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Das Wort “Angst”

Unsere Kommunikation baut auf Worten auf. Dass wir in abstrakten Zeichen denken und heute Buchstaben deuten können, ist vermutlich aus der uralten Fähigkeit des Spuren- und Sternelesens hervorgegangen. Als der Mensch seiner Angst ihren Namen gab, war sein Blick jedoch bestimmt nicht in den Himmel oder auf die Erde gerichtet. Vielmehr schaute er in sein “Inneres” oder aber auf ein “Gegenüber”, dem es gerade die Kehle zuschnürte – ng!

 

Es wird eng

Das deutsche Wort „Angst“ und alle mit ihm in Verwandtschaft stehenden Begriffe sind mit der Eigenschaft „eng“ verbunden. Die Hauptbedeutung des Wortes „Angst“ ist also die „Enge“. Der Sprachwissenschaftler Mario Wandruszka suchte in den europäischen Kultursprachen nach seinen sprachlichen Wurzeln. Er schreibt in seinem Buch „Angst und Mut“:

„Da ist einmal das Wort Angst, merkwürdigerweise ein Lehnwort: Das althochdeutsche angust geht auf lateinisch angustia(e) „Enge, Beengung, Bedrängnis“ zurück; angustus „eng, beengt“ seinerseits auf ango, anxi „(die Kehle) zuschnüren, (das Herz) beklemmen“, das dem griechischen ἄγχω „würgen, drosseln, ängstigen“ entspricht. Kein anderer Laut als das gutturale – ng – (ŋ) könnte besser das Gefühl der Enge wiedergeben (und kein besserer Name für die Rachenentzündung gefunden werden als angina). Zu diesem indogermanischen Stamm gehört auch unser deutsches eng: Seine innerer Verwandtschaft mit angst, aber auch mit dem lutherdeutschen bang, aus: be-ange (das Petri in seinem Basler Glossar zur Lutherbibel 1523 mit engstich, zwang, gedreng erklärt und Eck in seiner Ingolstädter Bibel 1537 durch trang, angst ersetzt), ist in der „Herzensangst“, dem „bangen Herzen“ des Dichter spürbar.“

 

„Ich sage dir, Wirt, leg uns, dass wir sicher sind oder wir wollen dir ein Wesen machen, dass dir das Haus zu eng wird!“ 

Thomas Platter (1499-1582)

 

 

Ursprünge

Wie viele Sprachwissenschaftler hat auch Wandruszka vor allem in der klassischen Schrifttradition nach den sprachlichen Wurzeln unseres Angst-Wortes gesucht. Doch wie das bei vielen Worten der Fall ist, lassen sich nebst den griechischen und lateinischen Begriffen auch andere sprachliche Vorläufer finden, andere Kulturen und ihre Sprachen. Über sie wissen wir manchmal aber kaum etwas.

Die Germanen waren nicht so schreiblustig, wie die Griechen oder Römer es waren. Sie haben ihre Geschichten, ihre Mythen und Märchen mündlich überliefert. Doch auch sie haben Texte hinterlassen, die von der Angst berichten. Als Urworte unseres Angst-Wortes gilt in den Sprachwissenschaft daher auch das altindogermanische (altindoeuropäische) áṁhas (Angst, Bedrängnis) sowie die indogermanische (indoeuropäische) Wurzel anĝ- oder auch anĝh- (eng, einengen, zusammendrücken/-schnüren). Urverwandt mit diesen sind wiederum zahlreiche Wörter mit ähnlicher Bedeutung im Lateinischen, Griechischen aber auch Keltischen, Baltoslawischen oder Altindischen.

Doch egal, wie gross der Einfluss der griechischen, lateinischen oder indogermanischen Sprache auf die Ausbildung unseres Angst-Wortes war, seine Wurzeln gehen noch tiefer. Nicht nur viele germanische Angstwörter, sondern auch das lateinische Wort angor (Angst, Eng, Würgen, keine Luft bekommen) sind nämlich mit den arabischen Wörtern ӑng (Engstelle, Hals, enge Stelle) und ӑnaka (eng, umarmen) urverwandt, die wiederum beide auf das arabisch-akkadische k-ang (Enge, Würgen, Ersticken, Abdrosselung) zurückgehen. Es steht am Anfang der Schriftentwicklung, die ungefähr Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. angesetzt wird. (Falls Sie wissen möchten, wie das Wort „Angst“ – oder besser gesagt: eines von vielen – in Keilschrift, in altägyptischen Hieroglyphen und altgriechischer Schrift geschrieben wird, besuchen Sie die Startseite!)

 

„Nicht vorwärts konnten sie, auch nicht zurück, / Gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge.“

Friedrich Schiller (1759-1805)

 

 

Angst und Bange

Der Wortschatz der Angst baut auf der Enge-Erfahrung und weiteren körperlichen Angstreaktionen auf. Die Laute, die der Mensch während des Angsterlebens von sich gibt, stellen die Ursilben dieses Schatzes dar. Aus dem überraschenden „Ah!“, dem atemabschnürenden „-ng“ und dem Luft ausstossenden „-st“ bildete sich das Wort „A-ng-st“.

Wer Angst durchlebt, zzz-zittert nicht selten am ganzen Leib und bbb-bibbert unkontrollierbar vor sich hin. Die Worte Bange und bang(e) waren früher weit verbreitete Synonyme für „Angst“ und „sich ängstigen“. Die Redewendung, es könne einem „Angst und Bange“ werden, kommt also nicht von ungefähr. Gemeinsam beschreiben sie in tonalen Bildern das Angsterleben.

Der Begriff „Bange“ war anfänglich nur im Nieder- und Mitteldeutschen beheimatet. Mit der Bibelübersetzung Luthers (die von Wandruszka oben erwähnt wird) fand er aber ziemlich schnell seinen Weg in die deutsche Schriftsprache, anfänglich jedoch nur in Adverbform. Im 17. Jahrhundert wurde vor allem die Adjektivform geläufig.

 

„Ängstlich ums Dach flatterten die Schwalben, und dem armen Weibchen ward so eng und bang allein im Hause.“

Jeremias Gotthelf (1797-1854)

 

 

Europa in Angst

Die Enge-Erfahrung gab der Angst nicht nur ihren Namen, sondern prägte sämtliche europäischen Kultursprachen. Die lateinischen Wörter angor (Würgen, Beklemmung, Angst) und anxietas (Ängstlichkeit) beispielsweise fanden beide ihren Weg in die Sprachen Europas, auch wenn in ihrem Fall die Wortbedeutung der Lateiner nicht immer eine Umsetzung fand. Dazu meint Mario Wandruszka:

„So wie im Deutschen lebt angustia weiter im Italienischen als angoscia, im Spanischen als congoja, im Portugiesischen als congoxa (das con- gut als Verstärkung der Zusammenschnürung deutbar), im Französischen als angoisse, im Englischen als anguish. In den gleichen Sprachen finden wir auch anxietas wieder. Alle diese Ausdrücke umfassen bis heute die verschiedensten Arten seelischer Beengung und Bedrängnis, Kummer, Qual, Schmerz (zum Beispiel geben in italienischen Todesanzeigen die Angehörigen angosciati, „schmerzerfüllt“, den Verlust bekannt), aber auch ganz andersgeartete Beklemmungszustände.“

 

Die Urverwandtschaft mit dem Wort „Enge“ bzw. „eng“ findet sich also in zahlreichen anderen Bezeichnungen, so auch im portugiesischen ansiedade (Angst, Sorge, Unruhe, Beklemmung), im italienischen ansia (Angst, Beklemmung, Sorge) oder im spanischen angustia (Angst, Beklemmung, Übelkeit, Qual). Das Altfranzösische kannte sogar das Wort angst – das im Englischen heutzutage immer häufiger Erwähnung findet.

Würden wir mit jemandem aus Schweden, Dänemark, Norwegen oder den Niederlanden über die „Angst“ sprechen wollen, wäre die Sprachbarriere gleichfalls kein Hindernis. Denn im Niederländischen, Dänischen und Norwegischen gibt es das Wort angst ebenfalls. Im Schwedischen wiederum heisst die Angst ångest oder ängslan, und das Dänische kennt für sie auch das Wort ængstelse.

Die gemeinsamen Sprachwurzeln aber vor allem der gemeinsame Glaube an die Bibel haben dazu geführt, dass sich das früher weit verbreitete Synonym Bange auch in den Nordländern durchgesetzt hat. In Dänemark beispielsweise heissen die Begriffe „ängstlich“ und „bange“ ӕngstelig und bange, in den Niederlanden angstig und bang.

 

„Und während ich noch zögerte, ob ich nun fliehen oder näher herantreten sollte, … und es mich ebenso drängte wie schauderte, sie zu berüheren, ging plötzlich ein strahlendes Lächeln über ihr Antlitz

Umberto Eco (1932-2016)

 

 

Janusgesicht

In Zeiten der Angst wird es immer „eng“ für den Menschen, manchmal räumlich, manchmal zeitlich aber immer körperlich. Fährt unser Angstmechanismus im Gehirn die Antriebsenergie hoch, dann weil das Leben gerade potenziell gefährdet ist oder aber gestärkt werden kann. (Mehr Infos dazu im Beitrag „Amygdala“!) Kein Wunder, weisen sowohl das Wort „Angst“ als auch das Wort „Bange“ daher eine Doppeldeutigkeit auf. Sie werden nicht nur mit „ängstlich sein/werden“, „in die Enge treiben“ oder „sich sorgen“ übersetzt, sondern auch mit „verlangen“, „begehren“ oder „sich sehnen“. Aus demselben Grund kann sich der Mensch auch nicht nur „vor“, sondern auch „um“ etwas oder jemanden „ängstigen“ oder auch „bangen“.

Ein Grossteil des Angstwortschatzes leitet sich von den biologischen Eigenschaften der Angst her, beziehen sich also auf das Angsterleben. Dazu gehören auch die Worte „Drang“ oder „Zwang“, die ebenfalls immer doppeldeutig zu verstehen sind. Keine Ausnahme machen da auch die Angstworte anderer europäischer Sprachen. Das englische Wort anxiety zum Beispiel wird ebenfalls nicht nur mit „Angst“ oder „Ängstlichkeit“ übersetzt, sondern genauso oft auch mit „Verlangen“ oder „Begehren“. Dieselben Bedeutungen haben auch das italienische ansia (Sehnsucht, Verlangen) oder das portugiesische ansiedade (Sehnsucht, Begierde). Dasselbe gilt für die nordischen Länder. Auch hier werden die Angst- und Bangeworte sowohl mit „sich ängstigen“ als auch mit „sich sehnen“, „verlangen“ oder „begehren“ übersetzt.

 

„Er schaute wieder das ernste Antlitz der mächtigen Frau, und die verstörende Angst des sehnsüchtigsten Verlangens erfasste ihn aufs neue.“

E.T.H. Hoffmann (1776-1822)

 

Auch in der Sprache der Maori, deren polynesische Vorfahren vor über 6’000 Jahren den pazifischen Ozean erobert haben, fand das Janusgesicht der Angst seinen Niederschlag. (Siehe dazu den Beitrag über die „Maori und die Angst“!) Schliesslich sind Worte nicht nur wichtige Bedeutungs-, sondern auch Angstträger (Angstvorstellungen). Dass sich die Frühmenschen sehr intensiv mit der Angst beschäftigt haben, zeigt sich bereits an den ersten Schriftkulturen, die alle gleich mehrere Worte für die Angst kannten und ihnen auch unterschiedliche Bedeutungen zuschrieben. Sie geben eine Vorstellung davon, wie umfangreich und komplex das Angstwissen bereits vor der Erfindung der Schrift gewesen sein muss. Und wie intensiv sie sich mit ihr auseinandergesetzt haben müssen, zeigt sich vor allem auch an der Sprache der Maori. Sie allein kennt fast fünfzig Hauptbegriffe für die „Angst“!

 

Literatur: Bluhme, Hermann (Hg.): Etymologisches Wörterbuch des deutschen Grundwortschatzes, München 2005; Detter, Ferdinand (Hg.): Deutsches Wörterbuch, Leipzig 1897; Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Berlin 2012; Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (A-Z), Aufl. 2, Berlin 1993; Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache, hg. v. Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion, Bd.7, Aufl. 3, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2001; Jiffy, Hady: Ursprungswörterbuch der deutschen Sprache unter besonderer Berücksichtigung der akkadischen Sprachen sowie der Dialekte und Mundarten, Bd. 1, Hamburg/Augsburg 2000; Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Aufl. 24, Berlin/New York 2002; Karg-Gasterstädt, Elisabeth und Frings, Theodor (Hg.): Altdeutsches Wörterbuch, Berlin 1953; Lexers, Matthias: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, 30. Auflage, Stuttgart 1961; Mackensen, Lutz: Ursprung der Wörter. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, München 2013; Paul, Hermann (Hg.): Deutsches Wörterbuch, Aufl. 9, Tübingen 1992; Wandruszka, Mario: Angst und Mut, Stuttgart 1981.

Zitate: Mario Wandruszka: Angst und Mut, Stuttgart 1981.

Bildnachweis: Titelbild) Pixabay.com.

 

By |2019-09-12T10:28:36+00:00März 24th, 2018|AnGSt|0 Comments