 

Persönliches Phänomen

Die Angst ist in erster Linie etwas, das der Mensch erlebt. Einfluss nehmen kann er darauf nicht. Die menschliche Physionomie und damit die körperlichen Voraussetzungen, um Angst erleben zu können, haben sich in den letzten Jahrtausenden nicht verändert. Der Verhaltensphysiologe Paul Leyhausen hat diese unbequeme Wahrheit passend zusammengefasst:

„Die Evolution von Angstverhalten und -erleben liegt weit zurück in einer Vergangenheit, die dem Individuum weder überschaubar noch begreiflich ist. … Es gibt also Funktionseigenheiten des Angstgeschehens, welche die Evolution dem Individuum fertig mitliefert; es muβ diese so hinnehmen, wie die Form seiner Schädelknochen oder die Scharnierfunktion des Ellbogengelenks, ohne etwas daran ändern zu können.“

Die Angst ist immer ein persönliches Phänomen. Was in einem Angst auslöst, lässt einen anderen völlig „kalt“. Oder anders gesagt: was für den einen einen Anreiz darstellt, ist für einen anderen völlig reizlos; was für den einen eine Gefahr darstellt, ist für einen anderen völlig harmlos. Schliesslich wird das individuelle Angsterleben von unseren Erfahrungen, unserer Erziehung und biologisch-genetischen Veranlagung bestimmt. Die Erfahrungen spielen jedoch die grösste Rolle, da die Angst immer dazu lernt und sich ihrer Umwelt anpasst.

Die Angst wirkt sowohl unbewusst als auch bewusst. Doch selbst im bewussten Zustand entscheidet sie über das Leben des Menschen, untersteht sie doch nicht seinem freien Willen. Nicht er entscheidet, welche Personen, Dinge, Worte oder Gedanken starke Reize auf ihn ausüben und eine Erregung seines Körpers auslösen. Es passiert einfach. Bei jedem Individuum zeigen sich Ursprung und Wirkungen der Angst daher unterschiedlich – auch wenn andere die Ängste ebenfalls nachvollziehen können oder die Angst im Kollektiv erlebt wird.

Die physiologischen Voraussetzungen um Angst erleben zu können, haben sich in den letzten Jahrtausenden nicht verändert. Was sich aber im Verlaufe der Menschheitsgeschichte immer wieder verändert sind die Angstvorstellungen (Ängste) und ihre Auslöser. Sie sind unzählbar und ihre unterschiedlichen Formen sprengen jedes Vorstellungsvermögen. Der Mensch kann sich vor jedem und allem fürchten, sogar vor sich selbst oder vor der Angst. Alleine das Lesen des Wortes „Angst“ kann die Amygdala aktivieren und den Körper in Erregung versetzen – im Guten wie im Schlechten.

 

„Denn zwar gleich ist die Furcht, doch die Zeichen der Furcht sind verschieden.“

Publius Ovidius Naso (43 v. Chr. – 17 n. Chr.)

 

 

Angsterleben

Die Angst besitzt die Fähigkeit, den Gegensatz zwischen nicht-materiellerer und materieller Welt aufzuheben. In ihrer ursprünglichen Form ist sie nichts anderes als pure Energie – und eigentlich ist das sehr passend, besteht der Mensch nicht nur aus gebündelter Energie, sie ist auch sein Lebenselixier. Wie aber findet diese energetisch-immaterielle Kraft Eingang in die erfahrbare Welt?

Schwache Reize lösen keine Erregung aus und somit auch keine Gefühle. Der Organismus befindet sich im biochemischen Gleichgewicht und „funktioniert“. Starke Reize hingegen lösen ein Ungleichgewicht aus und aktivieren die Amygdala, unseren Überlebensmechanismus im Gehirn (Angstmechanismus). Sobald sie einen solchen starken Reiz empfängt, übernimmt sie automatisch die Kontrolle über den Körper und seine Funktionen, macht ihn aktionsbereit. Sie koordiniert sozusagen die Materialisierung unseres energetischen Angstreizes, wandelt sie doch Energie in Bewegung um.

Das persönliche Angsterleben verläuft immer nach demselben Schema. Initiiert wird es durch ein starkes Reizsignal – ein Funke springt sozusagen über. Seine energetischen Impulse werden von unseren Sinnesorganen aufgenommen, jagen durch das Nervensystem und aktivieren unseren Angstmechanismus im Gehirn. Hier wird der zugeführte Energieschub dazu genutzt, ein komplexes Regelwerk in Gang zu setzen, das unsere eigene Körperenergie bündelt. Nun baut sich Druck in unserem Inneren auf. Das überschüssige Energiepotenzial drängt nach aussen, will durch eine Handlung wieder in Umlauf gebracht werden.

Obwohl die Umwandlung unseres Reizimpulses viele komplexe Prozesse durchläuft, bleibt unser Angstmechanismus immer ein absoluter Minimalist. Einer Energiezufuhr begegnet er mit einer Energieabfuhr und umgekehrt. Den Fluss zu unterbrechen ist verboten, Depots anlegen ebenso. Überschüsse müssen immer kompensiert werden. Wo Antriebsenergie gestaut oder sogar angereichert wird, „wird’s eng“, „explodiert“ jemand oder aber „implodiert“.

Der Energiekreislauf der Angst schreibt jeden Tag Geschichte, nicht nur Alltags-, sondern auch Weltgeschichte. Ihr Kreislauf umfasst zwar die sinnliche Erfahrung, ihre biochemische Verarbeitung und das angeborene Angstverhalten. Sämtliche Reaktionen, die durch ein Angsterleben auslöst werden (u.a. ein Zittern oder eine Flucht), senden jedoch ebenfalls wieder starke Reize aus, die bei einem Beobachter die Amygdala aktivieren können.

 

„Mein Geist und Körper fühlt die Angst; wie sie das Gemüt durch ein Gefühl von aussen empfing, so will es sie dann wieder quälend und ringend zum äussern Gefühl hinaus arbeiten, um ihrer los und ruhig zu werden.“

Johann Ludwig Tieck (1773-1853)

 

 

Angst und Gesellschaft

Die Menschen schliessen sich nur aus einem Grund zu Kollektiven zusammen: die gemeinsame Angstabwehr. Die Angstausübung hat sich jedoch für Herrscher und Regierungen auch als ein erfolgreicher Kitt erwiesen, um Gemeinschaften zusammenzuhalten. Der Begriff „Zivilisationsprozess“ umschreibt daher auch nichts anderers als die Bildung Angst produzierender Gemeinschaften.

Schon die ersten Hochkulturen führten einen „Kampf gegen die Angst“ – und damit „gegen das Leben“. Für den sesshaften, einem Kollektiv angehörenden Menschen bedeutet die Angst schliesslich Chaos. Sie setzt ihn scheinbar willkürlich in Bewegung, wenn er doch lieber „stillhalten“ möchte – oder besser gesagt muss, will er denn weiterhin „dazugehören“. Innerhalb der Gemeinschaft zieht schliesslich jede Bewegung, jedes Wort und jeder Gesichtsausdruck Konsequenzen nach sich, birgt jede Aufmerksamkeit Risiken in sich. Der soziale Konsens besteht darauf, dass man sich angst- und emotionslos zeigt, „cool“ ist. Die Angst kann schliesslich nicht nur ansteckend wirken, sie kann den Menschen auch unkontrollierbar machen. Daher sind verängstigte Bürger und Bürgerinnen auch der Alptraum jeder Herrschaft – jedenfalls solange sich deren Angst nicht instrumentalisieren und kein Geld mit ihr verdienen lässt.

Jeder Mensch wächst in einer anderen Umgebung auf und macht unterschiedliche Erfahrungen. Darum weist nicht nur sein Gehirn immer eine einzigartige Architektur auf, sondern auch seine Angst. Sie wie auch die Gene des menschlichen Gehirns passen sich schliesslich immer ihrer Umwelt an. Lebt der Mensch in einer Welt, die seiner Biologie feindlich gesinnt ist, da sie von Zwängen und mangelnder Bedürfnisbefriedigung beherrscht wird, hat dies natürlich nicht nur einen negativen Einfluss auf sein Denken, sein Verhalten und sein Selbstbild. Auch seine physische und psychische Gesundheit wird beeinträchtigt.

Das aktuelle Angstbild ist das Bild eines ohnmächtigen aber auch berechnenden Kulturmenschen, womit auch das öffentliche Angstverständnis ein Zerrbild der Angst widerspiegelt. Man hat sich sehr viel Mühe gegeben, sie in allen öffentlichen Wissensbereichen zum simplen Gefühl herabzuwürdigen und ihr „normales“, „nicht-krankhaftes“ Auftreten auf die Gefahrensituation zu beschränken – die für gewöhnlich ebenfalls fremdbewertet wird. Die Wesenszüge der Angst sind aber nicht nur mehrdeutig und widersprüchlich, sondern vor allem auch facettenreich. Sie lassen sich in kein Definitionskorsett zwängen. Daher kann auch ich Ihnen – liebe Leser und Leserinnen – nicht in zwei oder drei Sätzen formulieren, wie sie zu definieren ist. Aber das Folgende kann ich Ihnen sagen:

Die Angst ist eine biologisch verankerte Urkraft, die sich sowohl körperlich als auch geistig bemerkbar macht. Alles, was wir sinnlich wahrnehmen und empfinden, wird durch sie beurteilt. Alles, worüber wir nachdenken, wird durch sie beherrscht. Jede Erinnerung und jede Erfahrung wird von ihr überschattet. Jede Erfindung und jedes Kunstwerk wird durch sie inspiriert. Egal, wie wir uns verhalten, immer zieht sie im Hintergrund die Fäden. Bei jedem Schritt, den wir tun, geht sie mit. Sie versteckt sich in jedem Satz, der gesprochen oder niedergeschrieben wird. Jede Wissenschaft und Religion ist ihr entsprungen. Jedes Lebenssystem und jemals erdachte Mensch-, Selbst- und Weltbild fundiert auf ihr. Sie ist eine wahre Meisterin auf ihrem Gebiet! Hätten sich ihre Überlebensstrategien nicht seit jeher bewährt, die Evolution hätte sie – und den Menschen – schon längstens aus ihrem Bauplan eliminiert.

 

„Furcht soll das Haupt des Glücklichen umschweben, / Denn ewig wanket des Geschickes Waage.“

Friedrich Schiller (1759-1805)

 

 

Zitat: Leyhausen, Paul: Zur Naturgeschichte der Angst, in: Die politische und gesellschaftliche Rolle der Angst, hg. v. Heinz Wiesbrock, Frankfurt a. M. 1967.

Bildnachweis: Titelbild) Pixabay.com.

 

By |2019-09-28T07:48:50+00:00März 29th, 2018|AnGSt|0 Comments